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Wachsen statt schweigen – Gedanken zum Movember 2026

Männer sind das starke Geschlecht, so sagt man. Sie müssen Kante zeigen und Verantwortung im Leben übernehmen. Aber Männer sind auch fragil, ihr Seelenleben ist oft angeknackst. Und Männer tun sich schwer, darüber ztu reden. Das mündet oft in den Burnout und schlimmstenfalls sogar in den Tod. Männer sterben in Deutschland weit häufiger durch Suizid als Frauen, und sie holen sich seltener Hilfe. Beim Movember Pressepanel zum Welttag für psychische Gesundheit erklärten ein Rugbyspieler, eine Chirurgin und eine Burnout Expertin, warum das so ist und was sich ändern muss. Die Organisation kümmert sich seit 2003 in 1.300 Projekten um das thema Männergesundheit.

Fachleute kennen ein Paradox: Frauen erhalten häufiger die Diagnose Depression, Männer sterben häufiger durch Suizid. Männer zeigen seelische Not oft anders, gereizt, risikobereit oder mit Suchtverhalten, und sie suchen später Hilfe. Das Klischee, Männer redeten eben nicht, greift zu kurz. Die Hürden sind vielschichtig und liegen auch im Gesundheitssystem selbst.

Aufgefangen werden

Ben Ellermann spielt Rugby in der deutschen Nationalmannschaft und ist seit fast neun Jahren Movember Botschafter. Vor knapp zehn Jahren starb sein Kindheitsfreund bei einem Motorradunfall. Ellermann hatte damals keinen Halt, weder zu Hause noch in sich selbst. Er sei depressiv gewesen und habe an Suizid gedacht, sagt er offen. Er flog ans andere Ende der Welt, nach Australien, Neuseeland und Fidschi, in die Heimat des Rugbys. Dort lernte er Movember kennen. „Ich fand es unglaublich spannend, dass Menschen mich aufgefangen und mir ein Stück weit die Führung auch abgenommen haben.“

Heute ist er nach eigenen Worten die Person, „die ich früher wahrscheinlich selbst gebraucht hätte“. Er trinkt Kaffee mit Mitspielern, hilft bei der Suche nach einem Therapieplatz, stellt den Erstkontakt her. „Manchmal braucht es einfach jemanden, der einen an die Hand nimmt.“

Die Kabine als Schutzraum

Rugby gilt als hart. „Wir sind sehr, sehr tolerant, was Schmerzen angeht“, sagt Ellermann, „und sehr, sehr tolerant, was Aushalten angeht.“ Genau darin liege das Problem. Im deutschen Leistungssport gehe es vielen Athleten nicht gut, Sportarten außerhalb des Fußballs sollten Leistung bringen, ohne entsprechend gefördert zu werden. Mit Mehr als Muskeln, gegründet mit Lea Krüger, will er das ändern: sichere Räume für Athleten, Trainer und Umfeld einbeziehen, die Psyche so fördern wie den Körper. „Denn auch im Leistungssport sind wir alle mehr als unsere Muskeln.“

Movember verfolgt dieselbe Idee im Nachwuchssport. Das Programm “Ahead of the Game” schickt Fachleute in die Kabinen junger Teams und bringt Spielern, Eltern und Trainern bei, über seelische Gesundheit zu sprechen. Es läuft in Australien und Großbritannien, in Großbritannien und Irland erreichte es zuletzt mehr als 20.000 Teilnehmende in einem Jahr. Movember verweist auf einen Bericht der University of Wollongong: Jugendliche im Vereinssport hätten ein um 10 bis 20 Prozent geringeres Risiko für psychische Probleme, 35 Prozent weniger Todesfälle durch Suizid und 39 Prozent weniger Suizidversuche.

Wer heilt, leidet mit

Prof. Dr. Nina Harke ist Geschäftsführende Oberärztin der Urologie an der Medizinischen Hochschule Hannover und operiert vor allem. Den Tod erlebt sie seltener, als man denkt: Hodenkrebs und Prostatakrebs sind bei früher Entdeckung meist heilbar, bei Hodenkrebs liegt die Überlebenschance nach Movember bei mehr als 95 Prozent. Trotzdem belasten Komplikationen. „Wir sind keine Berufsgruppe, die gerne über Gefühle spricht“, sagt Harke.

Nina Harke
Prof. Dr. Nina Harke

Fachleute nennen die Betroffenen Second Victims: Beschäftigte im Gesundheitswesen, die nach einer Komplikation oder einem Fehler leiden. Bei mehr als 80 Prozent der Befragten einer Umfrage in der deutschen Urologie, die Harke nennt, hielten die Probleme bis zu sechs Monate an. Das Credo „Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter“ taugt daher nicht. Manches mache Menschen in kleinen Schritten kaputt. Als Vorbild nennt sie das Royal College of Surgeons in Großbritannien: eine Anlaufstelle der ersten Hilfe, an die sich Betroffene selbst wenden oder auf die Dritte hinweisen. In München gibt es eine psychologische Akutunterstützung für Beschäftigte im Gesundheitswesen, doch kaum jemand kennt sie. Harke fordert eine übergeordnete Stelle, die so bekannt ist, dass Kollegen sie weiterempfehlen.

