Essstörungen gibt’s auch bei älteren Männern

Corona setzt uns nun schon seit über zwei Jahren zu. Die Pandemie hinterlässt allerdings nicht nur bei den Kindern und Jugendlichen tiefe Spuren. Auch Eltern, Erwachsene und die Generation der Best Ager leidet zum Teil seelisch und gesundheitlich massiv unter den Auswirkungen. Daten der KKH Kaufmännische Krankenkasse zeigen insbesondere in Bezug auf ein gestörtes Essverhalten deutliche Verschlechterungen in vielen Altersgruppen. Wir fassen zusammen.

Wer jetzt denkt, was denn so eine Meldung über Essstörungen, Bulimie und Anorexie auf einen Männermagazin für Best Ager zu suchen hat, der findet die Antwort in zwei Grafiken der KKH. Diese Entwicklung hat sich schon vor der Corona-Pandemie angedeutet. Im Zeitraum vom 2010 bis 2020 ist der größte Anstieg der Essstörungen in der Altersgruppe 50 bis 59 Jahre zu verzeichnen.

Schaubild zu Essstörungen und deren Veränderung von 2010 bis 2020
© KKH

Ausgewertet wurden die Daten von über 1,6 Millionen bei der KKH versicherten Personen, von denen über 10.000 die Diagnose der Essstörung bekommen haben. Somit sind diese Zahlen repräsentativ und sehr ernst zu nehmen. Und eine zweite Grafik verdeutlicht, dass nicht nur Mädchen und Frauen unter dieser Krankheit leiden. Im Jahr von 2019 auf 2020 gab es neben der Gruppe der jungen Männer einen besorgniserregenden Anstieg bei Männern Zwischen 50 und 59 Jahren.

KKH Essstoerungen Veraenderung von 2019 auf 2020 nach Alter und Geschlecht
© KKH

Anhand dieser Grafik lässt sich schon ablesen, dass der Start der Corona-Pandemie im Jahr 2020 die Situation weiter verschlechtert hat.

Mehr magersüchtige Männer durch Pandemie?

Gerade bei Männern haben die Essstörungen wie Anorexie und Bulimie im ersten Corona-Jahr weiter dramatisch zugenommen. Bei den 50- bis 59-jährigen Männern ist ein Plus von 12 Prozent abzulesen und damit ein Trend deutlich über dem Durchschnitt. Der liegt üblicherweise bei etwa 3 bis 4 Prozent. Zwar handelt es sich bei insgesamt immer noch gut 80 Prozent der Betroffenen um Frauen. Aber deren Zahlen steigen vergleichsweise nur leicht an.

Ebenfalls ansteigen tun die krankheitsbedingten Ausfälle am Arbeitsplatz, die durch Essstörungen wie Anorexie, Bulimie oder Binge Eating hervorgerufen werden: Im ersten Jahr der Pandemie stieg die Zahl der Krankheitsfälle um 26 Prozent und die Dauer der Krankschreibung um vier Tage pro Fall, bei den Männern um ganze 19 Tage.

Ursachen für Essstörungen in der Pandemie

Welche Ursachen sorgen für diese Entwicklung und der Verbreitung in bisher eher wenig betroffenen Zielgruppen?

„Gerade für Patienten, die bereits an einer Essstörung leiden, ist die Pandemie eine harte Belastungsprobe, denn seitdem fehlen häufig eine geregelte Tagesstruktur sowie soziale Kontakte“

Aileen Könitz, Ärztin und Expertin für psychiatrische Fragen bei der KKH

Wer eine Tendenz zu einem unnormalen Essverhalten hat, für den wirkt Corona wie ein Brennglas auf innere und äußere Konflikte. Denn die Betroffenen haben noch mehr Zeit, sich mit sich selbst, ihren Zweifeln und ihrer Unsicherheit zu beschäftigen. Und auch auf das Umfeld haben die verschärften Bedingungen Auswirkungen, denn familiäre und berufliche Konflikte werden zum Teil verstärkt. Und die führen zu Neuerkrankungen, Rückfällen oder einem Turbo bereits bestehender Erkrankungen.

Und dann sind da noch die Videokonferenzen, in vielen Unternehmen seit einigen Jahren die bevorzugte Methode der Kommunikation. Auch diese Chats und Gespräche beeinflussen das Selbstbild und die Zufriedenheit der Menschen, die eh schon unsicher und von Selbstzweifeln und Perfektionismus geprägt sind.

Essen in der Einsamkeit

Menschen, die unter psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen leiden, sind gefährdeter, es auch mit einer Essstörung zu tun zu bekommen. Diese Patienten kompensieren und regulieren ihre negativen Gefühle wie zum Beispiel Einsamkeit, Angst oder Wut über ihr Essverhalten. Im Alter sind schwere Lebenskrisen oder die Tatsache, mit der Jugend nicht mehr mithalten zu können, die Ursache. Das betrifft für viele Männer auch die Situation im Job, wenn der Vorgesetzte plötzlich jünger ist als man selbst.

Ältere Erkrankte sind nicht auf dem Radar

Dass auch Best Ager und ältere Menschen an einer Essstörung leiden können, ist bei Freunden, Kollegen und Angehörigen noch nicht so wirklich auf dem Schirm. Daher dürfte die Dunkelziffer für diese Krankheit gerade in den Gen X deutlich höher sein. Und gerade bei Männern fällt die Erkrankungen oft noch weniger auf, weil parallel dazu Krafttraining ausgeübt oder andere Sportarten exzessiv betrieben werden. Und die Betroffenen neigen ja eh eher dazu, zu spät oder gar nicht auf externe Hilfe oder Ärzte zu hören. So führt die Essstörung schlimmstenfalls zu einem chronischen Verlauf.

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© Steve Buissinne (Pixabay)

Wer seine Sinne schärfen will, der sollte in seinem Umfeld auf verschiedene Symptome achten: eine allgemein gereizte oder gedrückte Stimmung, die Vermeidung sozialer Kontakte, massive Gewichtsveränderungen sowie auffälliges Essverhalten wie Dauer-Diäten, Nahrungsergänzung, exzessiver Sport oder Kalorien zählen. Deutlichere Zeichen, die von den Betroffenen aber meist verheimlicht werden, sind Erbrechen und die Einnahme von Abführmitteln.

Wer bereits Menschen durch eine Essstörung begleitet hat, der weiß, wie steinig und oft aussichtslos dieser Weg erscheint. Umso wichtiger ist es, aufmerksam zu bleiben und gerade auch bei Menschen auf Anzeichen zu achten, die man nicht direkt in den Kreis der Gefährdeten zählen würde.

Titelbild © Michal Jarmoluk (Pixabay)

Kai Bösel
Kai Bösel
Kai Bösel (Jg. 1971) lebt als Patchwork-Papa mit der Familie in Hamburg. Neben NOT TOO OLD betreibt er auch das Väter-Magazin Daddylicious. Außerdem ist er Experte für Influencer-Marketing. Bisher hat er bereits fünf eigene Unternehmen gegründet, schreibt für diverse Print- und Online-Magazine, tritt als Speaker und Moderator auf und betreibt zu diesem Magazin auch einen Podcast. Nach Feierabend entspannt er beim Laufen oder Golf.

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