Länger leben will heute fast jeder. Länger gesund leben, das ist die eigentlich interessante Frage, und sie treibt aktuell nicht nur Biohacker und Silicon-Valley-Milliardäre um, sondern auch ernsthafte Mediziner*innen, Krankenkassen und Gesundheitspolitiker*innen. Auf dem Hauptstadtkongress 2026 in Berlin, einer der größten deutschen Fachveranstaltungen für Gesundheitspolitik, widmete sich Ende Juni ein eigenes Panel dem Thema „Longevity – Voraussetzungen für ein gesundes Altern“. Ein Vortrag stach heraus: Dr. Tobias Lüke argumentierte, dass die Rolle der Sexualhormone in der Longevity-Debatte systematisch unterschätzt werde. Für Männer ab 45 ist das eine Aussage, die aufhorchen lässt. Grund genug, genauer hinzuschauen.
Die These: Testosteron als übersehener Faktor
Dr. Lüke ist Head of Medical bei Besins Healthcare Germany, einem Unternehmen, das auf Hormonpräparate spezialisiert ist. Seine Kernthese: Testosteron, Progesteron und Estrogene seien weit mehr als reine Fortpflanzungshormone. Sie wirken auf Körperzusammensetzung, Stoffwechsel, Muskelmasse, Knochendichte, mentale Gesundheit und allgemeines Wohlbefinden.
Besonders anschaulich beschrieb er einen Mechanismus, der bei übergewichtigen Männern eine Rolle spielt: Im Bauchfett wird Testosteron vermehrt in Estradiol umgewandelt. Der Testosteronspiegel sinkt, was wiederum zu mehr Körperfett, weniger Muskelmasse und Antriebslosigkeit führt. Ein Kreislauf, der sich mit steigendem Bauchumfang weiter verstärkt. „Die betroffenen Männer verlieren Lebensjahre und Lebensqualität“, so sein Fazit auf dem Kongress. Sein Appell: hormonelle Faktoren stärker in Präventions- und Longevity-Konzepte einzubeziehen, verbunden mit einer frühzeitigen Kontrolle relevanter Hormonwerte.
Dieser Mechanismus, die sogenannte Testosteron-Östrogen-Spirale bei Adipositas, ist in der Endokrinologie tatsächlich gut beschrieben und nicht ernsthaft umstritten. Bauchfett und Testosteronmangel befeuern sich gegenseitig, das ist Lehrbuchwissen.

Der Punkt, den man kennen sollte: Wer hier spricht
An dieser Stelle gehört zur redaktionellen Sorgfalt ein Hinweis, den die zugrunde liegende Pressemitteilung selbst nicht liefert, den wir euch aber nicht vorenthalten wollen: Besins Healthcare verdient sein Geld unter anderem mit Testosteron- und Hormonpräparaten. Das macht die genannten physiologischen Fakten nicht falsch, aber es lohnt sich, bei der Frage, was daraus folgen soll, etwas genauer hinzusehen. Denn genau hier beginnt eine Debatte, die in der Fachwelt deutlich kontroverser geführt wird, als es auf dem Podium klang.
Die Gegenposition: „Disease Mongering“ und dünne Evidenz
Der Begriff „Wechseljahre beim Mann“ oder „Low-T“ klingt inzwischen fast so etabliert wie die weiblichen Wechseljahre. Kritiker*innen in der Fachmedizin sehen das anders. Für sie läuft die Testosteronersatztherapie bei ansonsten gesunden älteren Männern unter der Überschrift „Disease Mongering“: normale Alterserscheinungen werden zu behandlungsbedürftigen Krankheiten erklärt, um daraus ein Geschäft zu machen.
Die Datenlage stützt diese Skepsis in Teilen. Ein Cochrane-Review, die Königsklasse der medizinischen Evidenzbewertung, wertete 43 randomisierte kontrollierte Studien zur Testosterontherapie aus und kam zu einem ernüchternden Ergebnis: Bei ansonsten gesunden Männern mit altersbedingt sinkendem Testosteronspiegel und Symptomen wie Lustlosigkeit oder Erektionsproblemen half eine Hormonersatztherapie kaum. Die viel beworbenen Effekte auf Leistungsfähigkeit, Libido, Muskelmasse und Körperfett ließen sich in der Studienlage nicht überzeugend belegen.
Deshalb raten internationale Fachgesellschaften bewusst nicht zu einem generellen Testosteron-Screening bei allen älteren Männern. Ein niedriger Wert allein ist kein Behandlungsgrund, erst die Kombination aus eindeutigen Symptomen und einem im Abstand mehrerer Wochen wiederholt bestätigten niedrigen Wert rechtfertigt eine Therapieentscheidung. Und selbst dann gilt: Eine Testosterontherapie ist keine Lifestyle-Behandlung. Sie verlängert nachweislich nicht das Leben und macht auch nicht wieder jung. Das betonen selbst Ärzte, die sie im begründeten Einzelfall verschreiben.
