HomePODCASTHans-Gerd Raeth und die Frage, was Freitagsmänner ausmacht | NTO Pod #76

Hans-Gerd Raeth und die Frage, was Freitagsmänner ausmacht | NTO Pod #76

Hans-Gerd Raeth schreibt seit zwanzig Jahren über Männer in der Lebensmitte und ist mittlerweile selbst einer von ihnen. Und er stellt in seinem jüngsten Werk eine besondere Frage: Wenn das Leben nur eine Woche wäre, welcher Wochentag wärst du dann? Die Frage klingt wie ein harmloses Gedankenspiel. Aber wer sich einen Moment damit befasst, der merkt, dass sie mehr ist. Sie ist ein Spiegel. Und der zeigt bei den meisten von uns: Es ist schon Freitag. Manchmal sogar Freitagabend. Daher dreht sich diese Podcast-Folge um Männer vor dem Wochenende ihres Lebens.

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Hans-Gerd Raeth hat diese Frage in seinen neuen Roman eingebaut und damit offenbar einen Nerv getroffen, wie die Resonanz zeigt. „Wir Freitagsmänner“, Anfang des Jahres beim dtv erschienen, ist inzwischen in der zweiten Auflage. Das Buch begleitet Henri, einen Mittfünfziger, dessen Ehe Geschichte ist, dessen Affäre auch und dessen Arzt ihm gerade die männlichen Wechseljahre diagnostiziert hat. Somit ist das keine Heldengeschichte, aber eine sehr ehrliche Story, in der wir uns wiederfinden.

Raeth, Jahrgang 1965, kennt dieses Terrain nicht nur als Autor. Er hat es selbst durchquert. Unter seinem Pseudonym Hans Rath hat er Bestseller geschrieben, die verfilmt wurden. Er ist ein Drittel von Moritz Matthies, dem Kollektiv-Pseudonym hinter den erfolgreichen Erdmännchen-Krimis. Und kurz vor dem Vierzigsten hat er alles hingeworfen – festes Gehalt, Nadelstreifen, mittleres Management –, um als freier Autor anzufangen.

Männer und ihre Neigung zur Verharmlosung

Im Gespräch mit Kai Bösel wird Hans-Gerd Raeth schnell persönlich. Ausgangspunkt ist ein Artikel, den er für den Playboy geschrieben hat mit dem Titel: „Heul doch einfach!“ – über die männlichen Wechseljahre und die Frage, warum Männer so gerne so tun, als wären sie nicht betroffen. Er selbst hat den AMS-Fragebogen ausgefüllt, den Standardtest zum sogenannten Aging Male Syndrom. Anlass war ein kleines Loch im Bart, das ein Dermatologe auf Hormonschwankungen zurückführte. „Ich gestehe, ich muss jetzt persönlich werden“, sagt Raeth im Podcast. „Bei mir ist es tatsächlich so, dass ich moderat betroffen bin von den männlichen Wechseljahren.“

Moderat klingt erstmal beruhigend. Aber der Fragebogen hat 17 Fragen, und sie betreffen nicht nur körperliche Symptome. Ein Drittel zielt auf psychische Zustände: Schläfst du gut? Hast du das Gefühl, den Höhepunkt überschritten zu haben? Bist du manchmal grundlos traurig? Ein weiteres Drittel geht in Bereiche, über die Männer noch weniger gern reden. Wer das alles ehrlich beantwortet, sagt Raeth, dem öffne das die Augen. „Es passiert nicht nur auf der körperlichen Ebene, sondern auch auf der psychischen und auf der sexuellen. Und da kann man überall gegensteuern.“

Der Satz, der dabei am meisten sitzt: „Einem wird nichts mehr geschenkt.“ Früher lief vieles von selbst, aber heute nicht mehr.

Die erste Krise und die zweite, die ausblieb

Hans hat die klassische Midlife-Krise hinter sich. Mit Anfang vierzig hat er alles umgekrempelt: Beziehung, Stadt, Leben. Danach lernte er seine heutige Frau kennen, sie bekamen einen Sohn. „Wir haben uns im November getroffen und im Mai war sie schwanger“, erzählt er trocken. „Das war auch schon relativ mutig, was da passierte.“ Die zweite große Krise? Bisher ausgeblieben. Vielleicht, weil er die erste so gründlich mitgenommen hat. Vielleicht kommt sie aber auch noch. Er schließt es nicht aus, nennt es dann aber lieber eine Chance als eine Krise.

