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Denis Wischniewski über Trailrunning, das Älterwerden und ein Leben in Bewegung | NTO Pod #78

Er ist durch die Sahara gelaufen, bei minus 40 Grad am Yukon und 120 Kilometer durch die Dolomiten. Angefangen aber hat er mit der Rennerei als frischer Vater und rund 95 Kilo auf der Waage. Vorher hatte er den Ausdauersport lange zur Seite geschoben. Heute ist Denis Wischniewski der Herausgeber des größten Trailrunning-Magazins im deutschsprachigen Raum und Finisher der härtesten Ultras der Welt. Kurz nach seinem 53. Geburtstag schreibt er ins Netz: „Fuck off Optimierung.“ Wie das zusammenpasst, erzählt er in Folge 78 unseres Podcasts.

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Es gibt Läufer, die man sich als drahtige, schmale Kerle vorstellt, denen der Sport in die Wiege gelegt wurde. Denis Wischniewski ist nicht so einer und genau das macht ihn für unsere Zielgruppe so spannend. Der 53-Jährige ist Herausgeber des größten Trailrunning-Magazins im deutschsprachigen Raum, Finisher der härtesten Ultras der Welt und einer, der immer wieder an seine Grenzen geht. Vor allem aber ist er ein Mann, der spät kam, oft zweifelte und heute freiwillig einen Gang zurückschaltet.

Im NOT TOO OLD Podcast spricht er mit Kai Bösel über ein Leben in Wellen: vom Radrennfahrer zum Aussteiger, vom übergewichtigen Papa zum Ultraläufer. Und darüber, warum er ausgerechnet jetzt, mit 53, das Optimieren satthat.

Zu Gast im NOT TOO OLD Podcast ist Denis Wischniewski, Ultraläufer und Herausgeber vom Trail Magazin
Denis Wischniewski auf dem Trail © Denis Wischniewski

Vom Radprofi-Traum zum erfundenen Sport

Sportlich beginnt bei Denis alles recht früh. Als Teenager fährt er Straßenradrennen, mit Verein, Sponsor und Lizenz, wird Landesmeister. Bis zum Schulabschluss träumt er vom Profitum in einer Zeit, als Jan Ullrich Amateurweltmeister wird und Vereinskollegen den Sprung schaffen, bis zum Giro d’Italia. Ihm habe nicht das Talent gefehlt, sagt er heute, „aber da war ich nicht fleißig genug“. Er hört auf und probiert sich aus: raus aus dem Elternhaus, Irokese, grüne Haare, tätowierter Unterarm, „nur noch wild unterwegs“.

Erst mit 30 findet er zurück, wird Vater. In der Sportredaktion des Verlags ist er der „schwammige“ Typ mit 95 Kilo zwischen lauter Durchtrainierten und mag sich selbst so nicht mehr. Also läuft er wieder. Und stellt fest: Für einen Marathon in dreieinhalb Stunden interessiert sich niemand. „Aber wenn ich erzähle, dass ich in der Mittagspause 50 Kilometer durch den Wald renne, finden das alle verrückt.“ Nicht die Zeit ist die Geschichte, sondern das Erlebnis. Aus dieser Erkenntnis wird ein eigener Sport – Trailrunning, das es hierzulande damals kaum gab – und wenig später ein ganzes Magazin.

An die Grenze und wieder zurück

Danach folgt die klassische Eskalation: erst 50 Kilometer, dann ein 100er in den Bergen, dann immer mehr. Der Höhepunkt vor fünf, sechs Jahren: ein Lauf über 350 Kilometer und fast 30.000 Höhenmeter, vier, fünf Tage ohne Schlaf. „Da war mir klar: Jetzt ist eine Grenze erreicht.“ Seitdem sucht er sie nicht mehr. Heute ist er lieber mit einem guten Freund unterwegs und behandelt das Laufen „wie ein zartes Pflänzchen“, um es noch lange machen zu können.

Am meisten interessiert ihn dabei eine Frage, die weit über den Sport hinausreicht: Wie sehr willst du etwas wirklich? In diesem Jahr sei er in Wettkämpfen gescheitert „weil ich es nicht richtig wollte“. Etwas nur zu tun, weil man es immer getan hat, hält er inzwischen für „die größte Dummheit“. Selbst den UTMB in Chamonix, den er 2025 finishte, lief er weniger aus Leidenschaft als um ihn „von der Liste“ zu haben: Zu oft war er gefragt worden, ob er den denn nie gelaufen sei. Also kratzte er einmal alles zusammen, kam an und kann jetzt Ja sagen.

