Autor Alexander Kühn ist Journalist beim Spiegel, Jahrgang 1975, und wollte auf keinen Fall 50 werden. Weil sich das nicht verhindern ließ, hat er sich angeschaut, wie andere es machen oder bereits geschafft haben. Herausgekommen ist ein unterhaltsames Buch über Thomas Gottschalk, Herbert Grönemeyer, Nana Mouskouri und die eigene Mutter. Und über einen Mann, der sich dabei ertappt, wie er fast falsch abgebogen wäre.
Der Anfänger mit dem Warndreieck
Wer Alexander Kühn nach seinem Alter fragte, bekam lange eine Antwort, die klang wie „Nnnempftzg“. Ende vierzig, genuschelt, damit das Gegenüber mit etwas Glück „41“ versteht oder „43“. So beginnt „Älterwerden für Anfänger“, und damit ist der Ton gesetzt. Hier schreibt einer, der sein Unbehagen nicht wegmoderiert, sondern ins Schaufenster packt. Hätte er ein Auto, schreibt Alexander Kühn, würde er sich eines dieser Warndreiecke mit Saugnapf an die Heckscheibe kleben: „Anfänger“.
Die Symptome kennt jeder, der gerade in dieser Phase steckt. Die Gleitsichtbrille. Die Kellnerin, die die jungen Gäste duzt und ihn siezt. Das Fitnessgerät, das ihm ein biologisches Alter von 57 Jahren bescheinigt. Der jüngere Kollege in der Kantine, der nach einem Text über Götz George fragt: „Wer ist Schimanski?“
Alexander Kühn, aufgewachsen im badischen Rastatt und seit einem halben Leben in Hamburg, gehört zur Generation Golf. Zu jung, um sich als Boomer beschimpfen zu lassen, zu alt, um es nicht trotzdem abzubekommen. Vor acht Jahren hat er mit dem Alkohol aufgehört, vor zwei Jahren mit Fleisch, beides aus Angst vor Altersdiabetes. Er wischt das Salz von der Brezel wie Karl Lauterbach, dem er auf neueren Fotos zunehmend ähnelt. In den Achtzigern hatte er gehofft, einmal auszusehen wie Don Johnson in „Miami Vice“.
Zur Hausärztin rennt er ständig, zum Sport eher nicht. Seine Rückenschmerzen führt er selbst auf ein Leben als Bewegungsverweigerer zurück, der schon in der Grundschule Churchills „No sports“ zitierte. An dieser Stelle möchte man als Betreiber eines Magazins namens NOT TOO OLD kurz dazwischengehen: Für den Anfang ist es selten zu spät.
Thomas oder Herbert
Das Buch lebt von Begegnungen. Kühn hat in seinem Berufsleben auffällig viele alte bis sehr alte Menschen interviewt, Kollegen nennen ihn deshalb „Todesengel“. Loriot mit 85 am Starnberger See. Hans-Georg Gadamer mit 100, der sich entschuldigt, er sei im Alter „ein vierbeiniges Wesen“ geworden. Johannes Heesters mit 106, fast blind, auf die Frage, ob es nicht allmählich genug sei: „Jetzt ist es auch zu spät, um aufzuhören.“
Das Gerüst aber bilden zwei Männer, die für den Unterschied stehen, um den es eigentlich geht.
Der eine ist Thomas Gottschalk. Im Oktober 2024 besucht Alexander ihn mit einer Kollegin in München, Anlass ist Gottschalks Buch „Ungefiltert“. Er erlebt einen mürrischen 74-Jährigen, der die 30-jährige Kollegin spürbar weniger ernst nimmt als die Männer am Tisch, keine Ohrfeige seiner Kindheit bereut und beklagt, dass junge Leute Jimi Hendrix nicht mehr kennen. Die Überschrift des Interviews, „Ich habe Frauen im TV rein dienstlich angefasst“, macht Gottschalk wochenlang zur Lachnummer. Nach dem Termin sagt Alexander zu seiner Kollegin den Satz, der das ganze Buch antreibt: In 25 Jahren sei er so alt wie Gottschalk jetzt. Ob er dann auch so reden werde?
Der andere ist Herbert Grönemeyer, den Alexander „Deutschlands unboomerigsten Boomer“ nennt. Einer, der sein 40 Jahre altes Album „4630 Bochum“ mit jungen Rapperinnen und Rappern neu einspielt, sich mit der jungen Protestbewegung solidarisiert und im Publikum Fans hat, die 45 Jahre jünger sind als er. Daneben stellt er Udo Lindenberg und Otto Waalkes, die beide mit über 70 im Duett mit jungen Rappern auf Platz 1 der Charts landeten.
