Es ist eine Zahl, die aufhorchen lässt: 142 Krankheitstage pro 100 Versicherte – allein wegen Rückenschmerzen. Damit sind Rückenbeschwerden laut aktuellen Daten der KKH Kaufmännische Krankenkasse der häufigste Grund für krankheitsbedingte Fehlzeiten im Job, gleich nach saisonalen Erkältungen. Und der Trend zeigt steil nach oben: Im Vergleich zu 2019 ist das ein Plus von knapp 20 Prozent. War vor fünf Jahren noch jeder 13. Berufstätige betroffen, ist es heute bereits jeder achte.
Für Männer in der Lebensmitte ist diese Entwicklung besonders relevant. In dieser Phase stehen viele im Berufsleben unter Hochspannung: Führungsverantwortung, jahrzehntelange Routine am Schreibtisch, die Balance zwischen Karriere und den Bedürfnissen des eigenen Körpers. Doch was steckt hinter diesem dramatischen Anstieg? Und vor allem: Was können wir tun, um nicht selbst Teil dieser Statistik zu werden?
Wenn der Körper die Rechnung präsentiert
Rückenschmerzen kommen selten aus dem Nichts. Sie sind das Ergebnis einer oft jahrelangen Überlastung – oder besser gesagt: Fehlbelastung. Stundenlanges Sitzen am Schreibtisch, ob im Büro oder im Homeoffice, monotone Haltungen, mangelnde Bewegung: Der moderne Arbeitsalltag ist eine Herausforderung für unsere Wirbelsäule, die evolutionär für ganz andere Belastungen konzipiert wurde.
Besonders das Homeoffice, das seit der Pandemie für viele zum festen Bestandteil der Arbeitswoche geworden ist, hat die Situation verschärft. Der schnell eingerichtete Arbeitsplatz am Esstisch, der Laptop auf zu niedriger oder zu hoher Arbeitsfläche, der Küchenstuhl ohne ergonomische Unterstützung – was als flexible Lösung gedacht war, entpuppt sich für den Rücken oft als Belastungsprobe. Anders als im Büro fehlen zudem die natürlichen Bewegungsanreize: der Gang zur Kaffeemaschine, das Treffen im Besprechungsraum, der Plausch mit Kollegen auf dem Flur.
Hinzu kommen klassische Risikofaktoren wie Bewegungsmangel außerhalb der Arbeitszeit und Übergewicht, das die Wirbelsäule zusätzlich belastet. Doch es gibt einen weiteren, oft unterschätzten Faktor, der gerade für Best Ager eine zentrale Rolle spielt: psychischer Stress.

Die unsichtbare Last auf den Schultern
„Jemand hat eine schwere Last zu schultern“ oder „etwas lastet auf den Schultern“ – diese Redewendungen sind mehr als bloße Metaphern. Sie beschreiben ziemlich präzise, was bei chronischem Stress im Körper passiert. Die KKH-Arbeitspsychologin Antje Judick erklärt den Zusammenhang: „Rückenbeschwerden, die keine organische Ursache haben, hängen häufig auch mit psychischem Stress zusammen. Seelische Belastungen können zu Muskelverspannungen und einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit führen.„
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Anpassungsstörungen und akute Belastungsreaktionen waren 2024 die zweithäufigste Einzeldiagnose für Fehlzeiten – mit 112 Fehltagen pro 100 Berufstätige, ein Anstieg um fast 50 Prozent seit 2019. Auf Platz drei folgen depressive Episoden mit über 104 Krankheitstagen. Der Zusammenhang zwischen Rücken und Psyche ist dabei wechselseitig: Chronische Rückenschmerzen können psychische Probleme wie Depressionen verstärken oder sogar auslösen. Ein Teufelskreis, aus dem man ohne bewusste Intervention schwer herausfindet.

Gerade Männer in der Lebensmitte kennen diesen Druck: Verantwortung für Teams, Projekte, oft auch für die Familie. Permanente zeitliche und leistungsbezogene Anforderungen, fehlende Regenerationsmöglichkeiten, die ständige Erreichbarkeit durch digitale Kommunikation – all das summiert sich. Und der Körper? Der trägt die Last, buchstäblich auf den Schultern und im Rücken.
Der Dominoeffekt im Team
Was die Situation zusätzlich verschärft: Krankmeldungen aufgrund psychischer Belastungen oder Rückenproblemen erzeugen oft einen Dominoeffekt. Fällt ein Kollege oder eine Kollegin längerfristig aus – bei depressiven Episoden im Schnitt 54 Tage, bei Belastungsreaktionen fast 24 Tage – müssen die verbliebenen Teammitglieder die Arbeit auffangen. Das erhöht deren Belastung, was wiederum zu Überlastung, Erschöpfung und weiteren Krankmeldungen führen kann.
Für Führungskräfte bedeutet das: Frühzeitiges Reagieren ist entscheidend. Zeitpläne anpassen, Aufgaben neu priorisieren, offene Kommunikation mit dem Team – das sind keine Zeichen von Schwäche, sondern von weitsichtigem Management. Und als Arbeitnehmer*in? Zögern Sie nicht, Ihre Führungskraft anzusprechen, wenn Sie sich dauerhaft überlastet fühlen. Das ist kein Eingeständnis von Unfähigkeit, sondern von Verantwortung, sich selbst und dem Team gegenüber.

