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Herzgesundheit für Männer ab 50 mit Dr. Christopher Schneeweis | NTO Pod #77

In dieser Folge des NOT TOO OLD Podcast spricht Kardiologe Dr. Christopher Schneeweis über Werte, die kaum jemand kennt, über Bauchfett, das mehr anrichtet als gedacht, und über die Frage, ob ambitionierter Sport das Herz schützt oder ihm vielleicht sogar zusetzt. Ein intensives und informatives Gespräch über den Muskel, der uns ein Leben lang trägt und dabei stets unsichtbar bleibt.

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Rund hunderttausend Mal am Tag schlägt unser Herz. Drei Milliarden Mal in einem Männerleben. Und trotzdem bekommt man davon nie Muskelkater. Genau das ist das Problem: Wir nehmen dieses Organ erst wahr, wenn etwas nicht stimmt.

Dr. Christopher Schneeweis ist Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie und betreibt in Köln und Düsseldorf eine Praxis für Herz-MRT. Er hat die Technik am Deutschen Herzzentrum in Berlin gelernt, als sie dort gerade erst klinisch etabliert wurde, war später Oberarzt in Köln und hat dann seinen sicheren Posten aufgegeben, um diese Diagnostik ambulant verfügbar zu machen. In Folge 77 des NOT TOO OLD Podcast erzählt er, was er dabei zu sehen bekommt und was Männer in der zweiten Lebenshälfte daraus mitnehmen können.

Der stumme Infarkt

Manchmal, sagt er, sehe er auf den Bildern einen abgelaufenen Herzinfarkt bei jemandem, der davon nichts weiß. Einen Stumminfarkt. Vielleicht hat der Betroffene die Symptome damals falsch gedeutet, vielleicht gab es gar keine.

Das ist keine exotische Ausnahme. Rund die Hälfte aller Menschen, die mit einem Infarkt ins Krankenhaus kommen, hatte vorher überhaupt keine Beschwerden. Der Infarkt ist einfach da. Und die Vorstellung, das sei eine Sache für alte Männer, hält Schneeweis für einen der hartnäckigsten Irrtümer überhaupt: Die Hälfte der Männer, die ein solches Ereignis erleiden, erlebt es vor dem 65. Geburtstag.

Was dahintersteckt, entwickelt sich über Jahrzehnte. Die Ablagerungen in den Herzkranzgefäßen können bereits im jungen Erwachsenenalter beginnen. Sie wachsen langsam, lautlos, und irgendwann reißt eine dieser Ablagerungen ein, sie muss dafür nicht einmal besonders groß sein. Warum sie instabil wird, weiß die Medizin bis heute meist nicht.

Die Werte, die kaum jemand kennt

Wer nicht warten will, bis das Herz sich meldet, muss seine Risikofaktoren kennen. Und da wird es interessant, denn der klassische Cholesterinwert vom Hausarzt reicht Dr. Christopher Schneeweis nicht.

Wichtiger als das Gesamtcholesterin sei das LDL und noch aussagekräftiger das Apolipoprotein B, kurz ApoB. Der Unterschied: LDL misst die Menge, ApoB die Anzahl der Partikel. Sein Bild dafür: Entscheidend ist nicht, wie voll der Paketwagen ist, sondern wie viele Pakete darin liegen. Denn je mehr Partikel unterwegs sind, desto größer die Gefahr. Das erklärt auch die Fälle, bei denen jemand mit unauffälligem Cholesterin trotzdem einen Infarkt erleidet.

Dazu kommt das Lipoprotein(a). Ein genetisch festgelegter Wert, den man weder wegtrainieren noch wegessen kann, der aber deutlich aggressiver Plaques bildet als normales LDL. Rund zwanzig Prozent der Bevölkerung haben einen erhöhten Wert und die wenigsten wissen es, weil praktisch niemand danach fragt. Schneeweis‘ Empfehlung: einmal im Leben messen lassen. Dann weiß man Bescheid.

Auf seine Liste gehören außerdem der Langzeitzuckerwert HbA1c und das hochsensitive CRP, das die unterschwellige Entzündungsaktivität im Körper abbildet. Alles zusammen checken zu lassen kostet ungefähr so viel wie ein halbes Dutzend Kaffee bei einer bekannten amerikanischen Kette.