Ja, alle drei sind im Rentenalter und damit eine Kohorte weiter als die Leser dieses Magazins. Aber genau das ist der Punkt. Alexander Kühn schaut auf die Weggabelung, die in 15 oder 20 Jahren kommt. Und er zeigt, dass die Richtung nicht erst mit 70 entschieden wird.

Das Geständnis in der Mitte
Die stärkste Passage handelt aber gar nicht von anderen. Anlass ist die Komödie „Alter weißer Mann“ mit Jan Josef Liefers als Heinz, zu der wir übrigens eine Podcast-Folge mit Autor Simon Verhoeven aufgenommen haben. In dem Film hält sich der ältere Heinz für progressiv, weil er mal bei den Jusos war und ein paar Hundert Platten mit Black Music besitzt. Beinahe, gesteht Alexander Kühn, wäre er selbst so geworden: ein übellauniger, gestriger Stinkstiefel.
Vor fünf, sechs Jahren verbringt er zu viel Zeit auf Twitter, fühlt sich von Netzaktivisten und moralisierenden Branchenkollegen angegriffen und umgibt sich zunehmend mit Leuten, die ihn bestätigen. Seine Wortschöpfung dafür: „Ich gottschalkisierte mich, ich wurde ein Thomas.“ Im ersten Lockdown 2020 legt er sich öffentlich mit Journalistenschülern an, die in einer Kolumne gegen die alten Redaktionen austeilen. Die Antwort: Das Problem seien Leute „wie Alexander Kühn“. Sein trockener Kommentar dazu: Immerhin habe man ihn noch als Mensch gesehen.
Diese Szene möchte man jedem Mann Mitte fünfzig vorlesen, den die Welt öfter nervt als früher. Kühn beschreibt den Mechanismus ohne Selbstmitleid. Man fühlt sich angegriffen, zieht sich zurück, sucht Bestätigung und baut sich einen Schutzwall gegen die Gegenwart. Nicht, weil man ein schlechter Mensch wäre. Sondern weil es bequemer ist.
Von Nana Mouskouri und der eigenen Mutter lernen
Den Gegenentwurf zu Gottschalk findet Alexander in Genf. Nana Mouskouri, kurz vor ihrem 90. Geburtstag, erzählt von Kränkungen, vom spielsüchtigen Vater, von der deutschen Besatzung auf Kreta, und bleibt dabei erstaunlich milde. Auf die Frage, was sie ohne Musik sei, antwortet sie mit einem Wort: „Null.“ Trotzdem weiß sie, wann Schluss ist. Sie habe kein Recht, auf die Bühne zu gehen und schlecht zu singen, auch wenn das Publikum trotzdem klatschen würde. Manchem Vorstandschef würde man diese Einsicht gönnen.
Das zweite Vorbild sitzt näher. Alexander Kühns Mutter hat mit seinem Vater eine Möbelspedition aufgebaut. Mit 50, sagt sie, sei Älterwerden kein Thema gewesen, da sei sie mitten im Geschehen gewesen. Alt fühle sie sich erst seit dem Tod ihres Mannes. Von ihr stammt der Satz, der hängen bleibt: „Sobald einem bewusst wird, dass man zu den Alten gehört, muss man sich jeden Tag aufs Neue zusammenreißen, damit man nicht ins Jammern kommt.“
Das klingt resignierter, als es ist. Jammern ist demnach keine Folge des Alters, sondern eine Versuchung, der man jeden Morgen neu widerstehen muss. Die Welt der Älteren kennt Kühn seit der Kindheit. Weil die Eltern viel arbeiteten, wuchs er werktags bei den Großeltern auf, Wackeldackel auf der Hutablage inklusive. Sein erster Berufswunsch mit fünf: Rentner.

