Volle Pulle Vorhand: Tennis ist das perfekte Workout – in jedem Alter

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© Florian Petrow

Gerade im fortschreitenden Alter ist regelmäßige Bewegung oder sportliche Betätigung enorm wichtig. Dabei ist Tennis ein empfehlenswerter Sport. Das erklärt hier ganz ausführlich einer, der es wissen muss. Denn Tim Böseler schwingt seit über 40 Jahren selbst den Schläger, auch beruflich. Denn er ist Redakteur beim tennis MAGAZIN. Hier ist sein Gastbeitrag.

Als ich vier Jahre alt war, drückte mir mein Vater ein Speckbrett in die Hand. „So Tim, damit kannst du erstmal anfangen“, sagte er. Mein Vater gab Ende der 70er Jahre nebenberuflich Tennistraining, war Jugendwart im örtlichen Tennisclub am Niederrhein und stand im Sommer jeden Nachmittag auf dem Platz. Ich war oft dabei. Schaute beim Training zu, sammelte die Bälle ein und zählte bei echten Matches laut vom Schiedsrichterstuhl aus mit. Irgendwann aber wollte ich selbst spielen und bekam das Speckbrett.

Tatsächlich erinnerte dieses Gerät an ein Küchenbrett mit kurzem Griff, auf dem man unter anderem Speck schneiden konnte. Das Speckbrett, mit dem Kinder wie ich damals Tennis lernten, hatte allerdings viele eingebohrte Löcher, um Gewicht und Luftwiderstand zu reduzieren. Und der Griff war mit einem Griffband umwickelt. Mit diesem Holzprügel und einer Wand, gegen die ich stundenlang einen normalen Tennisball kloppte, begann dann das, was man heute getrost als Leidenschaft fürs Leben bezeichnen kann. Tennis, in all seinen Facetten, ließ mich nicht mehr los – und das schon weit vor dem großen deutschen Tennis-Boom durch Boris Becker und Steffi Graf.

Heute, mit 45, kann ich von mir selbst behaupten, seit mehr als 40 Jahren Tennis zu spielen. Ich legte nie eine längere Pause ein. Egal, in welcher Stadt ich lebte, wohin ich ins Ausland reiste oder welche Freundin ich hatte – ein Stündchen Tennis ging irgendwie immer. Was allerdings auf lange Sicht nicht jede Freundin verstand …

Ich habe dabei Tennis in all den Jahren nie als typischen Einzelsport wahrgenommen. Klar, man steht im Einzel allein auf dem Platz und ist für seine Fehler, von denen man leider so unglaublich viele produziert, ausschließlich selbst verantwortlich – nicht der Mannschaftskamerad. Trotzdem: Tennis war für mich immer ein Gemeinschaftserlebnis: Trainingslager mit einer wilden Meute Nachwuchsspieler in Italien oder Kroatien, Turniertourneen durch die Niederlande zusammen mit einem Dutzend Clubkollegen in Zelten auf unebenen Kuhwiesen, etliche Punktspiele für Jugend- und Herrenmannschaften mit ausufernden Aufstiegspartys und Auswärtspartien, von denen man erst tief in der Nacht zurückkehrte. Tennis war für mich Freundschaftspflege, bis heute.

Tim HH 2020
SPÄTHERBST-TENNIS: Im November 2020 noch draußen aufgeschlagen – Böseler in seinem Club, dem SC Union Altona in Hamburg.

Mit den Jahren aber rückte ein Aspekt in mein Bewusstsein, den ich als junger Spieler natürlich nicht im Blick hatte: Tennis ist tatsächlich ein Sport, den man sein ganzes Leben lang ausüben kann – egal, auf welchem Niveau. Wer es ambitioniert mag, kann in etlichen Altersklassen, die mittlerweile bis in die Herren 80 reichen, um Punkte für seine Mannschaft kämpfen.

Bei einer für Freizeitspieler kaum zu durchdringenden Komplexität bietet Tennis genau deshalb auch viele Schlupflöcher, die es einem ermöglichen, Schwächen in dem einen Bereich durch Stärken an anderer Stelle wieder auszugleichen. Oder auch größere Altersunterschiede zu kompensieren. Noch als angehender Teenager lieferte ich mir umkämpfte Duelle mit meinem Vater, der damals schon über 50 Jahre alt war.

Wer eine wackelige Rückhand hat, kann dafür vielleicht mit seiner stabilen Vorhand mächtig Dampf machen. Wer nicht der Schnellste und Beweglichste auf dem Platz ist, verfügt womöglich über ein feines Händchen und eine vorausschauende Spielübersicht. Und wer eher zurückhaltend spielt, das Risiko scheut und nicht auf eigene Gewinnschläge setzt, ist unter Umständen ein Meister der Konzentration, der in den wichtigen Momenten eines Matches einfach keine Fehler macht.