Was man zur Sicherheit wissen sollte
Auch bei der Sicherheit ist das Bild differenzierter, als es ein zehnminütiger Kongressvortrag vermitteln kann:
Herz-Kreislauf-Risiko: Frühere Studien hatten den Verdacht genährt, dass eine Testosterontherapie das Risiko für Herzinfarkte erhöhen könnte, gerade bei älteren Männern. Die große TRAVERSE-Studie mit über 5.000 Teilnehmern konnte 2023 keinen statistisch signifikanten Anstieg schwerer kardiovaskulärer Ereignisse nachweisen. Allerdings traten unter der Therapie auffällig mehr Fälle von Vorhofflimmern auf, deren Ursache noch unklar ist. Die Diskussion ist also nicht beendet, sondern differenzierter geworden.
Prostata: Lange galt die Sorge, Testosteron könne Prostatakrebs befeuern. Aktuelle Übersichtsarbeiten, unter anderem im renommierten New England Journal of Medicine, stellen das infrage: Gerade junge Männer haben die höchsten Testosteronwerte, aber nicht die höchsten Prostatakrebsraten. Dennoch überwachen Ärzte PSA-Wert und Prostata während einer Therapie routinemäßig.
Blutbild: Testosteron kann den Hämatokritwert erhöhen, also die Konzentration roter Blutkörperchen. Das ist bei Blutarmut nützlich, erhöht bei manchen Männern aber das Thrombose-Risiko. Auch das gehört zur ärztlichen Kontrolle dazu.
Unterm Strich: Bei einem echten, diagnostizierten Hormonmangel kann eine Therapie sinnvoll und wirksam sein, das bestreitet auch die Kritik nicht. Die Debatte entzündet sich an der Grauzone: gesunde Männer mit alterstypisch sinkenden Werten, denen eine Therapie als Anti-Aging-Versprechen verkauft wird.

Was für die meisten Männer tatsächlich wirkt
Die gute Nachricht, die auf dem Podium in Berlin ebenfalls zur Sprache kam, aber leicht untergeht: Ein erheblicher Teil des Testosteronabfalls im mittleren Lebensalter ist selbst beeinflussbar, ganz ohne Rezept. Bauchfettabbau, regelmäßiges Kraft- und Ausdauertraining, ausreichend Schlaf und ein moderater Alkoholkonsum wirken sich nachweislich positiv auf den Hormonhaushalt aus. Der Neurophysiologe Dr. Gerd Wirtz brachte es auf dem Kongress mit einer griffigen Zahl auf den Punkt: Männer in Deutschland verschenken im Schnitt rund 18 gesunde Lebensjahre, meist durch vermeidbare Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht und unausgewogene Ernährung. Nicht unbedingt durch einen zu niedrigen Hormonspiegel.
Auch die Gesundheitsökonomin Andrea Galle warnte in ihrem Vortrag ausdrücklich davor, dass der Begriff „Longevity“ derzeit inflationär genutzt werde, um Produkte und Trends zu vermarkten. Und Dr. Ellis E. Huber vom Büro für Gesundheit und Prävention erinnerte daran, dass gesundes Altern nicht nur eine Frage individueller Optimierung ist, sondern auch guter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, von der Prävention im Gesundheitssystem bis zur Aufklärung. Zur Einordnung: In Deutschland werden laut BKK Dachverband pro Kopf jährlich nur 8,49 Euro in Prävention investiert, aber 4.126 Euro in die Behandlung bereits eingetretener Erkrankungen. Und das ist ein heftiges Missverhältnis, welches die gesamte Diskussion überschattet.
Was das für dich bedeutet
Wenn du über 45 bist und bei dir Antriebslosigkeit, nachlassende Libido, Muskelschwund oder ungewollte Fettzunahme auftreten, ist ein Arztbesuch sinnvoll, am besten bei einem Urologen oder Endokrinologen, nicht bei einer Online-Klinik mit Klick-Diagnose. Eine seriöse Abklärung bedeutet: mehrfache Blutmessung, Blick auf Begleiterkrankungen, Abwägen von Nutzen und Risiko und die Bereitschaft, auch mal „nein, das ist keine Hormonfrage“ zu hören. Wer sich dagegen mit gutem Bauchgefühl und normalen Werten Testosteron „zur Optimierung“ spritzen lassen will, sollte wissen: Dafür fehlt bislang die überzeugende Evidenz, und die medizinischen Fachgesellschaften raten aktiv davon ab.
Fazit
Hormonelle Gesundheit ist ein legitimer und bislang unterbelichteter Baustein im Longevity-Puzzle, so weit hat Dr. Lüke recht, und der zugrunde liegende Mechanismus bei Übergewicht ist medizinisch solide. Aber Longevity lässt sich nicht auf einen Hormonwert reduzieren, und wer das Thema vermarktet, hat naturgemäß ein Interesse daran, die Antwort in Richtung Therapie zu lenken. Für die meisten Männer zwischen 45 und 65 beginnt gesundes Altern nicht im Labor, sondern beim Gewicht, beim Training und beim Schlaf. Erst wenn das ausgereizt ist und echte Beschwerden bestehen, lohnt sich der Gang zum Facharzt oder der -ärztin.
Mehr zum Thema gesundes Altern findest du in unserem Longevity-Hub.