„Laufen ist meine Rettung“

Warum tut er sich das alles an? Weil Laufen ihn sortiert. „Wenn ich nicht laufe, bin ich schnell in einem Chaos für mich“, sagt er. In seinen „Kurzen Laufgeschichten“ hat er es „Rettung“ genannt. Ein großes Wort, das er selbst relativiert: „Ich weiß gar nicht, wie es wäre, wenn ich es nicht täte.“ Beim Laufen kommen die Ruhe und die Ideen; ohne, sagt er, wüsste er nicht, woher er sie sonst nähme.

Beim Thema Gesundheit wird er dann ungewohnt selbstkritisch. Regelmäßige Vorsorge-Checks? Fehlanzeige. Auf die Ernährung achtet vor allem seine Frau: „Die ist mein Rettungsanker.“ Ist er allein, wird es schnell „junkig“. Seine Vorteile: Er raucht nicht, trinkt kaum Alkohol und wer viel läuft, dürfe ohnehin mehr essen. Sein wichtigster Rat an Späteinsteiger ist trotzdem unbezahlbar schlicht: einfach loslaufen. Man brauche keine Uhr, keine 300-Euro-Brille, keine Fünf-Euro-Gels, nur ein Paar Trailschuhe mit Profil. Alles andere kommt später, wenn überhaupt.

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Denis Wischniewski im Hochgebirge © Denis Wischniewski

Fuck off Optimierung

Die 50 sei „gar nichts“ gewesen, erzählt er, er habe sich sogar schon mit 49 gern auf 50 aufgerundet. Erst rund um die 53 kippte etwas: ein Blick in den Spiegel, ein paar „Zipperlein“, dazu die Konkurrenz mit deutlich Jüngeren im Job. Seither schreibt er wöchentlich auf Instagram, unter dem Titel „Im Aquarium des Lebens“ über Erinnerungen an die 80er und 90er und das Gefühl, bei aller Freiheit manchmal gegen eine Glaswand zu schwimmen. Ein Buch könnte daraus werden; erste Verlage haben Interesse.

In einem dieser Texte zog er die Reißleine: „Fuck off Optimierung.“ Genug Puls, genug Tempo, fast 100.000 Kilometer. Das letzte Drittel seines Lebens will er leiser angehen, „gütiger, gelassener“ werden, „häufiger nicken, weniger diskutieren“. Und er denkt zunehmend daran, was bleibt. „Ich möchte nicht, dass andere denken, der ist ein Arsch“, sagt er. Wichtiger als jeder Rekord ist ihm, dass seine erwachsenen Kinder – die Tochter 19, der Sohn 24 – irgendwann sagen: Das war ein guter Typ.

Der Berg ruft noch einmal

Ein großes Ziel hat er trotzdem noch: die Via Alpina, rund 2.500 Kilometer über den Alpenhauptkamm, zwei, drei Monate von Hütte zu Hütte. „Ein Menschenleben reicht nicht aus, um die Alpen ganz zu entdecken.“ Für den Moment aber genügen ihm die Runden vor der Haustür mit seinen zwei Laufkumpels. Auf die Fingern hat er „hill yeah“ tätowiert, aus dem „hell yeah“ der Rocker hat der Bergverliebte kurzerhand ein „hill“ gemacht.

Und die Botschaft an alle, die mit über 50 noch anfangen wollen? Was man dabei am meisten unterschätze, sagt Wischniewski, sei, „wie viel Fortschritte man noch machen kann“. Vielleicht ist das der Kern des ganzen Gesprächs: Es geht nicht darum, jünger zu werden. Sondern neugierig zu bleiben und einfach loszulaufen.

Links zu Denis Wischniewski

Trailrunning-Magazin (print & online)TRAIL Magazin
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Denis bei Instagram@deniswischniewski
Bücher von DenisBei Amazon (Affiliate-Link)

Kai Bösel
Kai Bösel
Kai Bösel (Jg. 1971) lebt als Patchwork-Papa mit der Familie in Hamburg. Neben NOT TOO OLD betreibt er auch das Väter-Magazin Daddylicious. Außerdem ist er Experte für Influencer-Marketing. Bisher hat er bereits fünf eigene Unternehmen gegründet, schreibt für diverse Print- und Online-Magazine, tritt als Speaker und Moderator auf und betreibt zu diesem Magazin auch einen Podcast. Nach Feierabend entspannt er im Home Gym oder beim Golf.

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