HomeKULTURFilme & SerienZwei Stunden pro Film - Ein Podcast nimmt das Actionkino ins Visier

Zwei Stunden pro Film – Ein Podcast nimmt das Actionkino ins Visier

Filmfans erinnern sich an den Freitagabend, bevor das Streaming erfunden war. Man fuhr in die Videothek, stellte sich vor eine Wand aus Plastikhüllen, checkte Neuheiten und las Rückseiten zu neuen Blockbustern, Actionfilmen, Klassikern oder anderen cineastischen Perlen. Und dann traf man eine Entscheidung, ganz ohne Algorithmus, mit der man den ganzen Abend leben musste. Und wer sogar vor der CD schon im Filmtempel war: vor dem Abgeben bitte das Zurückspulen nicht vergessen.

Diese Videowände gibt es kaum noch. Im Raum Basel, berichtet Dominik Hug, sei die letzte Filmabteilung, in der man sich verlieren konnte, endgültig verschwunden. „Ich finde das so traurig„, schreibt er uns und man merkt schon an diesem einen Satz, dass hier jemand nicht bloß über Filme spricht, sondern über ein verlorenes Ritual. Aus genau diesem Instinkt hat der Schweizer einen Podcast gemacht: „Actionkult“, seit 2021, mittlerweile über hundert Folgen stark und unter Genrefans längst mehr als ein Geheimtipp.

Für viele unserer Leser dürfte das ein sehr vertrautes Terrain sein. Denn die Helden, um die es hier geht, sind die Helden, mit denen wir groß geworden sind: Schwarzenegger, Stallone, Van Damme, Bruce Willis, Steven Seagal. Männer, die Probleme nicht ausdiskutierten, sondern lösten, meist mit erheblichem Sachschaden.

Kein Streaming-Geplänkel

Was „Actionkult“ von den üblichen Filmpodcasts unterscheidet, ist die Haltung. Hier wird nicht in fünf Minuten abgehandelt, ob sich sich der Start eines Kinofilms lohnt. Hier setzt sich ein Mann jeden zweiten Samstagnachmittag ans Mikrofon und nimmt sich einen einzigen Film so gründlich vor, dass eine Folge locker anderthalb bis zwei Stunden dauert. Bei den großen Klassikern und den ausufernden Reihen wird auch mal die Zwei-Stunden-Marke gerissen.

Im Zentrum steht das Actionkino der vergangenen Jahrzehnte, grob von den Sechzigern bis in die frühen Zweitausender. Mal geht es um die Schwergewichte – „Stirb langsam“, „Rambo“, „Terminator“, „Dirty Harry“, „Predator“, „Lethal Weapon“, „Mission: Impossible“. Mal um Franchise-Dauerbrenner wie „Fast & Furious“. Und dann taucht der Podcast dorthin ab, wo die meisten längst nicht mehr hinschauen: in die Videotheken-Ära, zu Direct-to-Video-Produktionen und Filmen, die man eher aus der TV-Nachtschiene kennt als aus dem Kino. Genau die VHS also, wegen der man sich damals unbedingt noch einmal auf den Weg gemacht hat.

Aktuelle Blockbuster interessieren Hug dagegen erkennbar weniger. Sein Verdacht: In vielen modernen Dialogen erzählten die Figuren permanent, was sie gerade täten, man könne einen Film heute nebenbei schauen und parallel aufs Handy starren. Das nervt ihn. Man ahnt, dass er damit nicht ganz allein dasteht.

Dreißig Seiten für „Stirb langsam“

Das eigentlich Erstaunliche an „Actionkult“ ist die Ernsthaftigkeit, mit der hier ein Freizeitvergnügen betrieben wird. Bis zu zwei Filme pro Woche schaut Hug, Notizblock griffbereit. „Mir fällt häufig viel Quatsch auf“, sagt er – Figuren, die zu Orten laufen, an denen nichts passiert, Nebendarsteller, die auftauchen und die Handlung keinen Millimeter voranbringen. Danach beginnt die Recherche, und die ist der eigentliche Kern des Formats. Hug sucht nach kuriosen Fakten, die sonst niemand hat. Wurde ein Film in Montana gedreht, durchforstet er die dortige Lokalzeitung nach zeitgenössischen Berichten.

Für eine einzige Folge kommt so einiges zusammen. Bei „Stirb langsam“ waren es dreißig Seiten Material. Wer jetzt den Kopf schüttelt, hat vermutlich nie versucht, jemandem zu erklären, warum die Modelleisenbahn im Keller unbedingt noch diese eine Weiche braucht. Es ist dieselbe schöne, sinnfreie Hingabe, nur eben zum Actionkino.

Trotz aller Recherche soll nie der Eindruck einer Vorlesung entstehen. „Actionkult“ will das Gefühl eines entspannten Gesprächs unter Filmfans bewahren, und das gelingt: Hug lädt zu jeder Folge ein oder zwei Gäste ein, aus einer Community von rund zwanzig Filmenthusiasten mit ganz unterschiedlichen Spezialgebieten. Man lacht viel, teilt persönliche Erinnerungen an die erste Sichtung, an alte Fernsehabende, an das VHS-Cover, das man nie vergessen hat. Es klingt weniger nach Kritikerrunde als nach einem sehr gut informierten Kneipengespräch.

