Kaum ist die eine Hitzewelle abgeklungen, kündigen die Wettermodelle schon die nächste an. Das belastet den Körper, das Stromnetz, die Nerven und es kostet Leben. Über den wirksamsten Hebel dagegen wird erstaunlich wenig geredet. Er liegt nicht im Kraftwerk, sondern auf dem Teller, denn die Ernährungswende ist ein Thema, an dem wir gerade aufgrund der sich verändernden Lebensbedingungen nicht mehr vorbeikommen.
Wer diesen Sommer schon einmal um drei Uhr morgens wach lag, weil die Wohnung sich seit Tagen nicht mehr unter 28 Grad abkühlt, weiß, dass Hitze längst kein Urlaubsthema mehr ist. Sie ist zur Belastung geworden und für einen Teil der Bevölkerung zur Gefahr. Das Statistische Bundesamt hat Anfang Juli nachgelegt: Als direkte Todesursache taucht Hitze zwar selten in den Statistiken auf, im Schnitt bei rund 21 Fällen pro Jahr. Der eigentliche Effekt ist tückischer. In Wochen mit Hitzewellen schnellt die allgemeine Sterblichkeit nach oben, weil Hitze und Vorerkrankungen zusammenwirken. Mehrfach lagen die Sterbefallzahlen einzelner Sommerwochen mehr als 20 Prozent über dem Vergleichswert der Vorjahre. Das Robert-Koch-Institut schätzt allein für das Rekordjahr 2018 rund 8.500 hitzebedingte Sterbefälle.
Und das ist kein Ausreißer, der sich auswächst. Dem Europäischen Klimazustandsbericht des Copernicus-Dienstes zufolge erwärmt sich Europa mehr als doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Kein Kontinent heizt sich schneller auf als der, auf dem wir leben. Die Hitzewellen, die uns diesen Sommer den Schlaf rauben, sind keine Laune des Wetters. Sie sind das neue Normal und sie werden häufiger und intensiver.
Die blinde Stelle der Klimadebatte
Wenn über Lösungen gesprochen wird, geht es fast reflexartig um Energie: um Kohle, Öl, Gas, um Wärmepumpe und E-Auto. Das ist richtig und wichtig. Nur greift es zu kurz. Denn ein Verursacher bleibt in dieser Debatte fast durchgängig unterbelichtet: unser Essen.
Der neue EAT-Lancet-Report, im Oktober 2025 unter Beteiligung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung vorgelegt, ist die bislang umfassendste wissenschaftliche Bestandsaufnahme der globalen Ernährungssysteme. Sein Befund ist unbequem: Die weltweite Nahrungsmittelproduktion verursacht rund 30 Prozent aller Treibhausgasemissionen und ist der wesentliche Treiber dafür, dass fünf von sieben bereits überschrittenen planetaren Grenzen gerissen wurden. Der Satz, der hängen bleibt, stammt direkt aus der Analyse: Selbst wenn man die fossilen Energien vollständig ersetzen würde, könnten die Ernährungssysteme allein die Erderwärmung über 1,5 Grad treiben.
Anders gesagt: Wir können jedes Kraftwerk abschalten und jeden Diesel verschrotten und trotzdem durch das scheitern, was auf unseren Tellern landet. Wer die Klimakrise ernst meint, kommt am Essen nicht vorbei.

Warum das Thema gerade uns betrifft
Jetzt könnte man sagen: schön und gut, aber das ist Sache der großen Politik. Ist es auch. Es ist aber zugleich eine sehr persönliche Sache und für Männer jenseits der 45 aus einem Grund, der mit dem Klima erst einmal nichts zu tun hat: der eigenen Gesundheit.
Die zweite Lebenshälfte eines Mannes wird von ein paar wenigen Krankheitsbildern dominiert wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes und bestimmten Krebsarten. Genau hier setzt eine pflanzenbetonte Ernährung an. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung und eine breite Studienlage sind sich einig, dass eine ausgewogene pflanzliche Kost das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Übergewicht und einige Krebsarten senken kann. Der Umweltforscher Marco Springmann von der University of Oxford bringt die doppelte Rechnung auf den Punkt: Die Herstellung und der Konsum tierischer Produkte seien teuer für Umwelt, Gesundheit und Geldbeutel und maßgeblich mitverantwortlich für die Zunahme ernährungsbedingter Krankheiten wie Herzleiden, Schlaganfall, Diabetes und Krebs.
Das ist der Punkt, an dem Klimaschutz und Longevity dasselbe Ziel verfolgen. Wer heute mehr Hülsenfrüchte, Gemüse, Nüsse und Vollkorn auf den Teller bringt und den Fleischanteil zurückfährt, tut nicht nur dem Planeten einen Gefallen. Er investiert in die eigenen Herzkranzgefäße, in stabilere Blutzuckerwerte und in ein paar zusätzliche gute Jahre. Mehr zu diesem Zusammenhang gibt’s in unserem Longevity Hub. Die Ernährungswende ist damit keine Verzichtsübung, sondern eine der wenigen Maßnahmen, bei denen individueller Nutzen und globaler Nutzen in dieselbe Richtung zeigen.
Bleibt der Einwand, der bei Männern unserer Generation so zuverlässig kommt wie die Hitze im Juli: Was ist mit dem Eiweiß? Wer ab der Lebensmitte Muskelmasse halten will – und das sollte jeder, denn der altersbedingte Muskelabbau beginnt schleichend um die 40 –, braucht ausreichend Protein. Nur wächst das eben nicht nur im Steak. Linsen, Kichererbsen, Bohnen, Tofu, Tempeh, Haferflocken und Nüsse liefern reichlich davon, und in Kombination decken sie das komplette Aminosäurespektrum ab. Der Muskel unterscheidet nicht, ob sein Baustoff aus dem Rind oder aus der Kichererbse stammt. Wichtig ist die Menge und die lässt sich pflanzlich problemlos erreichen.
