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International Age Diversity Day – Warum Teams im Job alle Generationen brauchen

Heute ist International Age Diversity Day. Falls du das nicht wusstest, bist du in guter Gesellschaft: In Deutschland kennt diesen Aktionstag kaum jemand. Das ist fast schon eine Pointe für sich. Denn hierzulande arbeiten anteilig mehr Menschen zwischen 55 und 64 als in jedem anderen EU-Land. Trotzdem sucht gefühlt jede zweite Stellenanzeige „Verstärkung für ein junges, dynamisches Team“.

Zeit also, einmal nachzurechnen. Nicht larmoyant und nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Zahlen.

Was ist der International Age Diversity Day?

Der International Age Diversity Day (IADD) findet jedes Jahr am 24. September statt. Initiator ist das Age Diversity Forum, eine gemeinnützige Organisation, die Alter als oft übersehenen Teil der Diversity-Debatte versteht. Früher hieß der Tag „Champion Age Diversity Day“. Die Idee dahinter: Unternehmen sollen erkennen, was Teams gewinnen, in denen 25- und 60-Jährige nebeneinander arbeiten. Und sie sollen Altersvorurteile hinterfragen, und zwar in beide Richtungen.

Das klingt nach einem weiteren Awareness-Tag irgendwo zwischen Tag des Kaffees und Tag der Zahngesundheit. Ist es auch. Aber die Frage, die er stellt, ist berechtigter als die meisten.

„Jung und dynamisch“: das freundlichste Ausschlusskriterium der Welt

Altersdiskriminierung ist in Deutschland verboten. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) schützt ausdrücklich vor Benachteiligung wegen des Lebensalters. Nur weiß das kaum jemand, und die Praxis sieht entsprechend aus.

Eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes kam 2025 zu einem Ergebnis, das man zweimal lesen muss: 45 Prozent der Menschen über 16 Jahren haben schon einmal Altersdiskriminierung erlebt. Am häufigsten passiert das im Arbeitsleben. 39 Prozent berichten von Benachteiligung im Zusammenhang mit dem Job.

Das Tückische daran: Altersdiskriminierung tritt selten offen auf. Sie versteckt sich in Formulierungen wie „junges, dynamisches Team“. Sie zeigt sich bei Weiterbildungen, für die man plötzlich „nicht mehr die Zielgruppe“ ist, oder in Beförderungsrunden, in denen der Name des Älteren einfach nicht fällt. Niemand sagt: „Du bist zu alt.“ Man sagt: „Wir suchen jemanden mit mehr Entwicklungspotenzial.“

Deutschland arbeitet mit grauen Schläfen

Dabei wäre etwas Realismus angebracht. Deutschland hat die älteste Erwerbsbevölkerung der EU. Laut Statistischem Bundesamt war 2024 knapp ein Viertel aller Erwerbstätigen zwischen 15 und 64 Jahren schon 55 oder älter. Das ist der höchste Wert in Europa. Die Erwerbstätigenquote der 55- bis 64-Jährigen stieg zwischen 2015 und 2025 von 66,2 auf 75,3 Prozent. Bei Männern zwischen 60 und 64 lag sie 2025 bei 72 Prozent.

Übersetzt heißt das: Der Mann über 55 ist im Büro kein Randphänomen. Er ist eine tragende Wand. Wer ihn systematisch unterschätzt, sollte sich über Risse in der Statik nicht wundern.

Was am Band in Wörth passierte

Die vielleicht schönste Widerlegung des Vorurteils vom nachlassenden Älteren stammt nicht aus einem Diversity-Workshop, sondern aus einer Lkw-Fabrik. Die Ökonomen Axel Börsch-Supan und Matthias Weiss vom Mannheimer Forschungsinstitut Ökonomie und Demographischer Wandel (MEA) haben im Mercedes-Benz-Werk Wörth die Fehlerquoten von Montageteams ausgewertet. Veröffentlicht wurde die Studie 2016 im „Journal of the Economics of Ageing“.

Das Ergebnis: Die Produktivität der Arbeiter am Band sank bis mindestens zum Alter von 60 Jahren nicht. Ältere machten zwar nicht weniger Fehler als Jüngere, aber deutlich seltener schwere, also genau die, die richtig teuer werden. Das Nachlassen von körperlicher und kognitiver Geschwindigkeit wurde durch Erfahrung ausgeglichen. Außerdem kamen die Älteren besser mit Stress zurecht und konnten besser improvisieren, wenn etwas nicht nach Plan lief.

Man könnte es auch so sagen: Der Jüngere ist schneller am Problem. Der Ältere erkennt schneller, welches Problem sich zu lösen lohnt.

Schnell gegen klug? Warum das Gehirn in Etappen altert

Dass das kein Zufallsbefund aus der Autoindustrie ist, zeigt die Kognitionsforschung. Joshua Hartshorne (MIT) und Laura Germine (Massachusetts General Hospital) haben 2015 in der Fachzeitschrift „Psychological Science“ Daten von fast 50.000 Menschen ausgewertet. Ihre Frage: Wann erreicht unser Denken seinen Höhepunkt?

