Jeder zweite Mann ab 45 geht nicht zur Vorsorgeuntersuchung. Das ist die Zahl, die Prof. Dr. Markus Graefen nennt und die ihn, nach Jahrzehnten als Chirurg und Forscher, immer noch frustriert. Weil er weiß, was auf dem Spiel steht und was möglich wäre. Er ist ärztlicher Leiter der Martini-Klinik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Einem Ort, der in der Urologie als die weltweit größte Spezialklinik für Prostatakrebs gilt. Rund 2.500 Operationen pro Jahr, eine der umfangreichsten Langzeitdatenbanken zu Therapieergebnissen, die es gibt und ein Modell, das selbst die Harvard Business School interessiert hat. Nicht wegen der Operationszahlen, sondern wegen der Art, wie hier mit Patienten und Mitarbeiter*innen umgegangen wird.
Im NOT TOO OLD Podcast spricht Prof. Dr. Markus Graefen ganz offen über das Thema, das viele Männer lieber vor sich herschieben. Über Prostatakrebs. Über Früherkennung. Über die Frage, was passiert, wenn man es zu lange ignoriert und über die gute Nachricht: Vieles hat sich zum Besseren verändert. Hört es euch an.
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Prostatakrebs und Zahlen, die man kennen sollte
Etwa 75.000 Männer werden in Deutschland pro Jahr neu mit Prostatakrebs diagnostiziert. Damit ist er die häufigste Krebserkrankung bei Männern überhaupt und die zweithäufigste Krebstodesursache. Das ist erschreckend und sehr relevant für euch Best Ager. Aber es gibt eine entscheidende Besonderheit, die Prostatakrebs von vielen anderen Tumoren unterscheidet: Er wächst langsam und er macht im Frühstadium keine Beschwerden.
Das ist gleichzeitig sein größter Vorteil und seine größte Tücke. Der Vorteil: Wer früh diagnostiziert wird, hat ausgezeichnete Chancen. Die Tücke: Wer wartet, bis er Symptome spürt, kommt oft zu spät.
„Im Frühstadium macht der Prostatakrebs keine Beschwerden“, erklärt Graefen. „Das könnte für viele wie eine Einladung klingen, einfach nichts zu tun. Aber genau das Gegenteil ist richtig: Weil man nichts spürt, ist der Test der einzige Weg, frühzeitig zu wissen, was los ist.“
Der PSA-Wert: Ein Bluttest, der Leben rettet
Der wichtigste Schritt zur Früherkennung ist einfach: ein Bluttest. Der PSA-Wert – Prostata-spezifisches Antigen – gibt Hinweise darauf, ob die Prostata unauffällig ist oder weiterer Abklärung bedarf. Jahrelang war dieser Test umstritten, weil man befürchtete, zu viele Männer könnten durch ihn zu einer Behandlung geführt werden, die sie gar nicht benötigen. Dieses Bild hat sich in der Wissenschaft inzwischen gewandelt.
„Wir haben europäische Studien mit 160.000 Männern, die klar zeigen: Männer, die zur Vorsorge gehen, sterben seltener an Prostatakrebs“, sagt Graefen. „Diese Evidenz ist eindeutig.“
Ab wann sollte man zum ersten Mal testen lassen? Graefen empfiehlt, mit 45 Jahren anzufangen. Und schon früher, wenn Prostatakrebs in der Familie bekannt ist. Wer weiß, wie hoch sein Ausgangswert ist, kann Veränderungen im Verlauf viel besser einordnen.
Active Surveillance: Beobachten statt sofort behandeln
Eine der wichtigsten Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte: Nicht jeder Prostatakrebs muss sofort behandelt werden. Für viele Männer mit einem niedriggradigen, früh entdeckten Tumor ist Active Surveillance – auf Deutsch: aktive Überwachung – die beste Option.
Das bedeutet: Der Tumor wird regelmäßig kontrolliert, aber zunächst nicht behandelt. Denn viele dieser Tumoren wachsen so langsam, dass sie zu Lebzeiten niemals klinisch relevant werden. Erst wenn die Überwachungsdaten zeigen, dass der Tumor an Aggressivität gewinnt, wird gehandelt.

„Manche Männer finden das psychologisch schwer auszuhalten“, räumt Graefen ein. „Der Instinkt sagt: raus damit. Aber wir können heute sehr gut differenzieren, welche Tumoren den Mann wirklich bedrohen und welche man zunächst beobachten kann. Und wenn es notwendig wird, können wir dann immer noch behandeln.“
Die Botschaft dahinter: Eine Diagnose bedeutet nicht zwingend eine sofortige Operation. Sie bedeutet, informiert zu sein. Und dann gemeinsam zu entscheiden.