Diese Vielseitigkeit hat mich stets besonders gereizt. Es geht eben nicht einfach nur um schneller, höher, weiter. Um Kacheln zählen oder etliche Kilometer am Stück abreißen. Auf dem Tennisplatz geht es um so viel mehr. Und klar: Die Vielschichtigkeit dieses Sports kann einen in die pure Verzweiflung treiben. Wie einfach es dann doch wäre, durch den Wald zehn Kilometer zu joggen, im Schwimmbad zwanzig Bahnen zu ziehen oder mit dem Rennrad die 50 Kilometer lange Schleife abzuarbeiten.

Als Tennisspieler aber lösen sich all die Selbstzweifel in Wohlgefallen auf, wenn man dann plötzlich aus dem Lauf heraus die Vorhand volle Pulle trifft und sie wie ein Strich beim Gegner hinten auf die Linie klatscht. Oder wenn man ans Netz stürmt und den Passierball des Gegenübers mit einem hingehauchten Volley-Stopp abfischt.

Das sind die Momente, die in mir eine tiefe innere Zufriedenheit hinterlassen. Die mich darüber rückversichern, etwas zu beherrschen, was nicht ganz alltäglich ist. Und die mir vor allem zeigen: Bleib am Ball, du kannst es doch noch – auch wenn du schon Mitte 40 bist.

Vor zehn Jahren, als mein erster Sohn zur Welt kam und Tennis in der Prioritätenliste tatsächlich etwas an Bedeutung verlor, versuchte ich mit Läufen im benachbarten Park und Fitnesstraining im Schlafzimmer gegen die sportliche Inaktivität anzukämpfen. Es half vielleicht, um halbwegs in Form zu bleiben – wirklich Spaß machte es aber nicht. Seitdem die Kinder größer sind und ich wieder regelmäßiger auf den Platz stehen kann, steht für mich fest: Tennis ist das perfekte „Workout“. Ein Match fordert mich auf so vielen körperlichen und psychischen Ebenen – da können Ausdauersportarten oder stumpfe Fitnesseinheiten nicht mithalten. Tennis ist Schnelligkeit, Athletik, Koordination, Kraft, Antizipationsfähigkeit, Kondition, Kreativität, Reaktionsvermögen, mentale Stärke und noch so viel mehr.

Tim Kroatien 1990
KLASSISCHER TECHNIKER: Auf die einhändige Rückhand verließ sich Böseler schon als Jugendlicher, hier mit 15 Jahren in einem Trainingslager in Kroatien 1990.

Ein Tennismatch ist wie eine HIIT-Session, also wie ein „High Intensity Intervall Training“. Vereinfacht gesagt, wird der Körper stark belastet, der Puls in die Höhe getrieben. Dann gibt es eine kurze Pause, um zu verschnaufen, danach kommt die nächste Übung. Diese Belastung entspricht den kurzen und intensiven Ballwechseln im Tennis. Die Zeit zwischen den Punkten ist knapp, um zu regenerieren. Schnell kommt der nächste Aufschlag oder der nächste Return. Vom Ruhezustand zurück in den Hochdrehzahlbereich innerhalb weniger Sekunden.

Kurze, kleine Schritte sind gefordert, kraftvolle Antritte, blitzschnelle Reaktionen, abrupte Richtungswechsel. Ball und Gegner immer im Blick haben, dann die Vorbereitung auf den eigenen Schlag. Das Anlaufen, den richtigen Abstand zum Ball finden, Körperspannung aufbauen, Schläger zurücknehmen, Oberkörper eindrehen, unter den Ball kommen und den perfekten Treffpunkt weit vorm Körper anvisieren. Den Arm laufen lassen, vor allem vom Schwung leben, weniger von der Kraft. Die Spannung entlädt sich, der Schlägerkopf beschleunigt sich, im Treffpunkt vermengt sich alles und der Ball zischt über das Netz. Oft genug kommt er wenig später wieder zurück – und es fängt wieder von vorne an.

Nur, dass ein Schlag fast nie einem anderen ähnelt. Spin, Geschwindigkeit, Flugkurve, Absprunghöhe, Schlaglänge: Es gibt so viele Faktoren, die einen einzigen Schlag beeinflussen. Im Training versucht man manchmal gleichbleibende Bedingungen zu simulieren, um die eigenen Bewegungsabläufe zu automatisieren. Aber im Match ergeben sich ständig neue Situationen, auf die man reagieren und für die man Lösungen finden muss. Genau hier kommt die spielerische Komponente zum Tragen. Denn bei allen körperlichen und psychischen Fähigkeiten, die man auf dem Platz braucht, ist Tennis vor allem eins: ein Spiel.

Und zwar ein ziemlich gesundes. Die Anfang September 2018 veröffentliche „Copenhagen City Heart Study“ kam nämlich zu dem Ergebnis, dass regelmäßiges Tennisspielen das Leben um knapp zehn Jahre verlängern kann – keine andere Sportart kommt in der Untersuchung auf einen höheren Wert. Zum Vergleich: Wer oft ins Fitnessstudio geht, hat „nur“ Chancen auf zusätzliche anderthalb Jahre. Joggern werden etwas mehr als drei Extra-Jahre geschenkt. Warum aber ist Tennis so gut für die Gesundheit?