Was Sie konkret tun können
Die gute Nachricht: Sie sind der Entwicklung nicht hilflos ausgeliefert. Es gibt zahlreiche Stellschrauben, an denen Sie drehen können, um Ihren Rücken zu entlasten und gleichzeitig psychischen Stress zu reduzieren.
Bewegung in den Alltag integrieren
Sie wissen es längst: Bewegung ist essenziell. Doch zwischen Wissen und Handeln klafft oft eine Lücke. Der Schlüssel liegt nicht in heroischen Sportprogrammen, sondern in der konsequenten Integration von Bewegung in Ihren Arbeitsalltag. Stehen Sie regelmäßig auf, mindestens einmal pro Stunde. Telefonieren Sie im Stehen oder Gehen. Nutzen Sie die Treppe statt den Aufzug. Im Homeoffice können Sie bewusst Drucker oder Kaffeemaschine etwas weiter entfernt platzieren, um Bewegungsanlässe zu schaffen.
Auch leichte Dehn- und Mobilisationsübungen zwischendurch helfen, Verspannungen zu lösen. Ein paar Schulterkreise, sanftes Kopfdrehen, bewusstes Aufrichten der Wirbelsäule – das dauert keine fünf Minuten und kann bereits spürbare Entlastung bringen.
Ergonomie ernst nehmen
Ihr Arbeitsplatz sollte auf Sie abgestimmt sein, nicht umgekehrt. Ein höhenverstellbarer Schreibtisch erlaubt den Wechsel zwischen Sitzen und Stehen, eine der effektivsten Maßnahmen gegen einseitige Belastung. Der Bildschirm sollte auf Augenhöhe stehen, die Tastatur so positioniert sein, dass Ihre Unterarme entspannt aufliegen können.
Investieren Sie in einen guten Bürostuhl mit ergonomischer Unterstützung. Gerade wenn Sie viel im Homeoffice arbeiten, lohnt sich diese Anschaffung. Ihr Rücken wird es Ihnen danken. Auch ergonomische Hilfsmittel wie Laptopständer, externe Tastaturen und Mäuse oder Fußstützen können einen Unterschied machen.

Stress aktiv managen
Da Rücken und Psyche eng verknüpft sind, ist Stressmanagement keine Nebensache, sondern Teil der Rückenprävention. Schaffen Sie sich bewusst Regenerationszeiten. Nein, das ist keine Zeitverschwendung, sondern Investition in Ihre Leistungsfähigkeit. Ob Meditation, Atemübungen, regelmäßiger Sport oder einfach Zeit in der Natur – finden Sie heraus, was Ihnen hilft, herunterzufahren.
Kommunikation spielt ebenfalls eine zentrale Rolle. Laut der KKH-Expertin sind inhaltliche und zeitliche Handlungsspielräume sowie gute Kommunikation und Kooperation mit Vorgesetzten und Kollegen echte Gesundheitsbooster im Job. Pflegen Sie also den Austausch mit Ihrem Team, sprechen Sie Probleme offen an, suchen Sie nach gemeinsamen Lösungen.
Die richtige Balance finden
Neben der individuellen Resilienz spielen auch die Intensität und Kombination der Belastungen und verfügbaren Ressourcen eine entscheidende Rolle. Es geht nicht darum, unverwundbar zu werden, sondern eine gesunde Balance zu finden. Das bedeutet auch: Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren. Sie müssen nicht jede Herausforderung allein stemmen.
Gerade in der Lebensmitte, wenn sich berufliche Routine und körperliche Veränderungen überlagern, ist es wichtig, ehrlich mit sich selbst zu sein. Ihr Körper regeneriert nicht mehr so schnell wie mit 25. Das ist keine Schwäche, sondern Realität. Die gute Nachricht: Mit Erfahrung und bewussten Strategien können Sie dieser Entwicklung erfolgreich begegnen.
Prävention ist billiger als Heilung
Unternehmen haben längst erkannt, dass Investitionen in die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden sich rechnen. Viele Krankenkassen, darunter die KKH, entwickeln gemeinsam mit Unternehmen Konzepte zur betrieblichen Gesundheitsförderung, insbesondere zum Erhalt der psychischen Gesundheit. Erkundigen Sie sich bei Ihrem Arbeitgeber, welche Angebote es gibt, von ergonomischer Arbeitsplatzberatung über Rückenschulkurse bis zu Stressmanagement-Workshops.

Doch auch wenn Ihr Unternehmen keine solchen Programme anbietet: Sie können selbst aktiv werden. Viele Krankenkassen bieten Präventionskurse an, die bezuschusst oder sogar vollständig übernommen werden. Nutzen Sie diese Möglichkeiten. Prävention ist immer effektiver – und angenehmer – als die Behandlung bereits manifester Beschwerden.
Aufrecht durchs Arbeitsleben
Die steigenden Zahlen bei Rückenschmerzen und psychischen Belastungen sind kein unabwendbares Schicksal. Sie sind vielmehr ein Weckruf, unsere Arbeitsweise und unseren Umgang mit uns selbst zu überdenken. Als Best Ager bringen Sie Erfahrung, Kompetenz und Weitblick mit – nutzen Sie diese Qualitäten auch für Ihre eigene Gesundheit.
Ihr Rücken trägt Sie durchs Leben. Er verdient Ihre Aufmerksamkeit und Fürsorge. Beginnen Sie heute damit, ihm diese zu geben. Ob es der erste Spaziergang in der Mittagspause ist, die Anschaffung eines ergonomischen Stuhls oder das offene Gespräch mit Ihrem Vorgesetzten über Arbeitsbelastung – jeder Schritt zählt.
Und denken Sie daran: Ein gesunder Rücken ist keine Frage des Alters, sondern der Achtsamkeit. Zeigen Sie Rückgrat – indem Sie auf Ihr Rückgrat achten.