Die Antwort: Einen solchen Zeitpunkt gibt es nicht. Die reine Verarbeitungsgeschwindigkeit ist mit 18 oder 19 Jahren am höchsten und nimmt danach ab. Das Kurzzeitgedächtnis legt bis etwa 25 zu und lässt ab Mitte 30 nach. Die Fähigkeit, die Gefühle anderer Menschen einzuschätzen, erreicht dagegen erst in den 40ern oder 50ern ihren Höhepunkt. Der Wortschatz, ein klassischer Marker für angesammeltes Wissen, wächst sogar bis in die späten 60er oder frühen 70er.

Sinngemäß schreiben die Forscher, es gebe kein Alter, in dem wir bei allen geistigen Aufgaben auf dem Gipfel sind. Vermutlich nicht einmal bei den meisten.

Die Psychologie unterscheidet hier seit Langem zwei Formen von Intelligenz. Die fluide Intelligenz steht für schnelles Denken und das Lösen neuer Probleme ohne Vorwissen. Die kristalline Intelligenz umfasst Wissen, Erfahrung und Urteilsvermögen. Die eine ist in jungen Jahren stark, die andere wird mit den Jahren besser. Das ist keine Wertung. Das ist Arbeitsteilung. Über dieses Thema haben wir auch mit Neurologe Prof. Dr. Volker Busch in unserer Podcast-Folge 58 gesprochen.

Das Team braucht beide ohne Generationenkrieg

Genau hier liegt der eigentliche Punkt des International Age Diversity Day. Es geht nicht darum, Ältere gegen Jüngere in Stellung zu bringen. Interessanterweise berichten jüngere Menschen sogar häufiger von Altersdiskriminierung: In der Umfrage der Antidiskriminierungsstelle lag der Anteil bei den 16- bis 44-Jährigen bei 52 Prozent, bei den über 64-Jährigen bei 35 Prozent. Die 27-Jährige, der man keine Verantwortung zutraut, und der 58-Jährige, den man nicht mehr zum Innovations-Workshop einlädt, haben mehr gemeinsam, als beiden lieb ist.

Ein gutes Team funktioniert wie ein gutes Doppel im Tennis: einer am Netz, einer an der Grundlinie. Wer vier Netzspieler aufstellt, gewinnt schnelle Ballwechsel und verliert das Match.

Konkret bringt die Jüngere Tempo, neue Werkzeuge und die Unbefangenheit, Dinge infrage zu stellen, die „schon immer so gemacht“ wurden. Der Ältere bringt Mustererkennung, ein Gespür für Menschen und die Gelassenheit, nicht bei jeder Krise den Feueralarm zu drücken. Zusammen ist das mehr als die Summe der Teile. Getrennt ist es, freundlich formuliert, ausbaufähig.

Und was heißt das für dich?

Kein Zehn-Punkte-Plan, versprochen. Nur drei Gedanken.

Erfahrung ist kein Selbstläufer. Die Studie aus Wörth zeigt, dass Erfahrung Tempoverluste ausgleicht, aber nur, wenn man sie weiter einsetzt und ausbaut. Wer seit 2009 keine neue Software mehr angefasst hat, liefert dem Vorurteil die Munition gleich mit.

Du bist nicht immun. Den jungen Kollegen als „grün hinter den Ohren“ abzuschreiben, ist exakt derselbe Denkfehler, nur in die andere Richtung.

Kenne deine Rechte. Wenn in einer Absage das Alter eine Rolle spielt, greift das AGG. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes berät kostenlos. Die meisten Betroffenen machen so etwas mit sich allein aus. Das musst du nicht.

Fazit: nicht zu alt, nur anders schnell

Der International Age Diversity Day wird in Deutschland keine Massen mobilisieren. Muss er auch nicht. Es reicht, wenn er einmal im Jahr die Frage stellt, warum Unternehmen im ältesten Arbeitsmarkt Europas noch immer so tun, als sei Erfahrung ein Kostenfaktor und kein Kapital.

Die Forschung hat die Frage längst beantwortet. Jetzt müssten nur noch die Stellenanzeigen nachziehen.

FAQ: International Age Diversity Day

Wann ist der International Age Diversity Day?

Jedes Jahr am 24. September.

Wer steckt hinter dem International Age Diversity Day?

Das Age Diversity Forum, eine gemeinnützige Organisation, die sich für Altersvielfalt in der Arbeitswelt einsetzt.

Ist Altersdiskriminierung im Job in Deutschland verboten?

Ja. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verbietet Benachteiligung wegen des Lebensalters, etwa bei Einstellung, Beförderung und Weiterbildung.

Sind ältere Arbeitnehmer weniger produktiv?

Nein, jedenfalls nicht pauschal. Eine Studie von Börsch-Supan und Weiss im Mercedes-Benz-Werk Wörth fand bis mindestens zum Alter von 60 Jahren keinen Produktivitätsrückgang, weil Erfahrung nachlassendes Tempo ausgleicht.

Kai Bösel
Kai Bösel
Kai Bösel (Jg. 1971) lebt als Patchwork-Papa mit der Familie in Hamburg. Neben NOT TOO OLD betreibt er auch das Väter-Magazin Daddylicious. Außerdem ist er Experte für Influencer-Marketing. Bisher hat er bereits fünf eigene Unternehmen gegründet, schreibt für diverse Print- und Online-Magazine, tritt als Speaker und Moderator auf und betreibt zu diesem Magazin auch einen Podcast. Nach Feierabend entspannt er im Home Gym oder beim Golf.

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