Am 29. Juni 2026 verlor die deutsche Nationalmannschaft im Sechzehntelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft gegen Paraguay. Nach 120 Minuten stand es 1:1, dann kam das Elfmeterschießen, danach war Schluss. Vier Tage später trat Julian Nagelsmann zurück, nun scheint der DFB mit Jürgen Klopp einen Nachfolger für den so dringend nötigen Neustart gefunden zu haben.
Sechs Wochen vor diesem Abend war ein Buch erschienen, in dem stand, dass mindestens sechs Mannschaften stärker einzuschätzen seien als Deutschland und dass mit diesem Kader schon das Halbfinale ein Erfolg wäre. Geschrieben hat es ein erfahrener Ex-Profi, den halb Fußball-Deutschland für einen Nörgler hält.
Der unbequeme Mann, der oft recht hat
Dietmar „Didi“ Hamann, Jahrgang 1973, aufgewachsen in München-Sendling, UEFA-Pokal- und Champions-League-Sieger mit Liverpool, Vizeweltmeister 2002, seit zwei Jahrzehnten in England zuhause und seit dem Karriereende Experte bei Sky. Sein Ruf: der unangenehmste Mann im deutschen Fußball.
Dieser Ruf hat eine Vorgeschichte. Im Januar 2024 sagte Hamann über Thomas Tuchel und den FC Bayern, das passe nicht zusammen, und nannte die Verpflichtung das größte Missverständnis des Vereins seit Klinsmann. Der Klub reagierte mit einer offiziellen Erklärung, man werde solche Aussagen nicht länger akzeptieren. Keine vier Wochen später verkündete Bayern die Trennung von Tuchel.
Ähnlich lief es mit Jürgen Klopp. Hamann hatte nach einem Liverpool-Spiel angemerkt, zwischen Klopp und dem Verein stimme etwas nicht mehr. Klopp kanzelte ihn öffentlich ab: Hamann habe keine Ahnung, und dass er dort mal gespielt habe, gebe ihm noch lange kein Recht, alles zu sagen. Die Fans stellten sich hinter Klopp. Ein gutes Jahr später verkündete Klopp seinen Abschied von der Anfield Road.
Dass ausgerechnet dieser Jürgen Klopp nun deutscher Bundestrainer werden soll, macht „Der Spielverderber“ zu einem Buch, das drei Monate nach Redaktionsschluss aktueller ist als bei Erscheinen.
45 Thesen gegen die Vermessung des Spiels
Ko-Autor ist Oliver Fritsch, seit 2008 Fußballredakteur bei der ZEIT. Die beiden haben sich über ein Jahr lang getroffen und geredet, herausgekommen sind 45 durchnummerierte Thesen von jeweils vier bis sechs Seiten. Vorwort von Philipp Lahm, Gastbeiträge von Lothar Matthäus, Oliver Kahn und Michael Ballack. Man kann das Buch von vorne nach hinten lesen, muss aber nicht.
Es geht um den Videobeweis, um die ausufernde Nachspielzeit, um die neue Abstoßregel, um Expected Goals, um die Frage, ob Joshua Kimmich ein Sechser ist. Wer sich für all das nicht interessiert, wird bei einem Drittel der Kapitel aussteigen. Das sei ehrlich gesagt.
Unter den Fußballfragen liegt aber eine andere, größere. Fritsch nennt das Buch in seiner Einleitung eine Hymne auf die Primärerfahrung, und genau das ist der rote Faden. Es geht um Menschen, die eine Sache jahrzehntelang selbst gemacht haben und denen jetzt Leute erklären, wie sie funktioniert, die sie nur vermessen haben. Hamann rechnet vor, wie die Trainerstäbe in der Bundesliga auf zwölf, dreizehn, fünfzehn Personen angewachsen sind. Standardtrainer, Videoanalysten, Reha-Coaches, zuletzt der Performance Manager, der angeblich Leistung optimiert. Sein Einwand ist nicht, dass diese Leute nichts können. Sein Einwand ist, dass niemand ihm bislang erklären konnte, wer davon eigentlich wem gegenüber weisungsgebunden ist.

