Es gibt Biografien, die jedes erfundene Drehbuch in den Schatten stellen. Ein Junge flieht als Kind vor dem Bürgerkrieg aus Äthiopien, landet in einem Dorf im Landkreis Oldenburg und wird Jahrzehnte später zu einer der bekanntesten plattdeutschen Stimmen des Nordens. Yared Dibaba war dieser Junge und ist heute eine echte Wundertüte voller Geschichten. Für die aktuelle Folge des NOT TOO OLD Podcast haben wir ihn dort getroffen, wo er beruflich zu Hause ist: im Club UWE, hoch über dem Spielbudenplatz auf der Hamburger Reeperbahn. Auch das passt zu einem Mann, dessen Lieblingswort aus dem Plattdeutschen kommt und Kuddelmuddel lautet.
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Kuddelmuddel heißt so viel wie Durcheinander, und Dibaba benutzt es am liebsten, wenn er Vielfalt meint. Er ist selbst eines: geboren in Oromia, aufgewachsen zwischen Äthiopien, Kenia und Niedersachsen, mit vier Jahren zweisprachig, mit zehn schon in vier Sprachen unterwegs. Nicht aus Ehrgeiz, wie er erzählt, sondern weil Sprache für ihn immer der Zugang war, quasi der Eintritt ins Mitmachen. Zum Platt kam er über eine Dorflehrerin, die ihn und seinen Bruder in den plattdeutschen Kinderchor holte, um die beiden Neuankömmlinge in die Dorfgemeinschaft einzubinden. Der kleine Yared lief vier Kilometer zu Fuß zum plattdeutschen Lesewettbewerb und übte unterwegs. Es ging nie ums Plattdeutsch an sich. Es ging ums Dabeisein.
Ob die Sprache ausstirbt? Statistisch schrumpfe die Zahl der Muttersprachler, räumt er ein, die Älteren gehen. Aber auf TikTok, Instagram und in der jungen Musik von Folk bis Hip-Hop bekomme Platt gerade ein neues Gesicht. Man muss kein Norddeutscher sein, um daran das Muster zu erkennen, das sich durch Dibabas ganzes Denken zieht: Totgesagtes lebt, sobald genug Leute mitmachen.
Keine Schubladen, aber eine klare Grenze
Festlegen lässt er sich ungern. Moderator, Schauspieler, Sänger, Entertainer, Diversity-Trainer, seit diesem Jahr Autor. Die Liste ließe sich verlängern, und genau das ist der Punkt.
„Wir brauchen diese verdammten Schubladen nicht“
…sagt er im Gespräch. Er sei nicht nur der Schwarze Mann, nicht nur der, der Rassismus erfahren hat: Er sei auch ein 57-jähriger Mann, Vater, Ehemann, Entertainer, Plattschnacker. Die verschiedenen Welten zusammenzubringen, sei manchmal ein Spagat und manchmal passe alles wie von selbst. Als Bild für sich wählt er den Brückenbauer, mit dem trockenen Zusatz, dass er in zwei Jahren vielleicht ganz anders über Brücken denke.
Dieses Aushalten von Widersprüchen hat bei ihm sogar einen Namen: Ambiguitätstoleranz, die Fähigkeit, Gegensätze nebeneinander stehen zu lassen. In seinem Buch „Bin da, wer noch?“ widmet er dem ein ganzes Kapitel. Die Grenze aber zieht er scharf, sein Gradmesser sind die Menschenrechte, und für Rassismus, Sexismus und Menschenverachtung ist da kein Platz. Wer ihm erklären will, das N-Wort sei doch ein hübsches Wörtchen, bekommt keine Diplomatie, sondern die Geschichte hinter dem Wort: Beleidigung, Schläge, eine blutige Vernichtungsgeschichte. Wer das nicht hören will, mit dem muss er nicht im Dialog bleiben. Alles diesseits dieser Grenze aber gehört für ihn auf den Tisch, in den Austausch: Warum denkst du das, wo kommt es her? Meistens, sagt Dibaba, stecke ein Grund dahinter.
