Dass ein Sexualtherapeut ausgerechnet Sexton heißt, ist lustig, aber schnell erklärt. Der Vater von Gavin ist Engländer, der Name Sexton ist im Original die Berufsbezeichnung für den Totengräber und Glöckner, der sich um den Friedhof kümmert. Von dort zum Lustretter ist es ein weiter Weg, und Gavin Sexton hat ihn gemacht. Was 2017 als privater Blog über männliche Sexualität begann, ist heute ein Berliner Unternehmen mit zwanzigköpfigem Team, das fast ausschließlich mit Männern arbeitet. Über 2.000 hat er nach eigener Angabe begleitet. Seine zentrale These ist einfach und ein Stück weit unbequem: Wenn es im Bett klemmt, liegt die Ursache nur selten im Körper und fast immer im Kopf.
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Die Biologie ist die bequeme Ausrede
Als der Schauspieler Brian Austin Green kürzlich mit 53 Jahren öffentlich sagte, seine Lust auf Sex habe stark nachgelassen, war das ein seltener Moment männlicher Ehrlichkeit. Und eine naheliegende Erklärung lieferte er gleich mit: das Alter, das Testosteron, die Biologie eben. Gavin Sexton widerspricht da auch nicht grundsätzlich, der Testosteronspiegel sinkt tatsächlich ab Anfang 30, das kann sich auf die Libido legen. Aber er warnt vor dieser bequemen Abkürzung. Männer, sagt er, lieben einfache Schlüsse, die logisch klingen und die man irgendwo gelesen hat: Ich bin älter geworden, also läuft es nicht mehr. Fertig. Die Wahrheit ist meist komplexer und multifaktoriell und es lohnt sich, genauer hinzusehen, statt alles aufs Hormon zu schieben.
Spannend wird seine Beobachtung dort, wo der Körper sich tatsächlich verändert. Mit 55 produziert er die Erektion nicht mehr so zuverlässig wie mit 19, die Dinge brauchen etwas mehr Zeit. Das allein wäre halb so wild. Zum Problem wird es erst durch das, was im Kopf danach passiert: der Alarmzustand. Sobald zwischen den Beinen etwas nicht exakt den eigenen Anforderungen entspricht, verfallen Männer in Sekunden in Panik, egal ob 18 oder 60. Bliebe man gelassen, könnte vieles noch sehr lange sehr gut funktionieren. Der Alarm macht aus einer normalen Veränderung eine Funktionsstörung.
Der Dritte im Bett
Für diesen Mechanismus hat Sexton ein treffendes Bild, das uns auch schon in unserer Podcast-Folge mit TV-Moderator Hinnerk Baumgarten begegnet ist: Wenn es einmal nicht klappt, legt sich beim nächsten Mal ein dritter Akteur mit ins Bett. Ein Richter, der nur noch bewertet: War das gut genug? Wird er diesmal hart? Der Sex dreht sich dann nur noch um die Frage, ob es klappt und nicht mehr um den Menschen, mit dem man eigentlich im Bett liegt.
Warum trifft uns das so hart? Sexton stellt die Gegenfrage: Wer zweimal hintereinander beim Badminton schlecht spielt, geht beim dritten Mal entspannt wieder hin. Sobald aber „die Nudel involviert ist”, sind wir sofort im Panikmodus. Die interessante Frage ist deshalb nicht, warum es nicht geklappt hat, sondern welche Wichtigkeit ein Mann auf dieses eine Thema projiziert. Und da sind wir mitten in den Glaubenssätzen.

Die weiße Leinwand
Sexualität, sagt Gavin, sei erst einmal nichts als eine weiße Leinwand. Sie kann Verbindung sein, Spielerei, Druckabbau, Zärtlichkeit, Verschmelzung, es gibt keine von der Natur vorgeschriebene Definition. Den Druck erzeugt nicht der Sex, sondern der Film, den wir auf diese Leinwand projizieren. Und dieser Film besteht aus limitierenden Überzeugungen: was einen Mann attraktiv macht, was Frauen angeblich wollen, was „richtiger” Sex zu sein hat. Übernommen aus Erziehung und Gesellschaft, irgendwann für die absolute Wahrheit erklärt und nie wieder hinterfragt.
