HomeKÖRPERGesundheitDie helle und die dunkle Seite der Midlife-Crisis

Die helle und die dunkle Seite der Midlife-Crisis

Als ich die Möglichkeit bekam, erstmalig für NTO einen Gastbeitrag über mein Spezialgebiet, die Midlife-Crisis, zu schreiben war ich hin- und hergerissen. Sollte ich mein Wissen über das Thema komprimieren, in diesen Beitrag packen und dir als Leser dazu noch einen Haufen literarischer Quellen vor den Latz knallen? Oder sollte ich ein paar Auszüge aus meinem Midlife-Crisis-Tagebuch zum Besten geben? Ich verwarf beides und entschloss mich, mit einer wahren Geschichte zu beginnen.

Es ist die Geschichte von einem Typen, der sich mit Mitte 40 bei seinem Arzt durchchecken lässt. Es geht ihm gut, aber er denkt, in seinem Alter müsste man das vernünftigerweise mal machen. Das Ergebnis ist eigentlich auch gut. Es gibt nur ein Problem: Er wiegt bei einer Körpergröße von 184 cm rund 100 Kilo. Sein Körperfettanteil liegt bei 30%. Das geht schon deutlich in die adipöse Richtung. Und das, wo er doch sein Leben lang – warum auch immer – von einem sportlichen Körper träumt.

Bei diesem kleinen Pummelprinzen, der da etwas bedröppelt auf der Waage seines Arztes steht, handelt es sich um mich. So weit, so gut. Solche Szenen spielen sich in Deutschlands Arztpraxen Tag für Tag wahrscheinlich tausendfach ab. Also wo ist der Bezug zum Thema? Ganz einfach: Dieser Tag liegt rund 4 Jahre zurück und markiert den Beginn meiner bis heute andauernden Midlife-Crisis.

Ich stand auf dieser verflixten Waage, wusste, dass ich auf die 50 zugehe und war Lichtjahre von meinem großen Traum eines athletischen Körpers entfernt. In meinem Kopfkino sah ich, wie man mich irgendwann alt und fett aufs Sterbebett hieven und ich mein Leben, in dem ich nie erfahren hatte, wie es sich in einem trainierten und wohlproportionierten Körper anfühlt, noch einmal an mir vorüberziehen lassen würde.

Auslöser für eine Midlife-Crisis gibt es viele. Bei Till war es das hohe Gewicht.
Der Pummelprinz sieht sich weit entfernt von seinem Traum eines sportlichen Körpers und blickt seiner Midlife-Crisis erstmalig tief in die Augen.

Sterbebett-Gedanken

Meine Sterbebett-Gedanken sind typisch für die Midlife-Crisis. Bei mir war die Initialzündung mein aus meiner Sicht optimierungswürdiger Körper. Bei anderen dreht es sich um Beruf und Karriere, Partnerschaft, Anerkennung, Wohlstand, Sinnsuche oder was auch immer. Die Frage, die die meisten männlichen Midlife-Crisler bewegt, lautet:

“Soll ich eines Tages tatsächlich von dieser Welt abtreten, ohne dieses oder jenes getan, erreicht, erlebt zu haben?”

Diese Gedanken können quälend sein, denn eine schnelle Lösung gibt es in den wenigsten Fällen.  

Die Midlife-Crisis meint es gut mit uns!

Doch die Midlife-Crisis meint es eigentlich gut mit uns. Sie kann der Arschtritt sein, der manchmal ein Leben lang gefehlt hat. Sie kann der Stachel im Fleisch eines jeden Zauderers und Zweiflers, die Medizin gegen Aufschieberitis und die Antwort auf jede erdenkliche Warum-Frage sein. Und diese Antwort lautet schlicht und einfach: “Weil du nicht ewig Zeit hast.” Du hast noch unerfüllte Träume? Dann kümmere dich drum! Heute! Du wirst nie jedes Leben leben können, was du hättest leben können. Du wirst dir auch nicht jeden Wunsch und jeden Traum in diesem Leben erfüllen können. Aber wenn es dir wichtig ist, dann gibt es nur ein Credo: “Don’t waste your time!”

Meine Midlife-Crisis führte mich nach einer jahrzehntelangen Karriere als wandelnder Jo-Jo-Effekt zu den Weight-Watchers. Nie hätte ich vorher gedacht, dass ich mich jemals auf so einen Stuhlkreis-Zirkus mit diesen lächerlichen Wiege-Ritualen einlassen könnte. Meine Einschätzung dazu änderte sich bald.

zu cool fuer ww helle dunkle Seite MC
Lange Zeit dachte ich, ich sei viel zu cool für die Weight-Watchers.