Ein Werkzeug dafür bringt er aus der Heimat mit. In Oromia steht der Odaa-Baum, unter dem die Ältesten des traditionellen Gada-Systems sitzen und Konflikte schlichten. Das Prinzip, das man von dort an den eigenen Küchentisch tragen kann, ist unspektakulär und schwer zugleich: zuhören. Erst verstehen, was das Gegenüber sagt, bevor der erste, empörte Impuls die Oberhand gewinnt. Danach darf gestritten werden. Dass ausgerechnet die Ältesten diese Rolle haben, ist für ihn kein Zufall, sondern gelebte Altersdiversität. Denn wer ein paar Krisen hinter sich hat, bringt eine Perspektive mit, die man nicht annehmen muss, aber hören sollte.
Zum ungebrochenen Sonnyboy taugt Dibaba trotzdem nicht. Auch ihn hat die aktuelle Migrationsdebatte zweifeln lassen an dem Gefühl der Zugehörigkeit, für das er Jahrzehnte gearbeitet hat. Er liebt dieses Land; er ist im Bürgerkrieg aufgewachsen und weiß, was Frieden, Demokratie und Sicherheit wert sind. Genau deshalb wiegt die Frage schwer, ob die Mühe umsonst gewesen sein könnte. Seine Antwort ist kein Trotz, sondern eine Entscheidung: Menschen nicht abzuschreiben. Das ist anstrengender als jede Empörung und vermutlich der Grund, warum es trägt.
Warum Älterwerden hilft
Für ein Magazin, das sich an die zweite Lebenshälfte richtet, liefert Dibaba den Rest fast ohne Nachfrage und ohne Pathos. Mit Mitte 50 hat er das tägliche Fernsehen hinter sich gelassen; als seine langjährige NDR-Sendung endete, habe er geweint. Dann taten sich Türen auf: eine Sex-Sendung für den WDR, die Ausbildung zum Diversity-Trainer, das Buch, die Bühne. Sein Körper ist Werkzeug, also läuft er und geht ins Gym. Aber nicht als Pflichtprogramm, sondern weil er den Kopf beim Laufen frei bekommt.
Abschalten hat er in der Schauspielausbildung gelernt: Entspannung, sagte ihm sein Lehrer, sei die Voraussetzung für Konzentration. Der Tod seines Vaters hat ihn in die oberste Generation geschoben, in eine neue Verantwortung, an der er sich auch mal überpaced. Und der Glaube? Gibt ihm Kraft, ohne dass er ihn jemandem verkaufen möchte, denn die Entscheidung dafür, sagt er, sei zutiefst individuell.

Das Bemerkenswerte an dieser Stunde ist, wie beiläufig sie das Älterwerden vom Abstellgleis holt. „Älter werden hilft sowieso, weil wir reifer werden“, sagt Dibaba, denn wer ein gewisses Alter erreicht habe, habe schon ein paar Krisen erlebt und stehe immer noch. Eine Krise sei nicht das Ende der Welt; mit mehr Erfahrung gehe man anders in die nächste Lebensphase. Dazu kommt ein Gedanke, der in Zeiten allgemeiner Nörgelei fast unbequem ist: wie privilegiert man hier lebt. Wer sich das vergegenwärtige – Frieden, Demokratie, Zugang zu so vielem –, fühle sich weniger ohnmächtig und gewinne Gestaltungsspielraum zurück. Keine Durchhalteparole, sondern eine ziemlich nüchterne Rechnung.
Was also mitnehmen aus einem Gespräch mit Yared Dibaba? Erstaunlich Konkretes. Folgt einmal Menschen, die ihr bisher nicht auf dem Zettel hattet. Etwa einer Schwarzen Person, einem jüdischen oder muslimischen Podcast, jemandem mit Behinderung. Setzt euch auf der nächsten Feier zu dem, der ganz anders aussieht und spricht, und fragt nicht nach der Herkunft, sondern: Was hast du heute Schönes erlebt? Verlasst öfter die Komfortzone, ruhig bis ins Dunkelgelbe; nur das tiefe Rot darf man sich sparen. Und wenn gar nichts mehr hilft, bleibt die vielleicht norddeutschste Lebensweisheit überhaupt: nützt ja nichts. Aufstehen, weitermachen. Kuddelmuddel eben, ein bisschen mehr Vielfalt, ein bisschen mehr Durcheinander, vor allem ein bisschen mehr Miteinander.
Links zu Yared Dibaba
| Website von Yared Dibaba mit Tourinfos | yared.de |
| Yared auf Instagram | @yareddibaba |
| Yared auf Facebook | @OfficialYaredDibaba |
| Yared bei youTube | @YARED.TV |
Weitere Folgen findet ihr hier beim NOT TOO OLD Podcast.