Auch bei der Vorsorge zeigt sich die Scheu. Prostatakrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Männern in Deutschland, geschätzt 6,9 Prozent erkranken im Lauf ihres Lebens. Nach einer Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK nahmen aber nur 28 Prozent der Männer zwischen 54 und 70 Jahren in mindestens drei von zehn Jahren an der Früherkennung teil. In Harkes Sprechstunde schicken meist die Partnerinnen: „Wenn ich jedes Mal einen Euro bekommen würde, wenn jemand sagt: Ja, meine Frau wollte, dass ich zur Vorsorge gehe, dann wäre ich schon reich.“

Wenn Führungskräfte sprachlos sind

Hildegard Tröger ist stellvertretende Bundesvorsitzende des Bundesverbands für Burnout Prävention und hat in einem großen Unternehmen Gesundheitsprogramme aufgebaut. Ihr Verband, gegründet vor mehr als zehn Jahren, zählt rund 70 Mitglieder und zertifiziert sie, denn die Bezeichnung Burnout Therapeut ist nicht geschützt. Burnout gilt nach der WHO als berufsbezogenes Phänomen, nicht als Krankheit. Tröger bemängelt: Eine eigenständige Diagnose gibt es nicht, häufig wird Depression diagnostiziert.

Anfangs zögerten Beschäftigte, sich anzumelden, aus Sorge, als Minderleister abgestempelt zu werden. Führungskräfte räumten das aus, weil sie sahen, was lange Ausfälle kosten. Ein Format für Männer namens „Mann, bleib gesund“ wurde zum Favoriten: „Die Herren sind dort hingeströmt.“ Wirksamer noch war ein Training für Führungskräfte: Wie erkenne ich, dass ein Mitarbeiter Schwierigkeiten hat, und wie spreche ich ihn an? „Ich war immer wieder erstaunt, wie viel Hilflosigkeit da selbst bei hochrangigen Managern im Raum war“, sagt Tröger. Groß sei die Dankbarkeit gewesen, wenn es konkrete Sätze und Redewendungen gab.

Ein Parallelangebot für Frauen lief kaum. Nicht, weil Frauen weniger belastet wären, sondern weil Betreuung für die Kinder und Vertretung im Job fehlten. Den Männern hielten die Vorgesetzten den Rücken frei. Und die Jüngeren stehen unter eigenem Druck: Corona, soziale Netzwerke, ständiger Vergleich. „Jeder hat seinen privaten Rucksack mit den Steinen drin, die nach unten ziehen“, sagt Tröger.

Die Lücke danach

Reden ist der erste Schritt, nicht der letzte. „Es ist wichtig, Awareness für mentale Gesundheit zu schaffen“, mahnt Harke. „Aber die Leute anschließend im Regen stehen zu lassen, ist eine ganz, ganz große Katastrophe.“ Wer Hilfe sucht und überall Absagen erhält, verliert noch mehr Selbstwert. Wie lang die Wege sind, zeigt eine Befragung von 123 Psychotherapiepraxen, über die der rbb 2022 berichtete: Mehr als die Hälfte der Patienten wartet länger als vier Monate nach dem ersten Kontakt.

Growmitment: ein Anfang, kein Ende

Movember hat seit 2003 mehr als 1,8 Milliarden australische Dollar gesammelt und über 1.300 Projekte finanziert. Die Kampagne 2026 heißt Growmitment: Ein Freund fordert einen Freund heraus, gemeinsam einen Schnurrbart wachsen zu lassen, 60 Kilometer zu laufen, etwas zu veranstalten oder den eigenen Weg zu gehen. Was das bewirkt, zeigt eine Befragung von Teilnehmenden der Kampagne 2025 in sechs Märkten. Der Anteil derer, die sich wohl dabei fühlen, über ihre Gesundheit zu sprechen, stieg binnen 30 Tagen von 66 auf 83 Prozent, sieben von zehn sind eher bereit, Hilfe zu suchen. Es sind Selbstauskünfte. Sie zeigen mehr Gespräche und mehr Bereitschaft zur Hilfe, keine Heilung.

Harke gefällt die Idee, doch sie warnt vor der Kurzatmigkeit: „Psychische Belastung ist ganz, ganz selten etwas, was nur eine oder zwei Wochen andauert.“ Es reiche nicht, das am Anfang nur für ein paar Tage oder Wochen zu machen. Schwierig werde es oft nach Monaten, wenn keiner mehr zuhören mag. Ellermann nennt den Kern: „Ich glaube, das Allerwichtigste ist das Vertrauen: das Vertrauen in sein Gegenüber und in seine Mitmenschen.“

Wer sich selbst betroffen fühlt: Die Telefonseelsorge ist kostenlos und rund um die Uhr erreichbar, unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.

Quellen

Kai Bösel
Kai Bösel
Kai Bösel (Jg. 1971) lebt als Patchwork-Papa mit der Familie in Hamburg. Neben NOT TOO OLD betreibt er auch das Väter-Magazin Daddylicious. Außerdem ist er Experte für Influencer-Marketing. Bisher hat er bereits fünf eigene Unternehmen gegründet, schreibt für diverse Print- und Online-Magazine, tritt als Speaker und Moderator auf und betreibt zu diesem Magazin auch einen Podcast. Nach Feierabend entspannt er im Home Gym oder beim Golf.

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