Mit dieser Frage habe ich mich für eine Reportage intensiv beschäftigt. Ich bin seit bald 20 Jahren Redakteur beim tennis MAGAZIN, einer Special Interest-Zeitschrift für, logisch, Tennis. Als Junge hatte ich die Hefte auswendig gelernt, mir Fotos und Grafiken ausgeschnitten und sie mit meinen eigenen Texten zu neuen Collagen in Schnellheftern zusammengefügt. Mit 14 verschickte ich Pressemitteilungen meines Tennisvereins an die Lokalpresse. Mit 16 durfte ich in der Lokalredaktion arbeiten. Es folgten einige Praktika, ein Studium und schließlich ein Volontariat beim tennis MAGAZIN. Dort kümmere ich mich mittlerweile um die etwas versteckteren Themen und weniger um den aktuellen Profisport.

Die „Copenhagen City Heart Study“ weckte mein Interesse. Ich sprach mit über 90 Jahre alten Tennisspielern, die regelmäßig an Weltmeisterschaften in ihrer Altersklasse teilnehmen, interviewte Gesundheitsexperten und befragte die Autoren der Studie.

Der Kardiologe James O‘Keefe, der an der Untersuchung beteiligt war, vermutete, dass sich Tennis neben den positiven Stimulationen für Herz, Kreislauf, Muskeln und Koordination in zwei Aspekten wesentlich von Joggen, Schwimmen oder Radfahren unterscheidet: Es enthält eine soziale und eine spielerische Komponente: „Emotionale Verbundenheit ist genauso wichtig wie körperliche Aktivität. Und: Das beste Mittel gegen Stress heißt Spielen. Ich nenne es Vitamin P.“ P wie Play.

Tim Zuerich 2018
Auch als Herren 40-Spieler (© Frank Molter) schwingt er mit einer Hand durch.

Jens Kleinert, Leiter der Abteilung für Gesundheit und Sozialpsychologie am Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule in Köln, erklärte mir, warum das „Vitamin P“ gerade im fortgeschrittenen Alter so wichtig ist: „Dadurch wird Tennis zu einer Art Denksport, die den Geist aktiviert. Das haben hochkomplexe Ballsportarten wie Tennis den klassischen Ausdauersportarten voraus.“

Experte Kleinert konnte auch erläutern, warum ausgerechnet die soziale Komponente in einer Einzelsportart wie Tennis eine so große Rolle einnimmt: „Im Freizeit- und Breitensportbereich wird Tennis – gerade in den höheren Altersklassen – als Teamsport wahrgenommen. Die Mannschaftsmitglieder trainieren, spielen, essen, trinken und feiern regelmäßig zusammen. Das befriedigt das Beziehungsbedürfnis und fördert das soziale Miteinander bis ins hohe Alter hinein.“

Nach allem, was ich selbst im Tennis bislang erlebt habe, bestätigten die Aussagen der Fachleute meine Einstellung zum meinem Lieblingssport. Schon als Junior fand ich meine besten Freunde im Tennis – und habe einige von ihnen bis heute. Und das spielerische Element schließlich hat mich stets aufs Neue motiviert, am Ball zu bleiben – weil es einfach so viel Spaß macht.

Im Moment sehe ich keinen Grund dafür, warum sich das in den kommenden 40 Jahren ändern sollte. 

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Tim Böseler (Jg. 1974) wuchs am Niederrhein auf. In der Klever Tennisvereinigung Rot-Weiß lernte er Tennis. Sportliche Highlights waren sein Stadtmeister-Titel in Kleve und der Bezirksmeister-Titel mit der Junioren-Mannschaft. Seit 2001 lebt er in Hamburg. Mit der Herren 30-Truppe vom SC Union Altona stieg er 2010 in die Oberliga auf. Aktuell spielt er bei den Herren 40. Als Redakteur beim tennis MAGAZIN hat er alle großen Turniere der Welt kennengelernt und dabei viele Top-Stars der Szene getroffen. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne, die lieber Fußball spielen oder Schwimmen gehen.

1 KOMMENTAR

  1. Mit großer Aufmerksamkeit habe ich diesen Artikel gelesen. Im Tennis machen wir noch viel zu wenig, um die gesundheitsförderlichen Effekte des Tennisspiels zu kommunizieren. Hier gibt es noch großes Potential neue Zielgruppen anzusprechen und Tennis als attraktive Sportart für jedes Alter darzustellen. Die Copenhagen City Heart Studie hat 2018 leider wenig Aufmerksamkeit erhalten, obwohl sie erstaunliche Ergebnisse aufzeigt und Tennis als die mit Abstand beste Sportart zur Verlängerung der Lebenserwartung herausstellt. Es freut mich daher sehr, dass Sie das Thema hier aufgreifen. Ich selbst beschäftige mich ebenfalls schon viele Jahre mit dem Thema Tennis als Gesundheitssport und habe selbst dazu eine wissenschaftliche Studie durchgeführt. Mit dem Konzept Motion on Court ist es mir in diesem Jahr gelungen das erste bundesweite Präventionskurskonzept aus dem Tennisbereich bei den Krankenkassen als Präventionskurs bezuschussungsfähig zu machen. Ich würde mich über einen weiteren Austausch zum Thema sehr freuen.

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