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30 Jahre reingehängt – Der Tag der Arbeit für Männer in der Lebensmitte

Der 1. Mai ist Feiertag, Demonstrationstag und Frühlingssymbol zugleich. Für Männer 50plus ist er aber auch ein Anlass, auf Jahrzehnte im Job zurückzuschauen und die Frage zu stellen, was Arbeit heute eigentlich noch bedeutet.

Mal ehrlich: Wie habt ihr den letzten 1. Mai verbracht? Maibock gezapft, mit dem Rad rausgefahren, den Garten in Form gebracht oder vielleicht auch einfach mal nichts getan, ohne schlechtes Gewissen? Gut so. Ihr habt es euch verdient. Aber bevor der Tag wieder vorbeirauscht wie ein gut gemeinter Vorsatz, lohnt sich ein kurzer Moment des Innehaltens. Denn der Tag der Arbeit ist für Männer, die seit Jahrzehnten im Job stehen, mehr als ein Feiertag auf dem Kalender. Er ist ein Datum mit einer persönlichen Bedeutung, auch wenn das vielen von euch wahrscheinlich nie so bewusst war.

Woher kommt dieser Tag überhaupt?

Der 1. Mai hat seinen Ursprung in der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts. Damals, in einer Zeit, in der Zwölf-Stunden-Schichten keine Ausnahme, sondern die Regel waren, kämpften Arbeiterinnen und Arbeiter weltweit für fundamentale Rechte: einen geregelten Achtstunden-Tag, Lohnschutz, menschenwürdige Bedingungen. Der legendäre Streik in Chicago im Mai 1886 gilt als symbolischer Ausgangspunkt. Wenige Jahre später erklärte die internationale Arbeiterbewegung den 1. Mai zu ihrem Kampftag.

In Deutschland wurde er 1933 zunächst staatlich vereinnahmt und ausgerechnet am Tag danach wurden die Gewerkschaften verboten. Nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte sich der 1. Mai als offizieller gesetzlicher Feiertag und Tag der Solidarität. Diese Geschichte muss man nicht glorifizieren, aber man kann sie kennen. Denn sie erklärt, warum wir heute Urlaubsansprüche haben, Kündigungsschutz oder auch Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Also Dinge, die sich längst so selbstverständlich anfühlen, dass man vergisst, dass Menschen hart dafür gekämpft haben.

Was ihr damit zu tun habt

Jetzt könnte man sagen: schöne Geschichte, aber was geht mich das heute an? Ich steh morgens auf, mach meinen Job, und Arbeiterbewegung klingt nach Schwarzweißfilm. Stimmt. Und stimmt auch wieder nicht.

Wenn ihr heute zwischen 45 und 65 seid, habt ihr in eurem Berufsleben einen Wandel erlebt, der historisch einzigartig ist. Ihr habt angefangen mit Formularen in dreifacher Ausfertigung und erlebt, wie das Büro digital wurde. Ihr habt Unternehmen wachsen und schrumpfen sehen, Fusionen, Restrukturierungen und Kündigungswellen mitbekommen. Ihr habt Chefs gehabt, die euch respektiert haben und solche, für die der Begriff Wertschätzung ein Fremdwort war. Ihr habt mit 25 gedacht, ihr wisst wie der Laden läuft, und mit 50 gemerkt, dass ihr erst jetzt Bescheid wisst, nur dass es niemand mehr hören will.

Viele von euch haben körperlich anspruchsvolle Jahre hinter sich: auf dem Bau, in der Produktion, im Außendienst, im Schichtbetrieb. Andere haben mental gezahlt. Zum Beispiel in Führungspositionen, die nach außen nach Erfolg aussahen und nach innen oft nach Druck und Dauerverantwortung. Und wieder andere stehen gerade irgendwo dazwischen: noch nicht am Ziel, aber auch nicht mehr am Anfang. Irgendwo in dieser langen Mitte des Berufslebens, in der man morgens aufsteht und sich manchmal fragt, ob der Einsatz und die Anerkennung wirklich in einem fairen Verhältnis stehen.

Arbeit als Teil der eigenen Geschichte

Arbeit ist für Männer dieser Generationen der Boomer und der Gen X kein abstraktes Konzept. Sie ist Identität. Nicht im Sinne von „ich bin mein Job“, denn diese Gleichung hat viele Menschen ins Unglück getrieben. Sondern in dem Sinne, dass Jahrzehnte im Beruf Spuren hinterlassen.

Wer 30 Jahre gearbeitet hat, hat 30 Jahre Verantwortung getragen. Hat Entscheidungen getroffen, mit denen er heute noch schlafen muss oder gut schläft. Hat Teams zusammengehalten, Kunden gerettet, Krisen überstanden. Hat auch Fehler gemacht, Niederlagen weggesteckt, wieder angefangen. Das ist keine Selbstbeweihräucherung. Das ist Realität. Und diese Realität verdient Respekt, vor allem euren eigenen.