Bis zu 81 Prozent weniger Emissionen
Bleibt die Frage, ob das im Alltag überhaupt etwas bewegt oder nur ein gutes Gewissen produziert. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Eine Analyse des Umweltbundesamts, ebenfalls von Springmann, hat den Effekt für Deutschland durchgerechnet: Eine konsequent pflanzliche Ernährung könnte hierzulande bis zu 81 Prozent der lebensmittelbedingten Treibhausgasemissionen einsparen. Global gerechnet könnte eine Umstellung auf eine gesündere, pflanzenbetonte Kost, die Fachleute nennen sie „Planetary Health Diet“, die ernährungsbedingten Emissionen mehr als halbieren und dabei jedes Jahr bis zu 15 Millionen vorzeitige Todesfälle verhindern.
Solche Größenordnungen erreicht kaum ein anderer Hebel, den ein Einzelner in der Hand hält. Kein Flugverzicht, kein Tempolimit, kein Balkonkraftwerk kommt in die Nähe dessen, was passiert, wenn ein Land seine Teller umstellt. Und im Unterschied zur Wärmepumpe braucht es dafür keine Handwerkerin und keinen Kredit. Es reicht die nächste Einkaufsliste.

Kein Alles-oder-nichts-Spiel
An dieser Stelle kippt die Debatte oft ins Grundsätzliche: vegan gegen alles andere, Verzicht gegen Genuss, Ideologie gegen Bratwurst. Das führt in die Irre. Niemand muss über Nacht zum Veganer werden, um etwas zu bewegen und die interessanteste Erkenntnis der letzten Jahre ist, dass genau dieser Alles-oder-nichts-Reflex überflüssig ist.
Die gemeinnützige Kampagne Veganuary, über die wir an dieser Stelle schon mehrfach berichtet haben, fragt ihre Teilnehmenden regelmäßig nach, was ein Monat pflanzliche Ernährung langfristig bewirkt. Das Ergebnis der jüngsten Umfrage unter mehr als 2.000 Personen: Sechs Monate nach dem Aktionsmonat reduzieren rund 80 Prozent derjenigen, die vorher nicht vegan lebten, ihren Konsum tierischer Produkte weiterhin drastisch oder haben ihn ganz eingestellt. Ein knappes Drittel bleibt vollständig pflanzlich, ein weiteres Drittel isst mindestens 75 Prozent weniger Fleisch als zuvor. Der Effekt hält also an, auch wenn der Vorsatz längst verklungen ist.
Und er zahlt sich spürbar aus. Nicht erst in der Statistik, sondern im Alltagsgefühl. In derselben Umfrage berichten 59 Prozent von einer verbesserten allgemeinen Gesundheit, 55 Prozent von mehr Energie, 58 Prozent von besserer Stimmung. Klar sind das weiche Faktoren. Aber wer mit Mitte fünfzig morgens mit mehr Schwung aus dem Bett kommt, wird die Zahl nicht kleinreden.
Was bleibt zu tun
Die ehrliche Antwort lautet: erschreckend wenig und trotzdem eine Menge. Wenig, weil der erste Schritt keine große Geste verlangt. Es geht nicht darum, das Grillen abzuschaffen oder die Currywurst zum Feindbild zu erklären, sondern darum, das Verhältnis zu verschieben. Aus fünf Fleischmahlzeiten in der Woche werden zwei. Aus dem selbstverständlichen Schnitzel wird die bewusste Ausnahme. Die Linsen-Bolognese, die man erst belächelt hat, landet öfter auf dem Tisch, weil sie schlicht schmeckt.
Eine Menge, weil aus diesen kleinen Verschiebungen, millionenfach summiert, genau die Wirkung wird, die kein politischer Gipfel im Alleingang erzeugt. Ein Wandel entsteht nicht durch ein paar Konsequente, sondern durch das Umdenken vieler, die es einfach mal ausprobieren. Wer neugierig ist, findet bei Veganuary ganzjährig eine kostenlose 31-tägige E-Mail-Serie mit Rezepten, Nährstoffinfos und Alltagstipps. Das ist ein unaufgeregter Einstieg ohne erhobenen Zeigefinger.
Und nebenbei rechnet sich die Sache. Hülsenfrüchte, Getreide und Saisongemüse gehören zum Günstigsten, was der Supermarkt zu bieten hat, ein Kilo Linsen kostet einen Bruchteil eines guten Steaks. Wer den Fleischanteil halbiert, spart am Monatsende spürbar, ohne kürzertreten zu müssen. In einer Zeit, in der die Preise ohnehin an der Kasse ziehen, ist das ein Argument, das auch die Skeptiker am Tisch überzeugt.
Die Hitze dieses Sommers werden wir nicht mehr wegverhandeln. Aber die Frage, wie heiß die Sommer werden, in denen unsere Kinder und Enkel einmal um drei Uhr morgens wachliegen, ist noch offen. Ein Teil der Antwort entscheidet sich dreimal am Tag: beim Frühstück, beim Mittagessen, beim Abendbrot. Das ist keine schlechte Ausgangslage. Es bedeutet nämlich, dass wir nicht auf die große Politik warten müssen, um anzufangen. Wir haben die Gabel schon selbst in der Hand.