Das ist keine Durchhalteparole. Es ist eher eine Haltung, die sich durch das ganze Gespräch zieht. Hans zitiert die Stoiker, Camus, Marc Aurel. Er erzählt eine Anekdote über einen rotgesichtigen Mann, der ihn wegen einer Lappalie fotografiert und anzeigen will und wie er versucht hat, ihn dazu zu bringen, sich stattdessen einen Stuhl in den Garten zu stellen und den Tag zu genießen. Die Pointe: Es ist nicht Gleichgültigkeit, die ihn antreibt. Es ist die bewusste Entscheidung, sich von dem, was er nicht ändern kann, nicht die Stimmung versauen zu lassen.

Männer, Freundschaft und der Werkzeugkasten

Ein besonderer Momente im Gespräch ist die Passage über Männerfreundschaften. Hans-Gerd Raeths Roman-Protagonist Henri hat einen Freund namens Felix – einen, der bei ihm einzieht, als es eng wird, der ihm die Wahrheit sagt, auch wenn Henri sie nicht hören will. Genau diese Art von Freundschaft, sagt Hans, sei eigentlich das Wichtigste. Und gleichzeitig das Seltenste.

Warum haben Männer mit 55 so viel weniger enge Freunde als mit 25? Hans hat keine einfache Antwort darauf, aber eine ehrliche Beobachtung: Männer neigen in Krisen dazu, den Werkzeugkasten rauszuholen. Immer handeln, immer lösen, immer kompensieren. Statt einfach mal da zu sitzen und – wie er es nennt – „Rotwein zu spielen“. Also zuhören, aushalten, nicht sofort reparieren. Mit sich selbst und mit anderen.

Das Wochenende, das noch kommt

Am Ende des Gesprächs kehren die beiden zur Ausgangsmetapher zurück. Das Leben als Woche. Der Freitag, der schon begonnen hat. Und das Wochenende, das noch kommt. Und das ist wie bei einem echten Freitagabend: Man kann ihn durchfeiern und den halben Samstag verpennen. Oder man geht früh ins Bett, steht ausgeschlafen auf und macht etwas Vernünftiges daraus. Die Wahl liegt bei jedem selbst.

Das klingt simpel. Aber wer das Gespräch gehört hat, merkt, dass dahinter mehr steckt als ein Motivationsslogan. Es geht um die Bereitschaft, ehrlich hinzuschauen. Auf den Körper, der sich verändert. Auf die Freundschaften, die man pflegen müsste. Auf die Fragen, die man zu lange vor sich hergeschoben hat.

Hans-Gerd Raeth hat dazu keinen Ratgeber geschrieben. Sondern einen Roman, der – ganz nebenbei – genau das tut, was gute Literatur kann: einem den Spiegel hinhalten, ohne dass man es gleich merkt.

„Wir Freitagsmänner“ ist bei dtv erschienen (23 Euro). Unsere Rezension zum Buch findet ihr hier.

Links zu Hans-Gerd Raeth

Website von Hans-Gerd Raethwww.hansrath.de
Hans bei Instagram@hansrathautor
Buch „Wir Freitagsmänner“Bei Amazon (Affiliate-Link)
AMS-Testwww.urologe-in-duesseldorf.de
Kai Bösel
Kai Bösel
Kai Bösel (Jg. 1971) lebt als Patchwork-Papa mit der Familie in Hamburg. Neben NOT TOO OLD betreibt er auch das Väter-Magazin Daddylicious. Außerdem ist er Experte für Influencer-Marketing. Bisher hat er bereits fünf eigene Unternehmen gegründet, schreibt für diverse Print- und Online-Magazine, tritt als Speaker und Moderator auf und betreibt zu diesem Magazin auch einen Podcast. Nach Feierabend entspannt er beim Laufen oder Golf.

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