Der 1. Mai kann genau das sein: ein Anlass, diesen Respekt einmal sich selbst gegenüber aufzubringen. Nicht im Sinne einer großen emotionalen Rückschau, sondern als nüchterne Bestandsaufnahme. Was habt ihr aufgebaut? Was habt ihr geleistet? Was hat euch das gekostet? Und was bedeutet euch Arbeit heute noch, jenseits des Gehalts?

Was bleibt, wenn man ehrlich ist

Viele Männer in der zweiten Lebenshälfte berichten von einem Gefühl, das sich schwer benennen lässt: Es ist nicht Unzufriedenheit, aber auch nicht Erfüllung. Eher so etwas wie eine unausgesprochene Frage. Man hat viel gegeben. Man hat funktioniert. Aber hat man auch bekommen, was man verdient hatte, also nicht nur finanziell, sondern auch an Anerkennung, an Sinnhaftigkeit, an echtem Ausgleich?

Arbeitsbelastung verschwindet nicht mit dem Alter. Im Gegenteil: Wer in der Lebensmitte steckt, trägt oft besonders viel. Berufliche Verantwortung auf der einen Seite, vielleicht Kinder, die noch im Haus sind oder gerade ausziehen. Auf der anderen Seite die ersten leisen Signale des Körpers, der anfängt, Rechnung zu stellen. Rücken. Schlaf. Energie. Das sind keine Kleinigkeiten.

Und dann ist da noch das Thema Anerkennung. Älter werdende Mitarbeiter berichten immer wieder, dass sie sich in Unternehmen zunehmend unsichtbar fühlen. Nicht gefeuert, aber auch nicht wirklich gebraucht. Nicht abgehängt, aber auch nicht mitgenommen. Das ist eine leise Form von Erschöpfung, die statistisch und in vielen Gesprächen immer wieder auftaucht. Und die der 1. Mai zumindest einmal im Jahr als Thema auf den Tisch legen darf.

Der Feiertag als Frage, nicht nur als Antwort

Was also tun mit diesem Tag? Demonstrieren müsst ihr nicht und Reden halten auch nicht. Aber vielleicht könnt ihr euch einen Moment lang die Frage stellen, die der Tag der Arbeit im Kern aufwirft: Unter welchen Bedingungen wird gearbeitet und sind das gute Bedingungen?

Das ist keine politische, sondern eine persönliche Frage. Habt ihr einen Job, der euch fordert, ohne euch zu zerstören? Habt ihr Kollegen, die euch sehen? Habt ihr Spielraum, eure Erfahrung einzubringen? Und wenn nicht: Wann habt ihr zuletzt daran gearbeitet, das zu ändern?

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Emilio Garcia auf Unsplash

Gute Arbeit braucht gute Bedingungen. Das ist der Kern dessen, wofür der 1. Mai ursprünglich stand und dieser Gedanke ist so aktuell wie 1886. Nur dass heute die Kämpfe anders aussehen. Weniger Streikposten, mehr stille Erschöpfung. Weniger Akkordarbeit am Band, mehr permanente Erreichbarkeit im Homeoffice. Die Form hat sich geändert, aber der Inhalt nicht.

Mehr als ein freier Tag

Der 1. Mai ist für Männer 50plus kein nostalgischer Gedenktag und kein politisches Statement. Er ist die einmal im Jahr wiederkehrende Einladung, auf das zurückzuschauen, was man geleistet hat und nach vorne zu schauen, was man noch will.

Denn das ist das Besondere an der Lebensmitte: Man hat genug hinter sich, um zu wissen, was zählt. Und genug vor sich, um noch etwas daraus zu machen. Arbeit ist ein Teil dieser Geschichte. Nicht der einzige, aber ein gewichtiger. Und wer 30 Jahre seines Lebens damit verbracht hat, morgens aufzustehen und seinen Teil beizutragen, dem steht an diesem einen Tag im Jahr zumindest eines zu: sich selbst kurz auf die Schulter zu klopfen. Wann, wenn nicht heute?

Schönen 1. Mai, Männer.

Kai Bösel
Kai Bösel
Kai Bösel (Jg. 1971) lebt als Patchwork-Papa mit der Familie in Hamburg. Neben NOT TOO OLD betreibt er auch das Väter-Magazin Daddylicious. Außerdem ist er Experte für Influencer-Marketing. Bisher hat er bereits fünf eigene Unternehmen gegründet, schreibt für diverse Print- und Online-Magazine, tritt als Speaker und Moderator auf und betreibt zu diesem Magazin auch einen Podcast. Nach Feierabend entspannt er beim Laufen oder Golf.

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