Genau hier steckt übrigens die beste Nachricht seiner Kopf-statt-Körper-These. Sie klingt zunächst wie ein Vorwurf, als wäre man selbst schuld, weil der Kopf nicht funktioniert. Sexton dreht das um: Wenn es Kopfsache ist, liegt es in deinem Wirkungsbereich. Du kannst etwas tun. Ein Hormon lässt sich schwer wegdiskutieren, ein überholter Glaubenssatz schon.
Und ja, das Klischee vom Hengst, der immer zu funktionieren hat, ist aus den Köpfen nicht verschwunden. Es wird medial sogar munter weitergefüttert: Im Porno funktioniert jeder Mann, immer. Aber auch im Kino, oder auf Netflix, Sex wird fast ausschließlich als reibungslos vorgeführt. Niemand macht mal Pause, niemand sagt: Lass uns lieber kurz kuscheln. Der Benchmark bleibt die pausenlose Funktion.
Der Bildschirm als Umweg
Am konkretesten wird er beim Thema Pornografie, das für seine Zielgruppe eine eigene Brisanz hat. Sein Bild: In langen Beziehungen wächst ein Berg aus unausgesprochenen Themen und Wünsche oder Fantasien, die nie auf den Tisch kommen. Dieser Berg steht der leichten Lust im Weg. Der Griff zum Bildschirm ist der unkomplizierte Umweg drumherum: nicht erfüllend, aber funktional.
Dazu kommt die Konditionierung. Wer regelmäßig Pornos schaut, gewöhnt das Gehirn an starke visuelle Reize und macht Sex zum „Augending”. Die echte Partnerin wirkt daneben schnell „underwhelming“, das eigene System kommt nicht mehr richtig in Wallung. Sein Test für alle, die das bei sich bemerken, ist undogmatisch: einfach mal drei Monate auf Pornografie verzichten und schauen, ob es überhaupt gelingt und wie sich der Sex verändert. Einige, verspricht er, wären überrascht.
Reden ist die unsexy Wahrheit
Was also mitnehmen, wenn man Mitte 50 ist, seit zwanzig Jahren verpartnert und das Gefühl hat, da ginge mehr? Gavin Sextons bester und wichtigster Aspekt bezieht sich auf die Kommunikation. An den Punkt zu kommen, an dem man ohne Scham über Sex reden kann, sei das Fundament, an dem keiner vorbeikommt. Die meisten Paare stehen irgendwo auf dem Spektrum zwischen Offenheit und kompletter Schweigespirale und schon ein kleiner, mutiger Schritt kann viel in Bewegung setzen.
Dazu zwei handfeste Dinge: die Selbstbefriedigung bewusster und langsamer gestalten, statt sie in vier Minuten durchzuziehen, und beim Sex eine innere beobachtende Instanz dazuholen. Nicht den Richter, sondern den neugierigen Zuschauer, der fragt: Was fühle ich hier eigentlich gerade? Weniger funktionieren, mehr spüren.
Für die Hörer bleibt ein mutmachendes Fazit: Der Körper verändert sich, ja. Aber über die Lust entscheidet seltener das Testosteron als die Frage, wie viel Druck man sich selbst macht. Und den kann man rauslassen.
Links zu Gavin Sexton
| Website von Gavin Sexton | lovebetter.de |
| Lovebetter bei Instagram | @lovebetter_official |
| Lovebetter bei youTube | @Lovebetter |
| Podcast von Gavin | Lovebetter Podcast |
| Bücher von Gavin Sexton | Bei Amazon (Affiliate-Link) |