Meine Midlife-Crisis bescherte mir ein Homegym und einen motivierenden Trainingsplan, füllte mein Bücherregal mit Literatur über Sport, Ernährung und Philosophie und schenkte mir die Zeit, das ganze Zeug auch noch zu lesen und vieles davon in die Tat umzusetzen.

Sie gab mir Lust auf Selbsterkenntnis und machte mir Mut, mich in meiner Freizeit als Autor zu versuchen. Sie ließ mich mit langjährigen schlechten Gewohnheiten brechen und gab mir die Motivation, mich in vielen Dingen weiterzuentwickeln. Mein Fett wurde weniger, meine Muskeln stärker, mein Körper fitter, mein Geist aufgeräumter, meine Ziele klarer. 

Willkommen auf der dunklen Seite der Midlife-Crisis!

Das klingt jetzt tatsächlich alles viel zu schön, um wahr zu sein: Die Midlife-Crisis klopft an meine Tür, ich öffne ihr und – schwupps – schon bin ich ein neuer, besserer Mensch. Wo ist da die Krise? Ich schrieb ja schon, dass es die Midlife-Crisis eigentlich(!) gut mit uns meint. Sie kann das Sprungbrett auf ein neues Level in unserem Leben sein. Aber wie so oft gibt es kein Licht ohne Schatten. Die Midlife-Crisis ist eine Übergangsphase von einem Lebensabschnitt in den nächsten mit allen Risiken und Nebenwirkungen!

Sie ist vergleichbar mit der Pubertät oder auch mit Entwicklungssprüngen bei Säuglingen. Solche Entwicklungssprünge werden bei Babys oft begleitet von Phasen besonderer Unruhe, Quengelei und Weinen. Aber am Ende steht dann eine neue Fähigkeit oder Errungenschaft. Das Baby hat einen Zahn bekommen, kann auf einmal sitzen, krabbeln, ein Wort sagen, oder sonst etwas tun, was es vorher noch nicht konnte. 

Ich komme mir manchmal vor wie ein zahnendes Baby. Ich merke, da bricht sich etwas Bahn, was raus muss. Bei mir ist es aber kein Zahn, sondern der Drang nach Selbsterkenntnis. Und mein “zahnen” dauert nicht ein paar Tage und Nächte, sondern mittlerweile Jahre. Um zu wissen, wie ich meine zweite Lebenshälfte gestalten möchte, muss ich mich selbst wirklich gut kennen und meine Motive verstehen.

Der Weg zur Selbsterkenntnis ist jedoch gepflastert mit unendlich viel Denken, Reflexion und Kontemplation. Das kann streckenweise total faszinierend und spannend sein. An manchen Tagen nervt es mich einfach nur und erscheint wahnsinnig zermürbend und auslaugend. Ich habe dann das Gefühl, mich im wahrsten Sinne wund zu denken, so als wäre mein Geist ein Muskel, den ich vollkommen übertrainiere, bis alles weh tut und komplett im Eimer ist. 

An solchen Tagen wünsche ich mir, ich hätte diese Büchse der Pandora nie geöffnet und könnte einfach so weitermachen wie bisher. Ich hätte keinen Anspruch auf Veränderung oder Optimierung oder sonst einen Antrieb auf persönliche Weiterentwicklung. Ich würde mir auch keine Gedanken darüber machen, ob ich mich nach über 20 Jahren im selben Beruf noch einmal anderweitig orientieren sollte. Ich hatte doch bisher ein tolles Leben. Warum etwas ändern? Andere schaffen das doch auch. Neulich schüttelte ein Kumpel von mir (gleiches Alter wie ich) etwas mitleidig den Kopf und sagte: “Ey, worüber du dir so Jedanken machst. Ick hab da ja keene Zeit für. Viel zu viel um die Ohr’n.”

Alles wie immer helle dunkle Seite MC
Ist es vielleicht besser, der Midlife-Crisis die Tür gar nicht so weit zu öffnen und alles so zu lassen wie es immer war?

Ich glaube, die Midlife-Crisis klopft früher oder später bei jedem von uns an die Tür. Die Frage ist nur, ob wir ihr Klopfen hören (wollen) oder nicht. Ich habe neulich in einem sehr guten und ausführlichen Buch über die Midlife-Crisis gelesen, dass der Gewinn, den sie uns bringen kann, umso wertvoller ist, desto härter wir sie empfinden und durchleben. Ich glaube ganz fest an diese These und betrachte und schätze meine Midlife-Crisis daher gern als Sparringspartner. Wir können uns austauschen, gemeinsam ins Training gehen und uns gegenseitig auch mal auf die Fresse hauen, aber alles nur zu dem guten Zweck, besser und stärker zu werden und ein neues Level zu erreichen.