Und dann ist da noch der Blutdruck, der gar nichts kostet. In Deutschland leben schätzungsweise zwanzig Millionen Menschen mit Bluthochdruck. Etwa die Hälfte davon weiß nichts davon. Sein Rat: eine Woche lang morgens und abends messen, in Ruhe, drei Minuten sitzen bleiben. Idealerweise sollte der Wert dabei 120 zu 70 nicht überschreiten.

Warum der Bauch anders zählt als der Rest

Ein Thema, das fast jeden in unserer Altersgruppe betrifft: das Bäuchlein, das über die Jahre wächst, während die Beine schlank bleiben.

Dieses viszerale Fett ist tatsächlich eine andere Kategorie. Schneeweis nennt es ektopes Fettgewebe, also Fett an einer Stelle, an der es nicht hingehört. Jeder Mensch hat unter der Haut eine individuelle Speicherkapazität. Ist die erschöpft, wandert das Fett dorthin, wo es nichts zu suchen hat: in den Bauchraum, zwischen die Organe, in die Organe hinein, sogar in die Muskulatur. Sein Vergleich für alle, die gern grillen: Man stelle sich ein Wagyu-Steak vor, marmoriert bis in die letzte Faser. So kann Muskulatur auch aussehen.

Das Problem daran ist nicht die Optik. Dieses Fettgewebe produziert dauerhaft entzündungsfördernde Botenstoffe. Und da die koronare Herzerkrankung im Kern eine chronisch entzündliche Erkrankung ist, wird hier permanent Öl ins Feuer gegossen.

Als Orientierung hält er den BMI für wenig geeignet, denn wer gut trainiert ist, landet damit schnell im oberen Bereich, ohne dass etwas nicht stimmt. Aussagekräftiger sei das Verhältnis von Bauch zu Hüfte.

Nebenbei räumt er mit einem weiteren Mythos auf. Eine harmlose Dosis Alkohol gibt es fürs Herz-Kreislauf-System nicht. Das berühmte Rotwein-Paradox stammt aus Studien zur mediterranen Ernährung, in denen die Untersuchten vor allem sehr viele andere Dinge richtig gemacht haben: Bewegung, pflanzenbetonte Kost, soziales Umfeld, wenig Lärm und saubere Luft. Der Wein war nicht der Grund. Er war nur nicht stark genug, um den Rest kaputtzumachen.

Wenn er Männern in unserem Alter eine einzige Gewohnheit wegnehmen dürfte, wären es übrigens nicht Wein oder Steak. Es wären die Zigaretten. Vapen eingeschlossen.

Kann man es auch übertreiben?

Spannend wird es beim Sport. Immer mehr Männer ab fünfzig melden sich für Marathons an oder steigen in den Triathlon ein. Und dann gibt es Studien wie Master@Heart aus Belgien, die zeigen: Ambitionierte Radsportler mit sechs bis neun Trainingsstunden pro Woche haben mehr Ablagerungen in den Herzkranzgefäßen als Hobbysportler mit zwei oder drei Stunden.

Schneeweis erklärt sich das über die dauerhafte Belastung des Gefäßsystems: hohe Herzfrequenz, hoher Blutdruck, über Jahre. Ob daraus tatsächlich mehr Infarkte entstehen, ist offen. Denn auf der anderen Seite steht ein deutlicher Befund: Ehemalige Tour-de-France-Fahrer und frühere Olympiasportler leben im Schnitt länger als vergleichbare Menschen, die sich nicht bewegt haben. Der Sweet Spot ist schwer zu bestimmen. Nichtstun ist jedenfalls keine Alternative.

Bemerkenswert ist seine Beobachtung, dass ausgerechnet die Ambitionierten aus unserer Altersgruppe manchmal schwieriger sind als echte Profis. Profis machen Pause. Wer aber neben Job und Familie auf einen Marathon hintrainiert, streicht das, was am ehesten wegzulassen scheint. Meistens ist das der Schlaf.

