Ein Beitrag von Ralph Schirner (Hörstudio Schirner)
Wenn der Hörtest eine Hörminderung zeigt, fangen die Fragen erst an. Was zahlt die Kasse, und warum landen manche Hörgeräte nach wenigen Wochen in der Schublade? Hörakustikmeister Ralph Schirner vom Hörstudio Schirner in Hilden erklärt, worauf es nach dem Test ankommt.
Samstagabend beim Italiener: Der Tisch ist voll, nebenan feiert jemand Geburtstag. Dein Gegenüber erzählt von seinem Segeltörn. Du lachst an den Stellen, an denen die anderen lachen. Worüber eigentlich, weißt du gar nicht. Zuhause meint deine Partnerin, der Fernseher sei schon wieder zu laut. Du denkst: Die Leute reden heute undeutlicher.
Ein Irrtum. Die Menschen sprechen so deutlich wie vor 20 Jahren. Bei einem beginnenden Hörverlust verschwinden meist zuerst die hohen Töne, und genau die machen Sprache klar. Fehlen sie, klingt alles ein wenig verwaschen. Das Nuscheln entsteht im eigenen Ohr.
Schwerhörigkeit tut nicht weh. Täte sie es, könnten wir uns vor Kunden kaum retten. So kommt sie leise und über Jahre. Oft merkt es die Partnerin früher als du. Über neun Millionen Menschen in Deutschland halten sich nach der EuroTrak-Studie 2025 für hörgemindert. Knapp die Hälfte davon trägt ein Hörsystem.
Die Szene enthält zwei typische Warnzeichen: der laute Fernseher und das Gespräch, das an dir vorbeiläuft. Das dritte: Andere wiederholen ihre Sätze für dich. Spätestens dann lohnt ein Hörtest beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt oder direkt beim Hörakustiker.
Wie du dein Gehör im Alltag schützt, hat NOT TOO OLD in den fünf Routinen fürs Gehör beschrieben. Dieser Beitrag setzt einen Schritt weiter an: Der Hörtest zeigt eine Hörminderung. Was nun?
Warum sich Warten rächt
Hören hat zwei Stationen. Im Innenohr wandelt die Hörschnecke den Schall in Nervenimpulse um, Fachleute nennen sie Cochlea. Das Hörzentrum im Gehirn wertet diese Impulse aus. Millionen verschalteter Nervenzellen entscheiden dort, ob ein Wort ankommt oder Wasser rauscht.
Ich vergleiche das Hörzentrum gern mit einem Muskel. Solange es gefordert wird, bleibt es fit. Kommt durch den Hörverlust weniger an, fällt das Training aus. Nach und nach verlernt das Gehirn, Geräusche einzuordnen. Wer jahrelang wartet, startet später wie nach einer langen Verletzungspause. Mit dem ersten Hörgerät klingt plötzlich alles zu laut und zu schrill.
Trotzdem lassen sich viele Zeit. Laut EuroTrak vergehen im Schnitt rund drei Jahre vom selbst bemerkten Hörverlust bis zum ersten Hörgerät. Doch oft fällt der eigene Hörverlust erst spät auf. Eine US-Langzeitstudie zählte ab dem Zeitpunkt, an dem ein Hörgerät laut Hörtest sinnvoll gewesen wäre. Sie kam auf knapp neun Jahre. Im Rückblick bedauern 64 Prozent der Hörgeräteträger ihr langes Zögern. 97 Prozent sagen, ihre Lebensqualität habe sich mit dem Hörsystem verbessert.

Was die Kasse zahlt
Die Mehrheit der Schwerhörigen ohne Hörgerät weiß laut EuroTrak nichts von der Kassenleistung. Dabei kann sich jeder gesetzlich Versicherte eine Versorgung leisten. Die gesetzlichen Kassen zahlen einen Pauschalbetrag, dessen Höhe vom jeweiligen Vertrag abhängt. Bei der Techniker Krankenkasse etwa sind es rund 722 Euro pro Ohr für Gerät und Ohrpassstück. Bei anderen großen Kassen liegen die Beträge in einer ähnlichen Größenordnung. Jeder Hörakustiker mit Kassenvertrag ist verpflichtet, dir mindestens ein passendes Hörsystem ohne Aufzahlung anzubieten. In diesem Fall zahlst du nur die gesetzliche Zuzahlung von 10 Euro pro Gerät. Für 2027 hat der Gesetzgeber eine Erhöhung auf 15 Euro beschlossen.
Privat Versicherte erhalten je nach Tarif meist deutlich mehr. Ein Blick in die Vertragsbedingungen vor dem ersten Termin erspart Diskussionen.
Lohnt sich eine Aufzahlung? Das hängt an deinem Alltag. Geräte mit Aufzahlung verlangen weniger Höranstrengung und filtern störende Nebengeräusche stärker heraus. Das zeigt sich im Großraumbüro oder beim Grillabend mit 12 Leuten. Wer viel telefoniert und in Besprechungen sitzt, stellt andere Ansprüche als jemand mit ruhigem Tagesablauf.
Technik, die zu deinem Leben passt
Hörsysteme sind heute kleine Computer am Ohr. Über Bluetooth nimmst du Telefonate am Hörgerät an und sprichst freihändig, das Mikrofon im Gerät überträgt deine Stimme. Musik kommt vom Smartphone ins Ohr, ebenso der Ton der Videokonferenz vom Tablet. Akkus ersparen dir den Batteriewechsel alle paar Tage, die Steuerung läuft über eine App. Das alles beherrscht inzwischen fast jedes aktuelle Gerät. Neu hinzu kommt der Funkstandard Auracast. Er überträgt auch an öffentlichen Orten Ton ohne Umweg ins Hörsystem, sofern etwa der Kinosaal ein Auracast-Signal sendet.