Was moderne Therapien wirklich leisten
Die Angst vor den Nebenwirkungen ist einer der Hauptgründe, warum Männer Vorsorge und Behandlung hinauszögern. Drohende Inkontinenz und Impotenz hängen über dem Thema wie ein Damoklesschwert. Graefen versteht das und er widerspricht vehement.
„Ich will das nicht schönreden. Es gibt Patienten, die Komplikationen haben“, sagt er direkt. „Aber bei den meisten läuft es heute gut. Und wir haben ganz andere Möglichkeiten als früher, wenn es nicht so gut läuft, ob Kontinenz oder Potenz.“
Die Martini-Klinik veröffentlicht ihre Ergebnisse transparent: Kontinenz- und Potenzraten nach Operation, aufgeschlüsselt nach Altersgruppe und Tumorausdehnung. Das ist in Deutschland nicht selbstverständlich und genau deshalb wertvolles Orientierungsmaterial für Männer, die eine informierte Entscheidung treffen wollen.
Ein Aspekt, der viele überrascht: Die allgemeine Lebensqualität von Männern ein Jahr nach einer Prostataoperation ist in Studien der Martini-Klinik höher bewertet worden als die von Männern gleichen Alters ohne Diagnose. Graefen erklärt diesen sogenannten Response Shift: Wer eine Krebsoperation durchgestanden hat und danach gut zurechtkommt, bewertet viele Dinge im Leben anders. Vor allem dankbarer und achtsamer. Was vorher selbstverständlich war, wird plötzlich geschätzt.
Lifestyle und Prostatagesundheit
Gibt es etwas, das Männer aktiv tun können, um das Risiko zu senken? Graefen nennt keine Wundermittel. Aber er ist eindeutig: Ein aktiver, gesunder Lebensstil ist der wichtigste Faktor. Bewegung, Gewichtsmanagement, keine Überernährung, all das schützt nicht nur das Herz, sondern auch die Prostata.
Und dann erwähnt er noch eine Studie mit einem überraschenden Ergebnis: Großangelegte Befragungsstudien haben gezeigt, dass eine höhere Ejakulationsfrequenz mit einem niedrigeren Prostatakrebs-Risiko verbunden sein kann. Die mögliche Erklärung: Eine häufigere Entleerung der Prostata könnte das Risiko chronischer Entzündungsreize reduzieren, die zur Tumorentstehung beitragen könnten. „Da müsste jeder überlegen, was er daraus macht“, sagt Graefen trocken.
Die Botschaft, die bleibt
Am Ende des Gesprächs bittet Kai Bösel um ein abschließendes Statement. Und Prof. Dr. Graefen sagt dann etwas, was jeder Mann aus dieser Folge mindestens mitnehmen sollte:
„Denkt dran, liebe Männer: Wir vernachlässigen uns häufig. Wir glauben, wir müssen alle Dinge aushalten und immer die harten Burschen sein. Kann man ja auch machen. Aber dazu gehört auch, dass man gesund ist. Wir haben heutzutage tolle Möglichkeiten durch Vorsorge, sich lange die Gesundheit zu erhalten. Bitte verpasst diese Chance nicht. Und wenn ihr das nicht für euch macht, dann macht es für eure Partnerin, euren Partner und eure Kinder.“
Ein Mann vom Fach, der schon alles gesehen hat und der täglich Diagnosen stellt, die Leben verändern. Der weiß, wie es ist, wenn jemand zu spät kommt. Und der trotzdem – oder gerade deshalb – mit ruhiger Überzeugung spricht statt mit Alarmismus. Sein Appell ist klar. Die Umsetzung liegt bei jedem von uns. Also lasst euch rechtzeitig und regelmäßig checken. Und hört euch die Folge an.
Links zu Prof. Dr. Markus Graefen
| Martini-Klinik Hamburg | www.martini-klinik.de |
| Prof. Dr. Markus Graefen bei Instagram | @markusgraefen |
| Podcast der Martini-Klinik | Prostata POM Talk |
Weitere Lesetipps:
-> Gesundheitsvorsorge für Männer ab 45
-> Longevity: Was das Risiko wirklich senkt
-> NTO Podcast #51 mit Dr. Hanna Heikenwälder über Krebsprävention