Und das rächt sich messbar: Wer chronisch weniger als sechs Stunden schläft, isst im Tagesverlauf rund dreihundert Kilokalorien mehr und zwar eher von den ungesunden Sachen. Auf die Woche gerechnet ist das ein kompletter zusätzlicher Esstag.

Zwei Minuten reichen manchmal schon

Die gute Nachricht für alle Spätstarter formuliert Schneeweis mit einem Augenzwinkern über den Namen dieses Podcasts: Man ist nie zu alt, um anzufangen. Wer allerdings fünfzig Jahre lang nicht besonders gut gelebt hat, sollte sich vorher einmal durchchecken lassen.

Die Basis besteht aus Ausdauer und Kraft. Zwei Krafteinheiten pro Woche, zusammen etwa sechzig Minuten. Mit Gewichten, Bändern oder dem eigenen Körpergewicht, der Reiz zählt, nicht das Gerät. Wichtig ist das, weil wir ab dem fünfzigsten Lebensjahr etwa zehn Prozent Muskelmasse pro Jahrzehnt verlieren. Dagegen hilft nur Training, und zwar in jedem Alter: Selbst bei über Siebzigjährigen lässt sich noch relevant Muskulatur aufbauen.

Und für alle, die sich partout nicht für Sport begeistern können, hat er einen erstaunlich niedrigschwelligen Hinweis. Kurze, intensive Bewegungseinheiten von rund zwei Minuten, über den Tag verteilt, senken das Herz-Kreislauf-Risiko bereits deutlich. Zwei Minuten kräftiger in die Pedale treten auf dem Weg zur Arbeit. Die Einkaufstaschen selbst nach Hause tragen. Es muss nicht immer der lange Lauf sein.

Was gerade passiert

Zum Schluss wird der Kardiologe fast euphorisch. Vor zwei Wochen sei im New England Journal of Medicine eine Studie erschienen, bei der mit einer Genschere ein bestimmtes Gen ausgeschnitten wurde mit dem Ergebnis, dass das LDL-Cholesterin dauerhaft um knapp siebzig Prozent sinkt. Dauerhaft. Was das langfristig für die Infarktrate bedeutet, wird sich zeigen, aber die Richtung ist klar.

Und in einigen Jahren, glaubt er, könnte KI uns einen digitalen Zwilling liefern: eine Simulation, die zeigt, was mit dem eigenen Körper passiert, wenn man ein bestimmtes Medikament zehn Jahre lang nimmt.

Bis dahin bleibt sein Fazit erfreulich unspektakulär. Die meisten Menschen kennen ihre eigenen Risikofaktoren nicht, dabei wäre es einfach, sie bestimmen zu lassen. Erst wissen, wo man steht. Dann handeln. Und dann dranbleiben, denn beim Sport zählt Konsistenz mehr als Intensität: lieber zweimal die Woche regelmäßig als eine Woche Vollgas und danach vier Wochen nichts.

Der schönste Satz des Gesprächs fällt allerdings an anderer Stelle. Auf die Frage, wann man mit einem komischen Gefühl in der Brust zum Arzt sollte, antwortet Schneeweis: Wenn man schon darüber nachdenkt, ob man es abklären lassen muss, dann sei die Entscheidung eigentlich längst gefallen. Besser kann man es nicht sagen.

Links zu Dr. Christopher Schneeweis

Praxis-Website von Dr. Christopher Schneeweiswww.herz-mrt-praxis.de
Christopher bei Instagram@doc_schneeweis
Podcast von Dr. Christopher Schneeweis„Herzcheck“ bei Spotify
Kai Bösel
Kai Bösel
Kai Bösel (Jg. 1971) lebt als Patchwork-Papa mit der Familie in Hamburg. Neben NOT TOO OLD betreibt er auch das Väter-Magazin Daddylicious. Außerdem ist er Experte für Influencer-Marketing. Bisher hat er bereits fünf eigene Unternehmen gegründet, schreibt für diverse Print- und Online-Magazine, tritt als Speaker und Moderator auf und betreibt zu diesem Magazin auch einen Podcast. Nach Feierabend entspannt er beim Laufen oder Golf.

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