Die Seagal-Chroniken

Das Herzstück des Formats ist derzeit ein Langzeitprojekt von fast schon sportlichem Ehrgeiz: die „Steven-Seagal-Chroniken“. Gemeinsam mit seinem Kollegen Jan Langer arbeitet sich Hug chronologisch durch die komplette Filmografie von Steven Seagal. Von den großen Kinojahren der späten Achtziger und Neunziger bis tief hinein in die abenteuerlichen Direct-to-Video-Jahre, in denen der Meister vor allem noch mit dem Rücken zur Kamera zu kämpfen schien und die Stunts jüngeren Kollegen überließ.

Man muss Seagal nicht mögen, um die Größe dieser Aufgabe zu würdigen. Es ist ein bisschen wie eine Nordwand-Besteigung, nur dass am Gipfel „Alarmstufe: Rot 2″ wartet. Dazu kommen Uwe-Boll-Specials, Ausflüge in die 90er-Video-Action und immer wieder bewusste Abstecher aus dem reinen Action-Territorium. Sommerspecials etwa, die sich mit liebevollem Spott Serien wie „Baywatch Nights“ oder „Manimal“ widmen.

Der Mann hinter dem Mikrofon

Dominik Hug, Jahrgang 1983, stammt aus der Region Basel und bringt für die Sache das nötige Rüstzeug mit. Bevor er zum Podcasten kam, hat er über Jahre für das Schweizer KULT Magazin geschrieben und sich dort schon viel mit Film und Popkultur beschäftigt. Später gründete er den Fußball-Podcast YYNEDRUGGT mit, der sogar den Suisse Podcast Community Award gewann. „Actionkult“ ist gewissermaßen das Projekt, in dem beides zusammenkommt: die alte Leidenschaft fürs Schreiben und Recherchieren und die Freude am gesprochenen Wort.

Bemerkenswert ehrlich ist Hug in einem Punkt, der in Zeiten durchkommerzialisierter Aufmerksamkeit fast schon aus der Zeit gefallen wirkt: Der Podcast ist Hobby, sonst nichts. Werbung lässt er keine schalten, Geld verdient er damit nicht. „Ich möchte mich ungern kaufen lassen und will genau die Sachen machen, auf die ich Lust habe„, sagt er. Eine Folge hören zwischen 300 und 2000 Menschen, 98 Prozent davon männlich, die wenigen Frauen im Publikum kennt Hug nach eigener Aussage persönlich.

Ganz folgenlos ist das Hobby dann aber doch nicht geblieben. Sein Chef habe befunden, wer vor so vielen Menschen so souverän sprechen könne, dürfe künftig die Teamsitzungen moderieren. Und einen firmeninternen Podcast hat Hug inzwischen auch gestartet. Ein Nischenvergnügen, das plötzlich Türen öffnet. Eine Erfahrung, die viele kennen, die spät im Leben noch einmal etwas ernsthaft betreiben, das eigentlich nur ihnen selbst gefallen soll.

Der Vollständigkeit halber: Sein Motto trägt Hug im Titelgedanken vor sich her – „A little less conversation, a little bit more action, please!“ Sein absoluter Lieblingsfilm ist trotzdem, allen Explosionen zum Trotz, „Casablanca“ von 1942. Man darf das für einen Widerspruch halten. Man kann es aber auch für die reifste aller Haltungen halten: Wer das ganz große Kino kennt, muss das laute nicht kleinreden.

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Warum sich das Reinhören lohnt

Das Kino verändert sich, und das Actionkino verändert sich mit. Die Helden von damals sind zu Denkmälern geworden, ihre Filme zu Fundstücken, über die man heute anders spricht als beim ersten Ausleihen. Genau darin liegt der Reiz von „Actionkult“: Der Podcast fragt nicht bloß, ob ein Film gut oder schlecht ist, sondern warum bestimmte Filme, Serien und Schauspieler bis heute im Kopf hängen geblieben und andere trotz Starbesetzung im Regal verstaubt sind.

Für den Einstieg bietet sich die Jubiläumsfolge Nummer 100 zu „Terminator“ von 1984 an – ein Film, den vermutlich jeder in unserer Leserschaft mindestens einmal gesehen hat, und über den es trotzdem mehr zu sagen gibt, als man denkt. Zu finden ist „Actionkult“ auf Spotify, Apple Podcasts, Deezer und allen gängigen Plattformen, hier in der Übersicht. Gesprochen wird übrigens durchgehend auf Hochdeutsch, weil ein Großteil der Gäste und Hörer aus Deutschland kommt. Das schweizerische „made in Switzerland“ bleibt also angenehm unaufdringlich.

Und wer weiß: Vielleicht setzen wir uns bei NOT TOO OLD demnächst selbst einmal mit Dominik Hug zusammen. Über Videothekenkultur, das Actionkino vergangener Jahrzehnte und die Frage, warum uns diese Zeit überhaupt noch so beschäftigt, gäbe es einiges zu erzählen. Bis dahin gilt seine eigene Einladung: reinhören. Langweilen, verspricht er, werde man sich nicht.

Kai Bösel
Kai Bösel
Kai Bösel (Jg. 1971) lebt als Patchwork-Papa mit der Familie in Hamburg. Neben NOT TOO OLD betreibt er auch das Väter-Magazin Daddylicious. Außerdem ist er Experte für Influencer-Marketing. Bisher hat er bereits fünf eigene Unternehmen gegründet, schreibt für diverse Print- und Online-Magazine, tritt als Speaker und Moderator auf und betreibt zu diesem Magazin auch einen Podcast. Nach Feierabend entspannt er beim Laufen oder Golf.

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