Die Midlife-Crisis ist nicht jedermanns Sache

Am Anfang habe ich in meinem persönlichen Umfeld noch ganz viel darüber geredet von wegen, wie geil das jetzt ist mit dem Sport und der gesunden Ernährung und diesem ganzen Ding mit dem “sich weiter entwickeln”. Boah ey, ich wollte am liebsten jeden meiner Kumpels an meinem ganzen Enthusiasmus und meinen Erkenntnissen teilhaben lassen. Andererseits wurde ich aber auch direkt darauf angesprochen. Ich hatte irgendwann 20 Kg abgenommen und meinen Körperfettanteil halbiert. Das sah man mir auch an.

Also wurde ich oft gefragt: “Wie hast’n das gemacht?!” Die Fragesteller hofften immer auf eine einfache Antwort. Vielleicht hatte ich ja die Wunderdiät für angehende Bestager-Debütanten entdeckt? Nein, das hatte ich nicht. Und ich konnte ihnen auch keine einfache Antwort auf ihre Frage geben. Irgendwann sah ich meine körperliche Transformation eh nur noch als Mittel zum Zweck, so nach der alten Weisheit: “Mens sana in corpore sano (Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper)”. Ich kam zu der Überzeugung, dass ich mich geistig am besten weiterentwickeln könnte, wenn das “Haus”, in dem ich wohne, gut gebaut, geputzt und aufgeräumt ist. 

Ich habe gelernt, dass das alles nicht jedermanns Ding ist und einige darauf sogar allergisch reagieren. Manche wollen das Thema bewusst nicht an sich heran lassen, weil es sich nach Anstrengung und Zwang nach Veränderung anhört. Das wollen sie gar nicht. Für andere bin ich das wandelnde schlechte Gewissen und für wieder andere einfach nur verbissen und das Opfer modernen Selbstoptimierungswahns.

Abgesehen davon erfülle ich ja schon mindestens eines dieser typischen Midlife-Crisis-Klischees: “Alternder Mann rennt ins Fitness-Studio und trainiert wie bekloppt seine Muckis.” Die Kritiker in meinem persönlichen Umfeld meinen, es könne doch nicht immer nur darum gehen, besser zu werden. Nun bin ich zum Glück weder Missionar, noch bin ich Berater oder Coach, also rede ich über meine Midlife-Crisis und ihre Begleiterscheinungen nur noch mit Menschen, die da so richtig Bock drauf haben. Ich kann dir jedenfalls nur sagen: “Es lohnt sich!”. 

Selbstoptimierung helle dunkle Seite MC
Körperliche Selbstoptimierung in der Midlife-Crisis. Ein typisches Klischee. Doch der Körper ist nur EIN Aspekt. Viele wollen nicht nur, dass ihre Muskeln wachsen, sondern auch ihr Geist.

Und was diesen vermeintlich modernen Selbstoptimierungswahn betrifft: Keineswegs ist Selbstoptimierung eine Erscheinung unserer modernen Gesellschaft. Konfuzius, der chinesische Philosoph, gab bereits vor über 2.500 Jahren zu bedenken:

„Wer meint, in seinem Leben gebe es nichts zu verbessern, ist entweder ein Gott oder ein vollendeter Weiser, oder erkennt sein Potential nicht, das in ihm und seinem Leben steckt. Nur die höchststehenden Weisen und die tiefststehenden Narren sind unveränderlich.”

Das soll es für heute gewesen sein. 

Herzliche Grüße,
Dein Till

Bilder © levelx.team

Till Aigner
Till Aignerhttps://levelx.team/
Till Aigner (Jg. 1973) lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin. Familie, Freunde, Beruf, alles läuft gut. Vor einiger Zeit stellt er sich dann selbst die Diagnose „Midlife-Crisis“. Ihm wird bewusst, dass er seine restlichen Lebensjahrzehnte bereits an einer Hand abzählen kann. Das macht was mit ihm. Muss da nicht nochmal was gehen? Er beginnt, Dinge zu ändern. Und er schreibt Tagebuch. Darin erkundet er seine Gedankenwelt, schmiedet Pläne und erzählt von der Faszination und dem Abenteuer „Midlife-Crisis“.

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