Kein Auto, keine Kinder, kein Kraulen
Alexander ist Single und kinderlos, und er macht daraus weder ein Drama noch ein Geheimnis. Einsamkeit, schreibt er, werde durch Freiheit aufgewogen. Interessanter ist eine andere Erkenntnis. Er dachte lange, man müsse erst erwachsen werden, bevor man alt wird. Erwachsene gründen Familien, fahren Auto, kaufen Wohnungen und wissen, wie lange Kartoffeln kochen. Nichts davon trifft auf ihn zu. „Ich kann noch nicht einmal Kraulschwimmen.“
Für Väter mit Reihenhaus und Kombi klingt das nach Paralleluniversum. Die Frage dahinter betrifft aber jeden: Woran merkt man eigentlich, dass man erwachsen ist? Kühns Antwort ist unspektakulär. Es gebe nicht das eine große Erwachsenwerden, sondern viele kleine. Das erste gerahmte Bild statt Tesafilm-Poster. Der Moment, in dem Weihnachten nicht mehr aufregend ist. Oder wenn das Alter in den Todesanzeigen sich dem eigenen nähert. Wirklich erwachsen gefühlt habe er sich nur einmal: 2009, als sein Vater starb.
Das Buch hat eine ernste Unterströmung. Der Autor erinnert daran, dass mehr als die Hälfte der Menschen, die sich das Leben nehmen, älter als 60 ist, und dass drei Viertel von ihnen Männer sind. Seine Erklärung: eine Generation, der beigebracht wurde, mit Problemen allein fertig zu werden. Die Jüngeren gehen achtsamer mit sich um, beobachtet er, sie seien „nahezu durchtherapiert“.
Dazu passt das Kapitel über Bedeutung. Helene Fischer, Kronprinz Haakon, Hans Zimmer: Sie alle haben mit ihm gesprochen, schreibt Alexander Kühn, nicht weil er ein netter Kerl sei, sondern weil er für eine der wichtigsten Medienmarken des Landes arbeitet. Relevanz auf Zeit. Wer seinen Selbstwert allein aus dem Job zieht, werde es im Ruhestand schwer haben. Das gilt für Firmenparkplatz und Eckbüro genauso wie für Promi-Interviews.
Und dann: der Geburtstag
Der zweite, deutlich kürzere Teil beginnt mit dem 50. Geburtstag selbst. Um Mitternacht spielt ihm ein Freund am Telefon Reinhard Meys „50! Was, jetzt schon?“ vor. Alexander trägt einen himbeerroten Cordanzug, verweigert das Glitzerkostüm mit Lockenperücke und steigt, weil er auch mit 50 ein Mann der Kompromisse bleiben will, nicht auf den Tisch, sondern auf einen Stuhl.
Sechs Wochen später sitzt er wieder im Hörsaal, bei seinem alten Theaterwissenschafts-Professor, zwischen Erstsemestern und einem schlafenden 88-jährigen Seniorenstudenten. Und ganz am Ende versöhnt er sich sogar mit Gottschalk, als der nach seiner Krebsdiagnose und einem verunglückten Bambi-Auftritt vom Fernsehen Abschied nimmt. An diesem Abend, schreibt Alexander Kühn, sei ihm klar geworden, dass er ihn vermissen werde.

Lohnt sich das?
Ja, wenn man weiß, was man bekommt. „Älterwerden für Anfänger“ ist kein Ratgeber, auch wenn der Titel das nahelegt. Wer Tipps zu Blutwerten, Krafttraining oder Altersvorsorge sucht, ist hier falsch. Es ist eine Mischung aus Tagebuch, Reportage und Kolumne, aus vielen Einzelteilen montiert, und manches Kapitel ist vorbei, bevor es richtig angefangen hat. Und die Wehleidigkeit, die Alexander Kühn gleich zu Beginn ankündigt, ist gelegentlich mehr Pose als Problem.
Dafür bekommt man einen Autor, der pointiert formuliert, ehrlich über die eigenen Schwächen schreibt und eine Galerie prominenter Begegnungen, die man in dieser Dichte selten liest. Vor allem stellt der Autor die richtige Frage zur richtigen Zeit. Nicht: Wie bleibe ich möglichst lange jung? Sondern: Wie verhindere ich, dass aus mir ein Thomas wird?
Und die Sache mit dem Sport? Alexander geht inzwischen ins Fitnessstudio und lässt sich Übungen für den unteren Rücken zeigen. Für einen, der schon als Grundschüler Churchill zitierte, ist das ein Anfang. Mehr verlangt ja keiner.
Eckdaten zum Buch
- Titel: Älterwerden für Anfänger.
- Autor: Alexander Kühn
- Verlag: DVA, in Kooperation mit dem SPIEGEL-Buchverlag
- Preis: 22,00 Euro (Hardcover), 18,99 Euro (E-Book)
- Seiten: 288
- Erscheinungstermin: 20. Mai 2026
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