Was das mit einem Leben jenseits der 45 zu tun hat
An dieser Stelle wird das Buch für Leser interessant, die noch nie über eine flache Raute oder eine falsche 9 nachgedacht haben. Die stärksten Kapitel handeln von den Nachwuchsleistungszentren. Hamann beschreibt Zwölfjährige, denen der Verein Wohnungssuche, Fahrdienst, Wäsche und Ernährungsplan abnimmt, denen regelmäßig Blut und Urin entnommen wird und die deshalb nie lernen, ihren eigenen Körper und ihre eigenen Grenzen kennenzulernen. Nur drei Prozent aller Absolventen schaffen es laut einer Studie der Universität Kaiserslautern-Landau in den Profifußball, weniger als ein Prozent in die Bundesliga. Rund jeder Zweite verlässt das System vor dem 16. Geburtstag. Hamanns Fazit dazu ist ein Satz der hängenbleibt:
„Wer behandelt wird wie ein Kind, verhält sich am Ende wie ein Kind.“
Man muss kein Fußballvater sein, um zu merken, dass es hier längst nicht mehr um Fußball geht. Wer heute mit Mitte fünfzig in einem Unternehmen arbeitet, in dem Dashboards entscheiden, welche Kunden angerufen werden, liest hier seine eigene Woche. Hamann selbst zieht diesen Vergleich nie. Er muss auch nicht.
Das Kapitel, das man nicht erwartet
Und dann, ziemlich weit hinten, kommt ein Text, der aus der Reihe fällt. Hamann erzählt, wie er im Sommer 2005 zum Lehrgang der Nationalmannschaft anreist, in die Kabine kommt und innerhalb weniger Stunden merkt: Das ist nicht mehr seine Generation. Man hat sich schlicht nichts mehr zu sagen. Das Testspiel gegen die Niederlande im August 2005 bleibt sein 59. und letztes Länderspiel. Klinsmann ruft nicht mehr an, und Hamann schreibt, er glaube, dass Klinsmann gespürt habe, dass es für alle so am besten war.
Kein Groll, keine Legendenpflege, keine Was-wäre-wenn-Rechnung. Er habe es nie bedauert, das Sommermärchen verpasst zu haben, und seinen Nachfolgern habe er den Rummel gegönnt.
Das ist, in dreieinhalb Seiten, ein bemerkenswert unsentimentaler Text über den Moment, in dem man von selbst geht. Wer im Beruf gerade darüber nachdenkt, ob er den nächsten Karriereschritt noch will oder ob er ihn den Jüngeren überlässt, findet hier mehr als in jedem Ratgeber mit Sonnenuntergang auf dem Cover.
Zurück nach Sendling
Der wärmste Moment des Buches steht ganz am Ende. Hamann rechnet vor, dass die vier Spieler, die Deutschland zum WM-Titel geschossen haben – Rahn, Müller, Brehme, Götze – aus Vereinen in Altenessen, Nördlingen, Barmbek und Ronsberg kommen. Deutsche Triumphe, sagt er, wurzeln in der Provinz. Ohne Wacker München kein FC Bayern, kein Liverpool, kein WM-Finale.
Dann verneigt er sich vor den Leuten, die seit Jahrzehnten den Rasen mähen, Würstchen grillen, Mitgliedsbeiträge einsammeln und zum Auswärtsspiel fahren, und schließt mit einer Notiz an sich selbst: Er müsse mal wieder öfter bei Wacker vorbeischauen.
Der Mann, der beim Rest der Republik als Miesmacher gilt, endet mit einem Appell ans Ehrenamt. Das ist keine schlechte Pointe.

Lohnt sich das?
Ja, mit Einschränkung. „Der Spielverderber“ ist ein Buch zum Springen, nicht zum Durchlesen. Wer die Kapitel über Kimmichs Position, die Fünf-Wechsel-Regel und Xabi Alonso bei Real überblättert, verpasst nichts, was er später vermissen würde. Und Hamann inszeniert sich stellenweise etwas zu bequem als letzter Vernünftiger in einer verrückt gewordenen Welt. Immerhin: Philipp Lahm widerspricht ihm im Buch selbst, beim Thema Guardiola, und dieser Widerspruch steht mitten drin und nicht im Anhang.
Wer aber wissen will, wie sich das anfühlt, wenn jahrzehntelang erworbenes Wissen gegen ein Dashboard antritt, findet hier ein Buch, das darüber redet, ohne dass es einmal das Wort Wertschätzung in den Mund nimmt.
Eine Info zum Schluss: Die Lebensbeichte, für die Hamann bekannt ist – die Trennung, der Alkohol, die 345.000 Euro, die er in einer einzigen Nacht auf ein Cricket-Länderspiel verlor – steht nicht in diesem Buch. Sie steht in seiner Autobiografie „The Didi Man“ von 2012. Wer den ganzen Didi Hamann sucht, braucht beide. Lesenswert ist das auf jeden Fall.
Eckdaten zum Buch
- Titel: Der Spielverderber
- Autoren: Didi Hamann, Oliver Fritsch
- Verlag: Goldmann Verlag
- Preis: 18,00 Euro
- Seiten: 256
- ISBN: 978-3442143313
- Erscheinungstermin: 20. Mai 2026
Hier findet ihr weitere lesenswerte Werke für Best Ager.