Den Unterschied macht, was unter der Haube passiert: Wie trennt ein Gerät Sprache von Lärm? Die Hersteller verfolgen dafür unterschiedliche Strategien. Immer mehr setzen auf künstliche Intelligenz. Ein solches KI-Hörgerät erkennt die Hörsituation und stellt sich selbstständig darauf ein. Welche Strategie zu deinem Gehör passt, zeigt nur der direkte Vergleich.
Woran du einen guten Hörakustiker erkennst
Schau dir zuerst die Auswahl an. Zwei der größten Hörakustikketten Deutschlands gehören inzwischen selbst zu Hörgerätekonzernen. Für dich heißt das: Achte genau darauf, was im Regal steht. Marken desselben Konzerns teilen sich oft Chips und Technik. Ihre Geräte liegen deshalb näher beieinander, als die Namen vermuten lassen. Frag nach, wie viele Hersteller ein Betrieb führt und aus welchen Konzernen sie stammen. Im Hörstudio Schirner in Hilden sind es 11 Marken. Teste zwei bis drei Geräte gegeneinander, am besten von Herstellern aus verschiedenen Konzernen. Sonst vergleichst du Geschwister.
Ein weiteres Indiz ist Hörtraining. Wer mit seinen Kunden das Hören trainiert, kümmert sich intensiver um die Zeit nach der Anpassung.
Fast niemand stellt die Frage, die am meisten verrät: Nach welchem Konzept wird mein Hörgerät angepasst? Üblich ist folgender Ablauf. Eine Software berechnet die Einstellung aus dem Hörtest vor. Danach sagt der Kunde, was ihm nicht gefällt. Oft klingt es ihm zu blechern. Der Akustiker folgt diesem subjektiven Eindruck und stellt das Gerät meist dumpfer ein. Meine Erfahrung: Es klingt angenehmer, doch das Sprachverstehen leidet. Unser Gehirn hat den Klang aus der Zeit vor der Versorgung gespeichert und will dorthin zurück.

Die Forschung bestätigt, dass sich Nachmessen lohnt. Eine Übersichtsarbeit im Fachjournal Trends in Hearing kam 2021 zu dem Ergebnis: Die Standardeinstellungen der Hersteller weichen oft deutlich von wissenschaftlichen Zielwerten ab. Prüften Akustiker die Einstellung per Messung im Gehörgang nach, verstanden die Träger Sprache besser. Am deutlichsten zeigte sich das in ruhiger Umgebung.
In meinem Betrieb folgen auf die Vorberechnung zwei weitere Verfahren. Mit dem Anpasssystem Aurelia stellen wir über Lautsprecher im Raum ein, wie stark welche Tonhöhe verstärkt wird. Unser Ziel ist, dem Hörempfinden eines normal hörenden Menschen so nahe wie möglich zu kommen. Danach geht es um laut und leise. Dafür nutzen wir Revoloud, eine Entwicklung des Hörzentrums Oldenburg. Das Institut forscht im Umfeld der Universität Oldenburg. Der Kunde bewertet in wenigen Minuten 60 natürliche Klänge von leise bis laut. Die Software vergleicht seine Angaben mit der Wahrnehmung normal hörender Menschen.
Die ersten Wochen: dranbleiben wie beim Training
Ein Hörgerät braucht Zeit. Der häufigste Fehler in meinem Alltag: Viele tragen es nur beim Ausgehen. Zuhause halten sie es für überflüssig. Beim Italiener prasselt dann alles auf einmal auf sie ein, und sie sind überfordert. So landet manches Gerät in der Schublade. Der US-Fachverband für Hören und Sprache ASHA rät, ein neues Gerät den größten Teil der wachen Zeit zu tragen. Meine Faustregel: mindestens acht Stunden am Tag, auch wenn du allein zuhause bist. Papierrascheln und Toilettenspülung gehören zum Leben. Dein Gehirn lernt, auch diese Geräusche neu einzuordnen.
Fang in ruhiger Umgebung an und steigere dich, wie beim Lauftraining nach einer Pause. In meinem Studio wirkt Hörtraining in dieser Phase wie ein Katalysator, weil es die Gewöhnung an die zurückgewonnenen Klänge beschleunigt. Realistische Erwartungen helfen ebenfalls. Ein Hörgerät ist kein neues Ohr, sondern eine Hightech-Krücke. Es klingt anders als früher. Mit etwas Geduld redest du am Tisch trotzdem wieder mit.
Der nächste Schritt
Hören ist die Schnittstelle zu anderen Menschen, im Job genauso wie beim Konzert. Der Hörtest dauert nur kurz und bleibt so schmerzfrei wie der Hörverlust selbst. Trag ihn in den Kalender ein, gleich neben die nächste Vorsorgeuntersuchung. Beim Italiener hörst du dann wieder, worüber am Tisch gelacht wird.
Zum Autor
Ralph Schirner ist Hörakustikmeister und Inhaber des Hörstudios Schirner in Hilden. Den Betrieb führt er seit 1998, heute mit fünf Standorten im Rheinland. Für seine Kunden wählt er aus 11 Herstellermarken und druckt die Ohrpassstücke im eigenen Haus. Seit 2010 arbeitet er zusätzlich mit Hörtraining.
