HomeSPASSHobbysKutte, Kamm und Menschlichkeit - 9 Jahre Barber Angels Brotherhood e.V.

Kutte, Kamm und Menschlichkeit – 9 Jahre Barber Angels Brotherhood e.V.

Es war ein Fernsehbericht über frierende obdachlose Menschen, der Claus Niedermaier nicht mehr losließ. Der Friseurmeister aus dem oberschwäbischen Biberach an der Riß wollte helfen. Aber eben nicht mit Geld oder Sachspenden allein. Er wollte mehr geben: seine Zeit, sein Handwerk, seine Aufmerksamkeit. Am 26. November 2016, vor ziemlich genau neun Jahren, versammelte er befreundete Friseurkolleg*innen um sich und aus dieser Gesprächsrunde entstand eine Bewegung, die heute weit über die Grenzen Deutschlands hinausreicht.

Die Barber Angels Brotherhood hat mittlerweile fast 1.000 aktive Mitglieder in 13 Ländern – von Deutschland und Österreich über Spanien und Norwegen bis nach Südamerika und Südafrika. Was als lokale Initiative begann, ist zu einer internationalen Organisation geworden, die auf eine simple, aber wirksame Idee setzt: Menschen am Rande der Gesellschaft nicht einfach zu bewerten, sondern ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Mit Schere und Kamm, mit Respekt und Zeit.

Mehr als ein Haarschnitt: Die Wiedergewinnung von Würde

Die Einsätze der Barber Angels folgen einem klaren Konzept. Einmal im Monat ziehen die Mitglieder los, in Lederwesten mit aufgenähten Vereinsemblemen, die an Rocker-Kluft erinnern. Diese ungewöhnliche Aufmachung ist bewusst gewählt. Sie soll Hemmschwellen abbauen, die durch klassische Salonkleidung entstehen könnten und zusätzlich den Wiedererkennungseffekt steigern. Die sogenannte „Angel Uniform“ signalisiert: Hier kommt jemand, der anders ist, der sich nicht über andere stellt, der auf einer anderen Ebene kommuniziert.

Die Friseurinnen und Friseure arbeiten dabei mit der gleichen Professionalität, die sie auch in ihren eigenen Salons an den Tag legen. Sie waschen, schneiden und trimmen Haare und Bärte – alles kostenlos, alles in ihrer Freizeit, alles auf eigene Kosten. Nach der Behandlung erhalten die Gäste, wie die Bedürftigen respektvoll genannt werden, kleine Pflegepakete mit Shampoo, Kamm und Spiegel. Diese Carepakete werden durch Sponsoren und Spenden finanziert und sind mehr als nur praktische Hilfsmittel, sie sind Zeichen der Wertschätzung.

Die Reaktionen der Gäste sind oft überwältigend. Menschen, die sich jahrelang für ihr Aussehen geschämt haben, schauen wieder in den Spiegel. Manche weinen, andere lachen, viele fassen neuen Mut. Die Barber Angels berichten von Gästen, die sich nach einem Haarschnitt endlich wieder getraut haben, sich um eine Wohnung oder einen Job zu bewerben und Erfolg hatten. Ein gepflegtes Äußeres kann Türen öffnen, die lange verschlossen schienen.

Deutschland und die Welt: Eine flächendeckende Hilfsbewegung

In Deutschland hat die Organisation mittlerweile 23 Chapter in 16 Bundesländern etabliert. Diese regionalen Einheiten, geleitet von sogenannten Zenturionen, organisieren die Einsätze vor Ort und koordinieren die Zusammenarbeit mit sozialen Einrichtungen wie Caritas, Diakonie, Bahnhofsmissionen und Kirchengemeinden. Nur diese Partner sind berechtigt, Gutscheine an bedürftige Menschen zu verteilen – eine wichtige Maßnahme, um sicherzustellen, dass die Hilfe auch wirklich bei denen ankommt, die sie brauchen.

Die Einsätze werden an den Schwarzen Brettern der kooperierenden Organisationen angekündigt. Die Barber Angels bringen ihre komplette Ausrüstung mit, von speziellen Waschhauben bis zu mobilen Frisierstationen. Fließendes Wasser oder Wandspiegel sind oft Mangelware an den Einsatzorten, doch die Profis arbeiten sich flexibel in jede Situation ein. Was zählt, ist nicht die perfekte Infrastruktur, sondern die menschliche Begegnung.

Die internationale Expansion der Barber Angels zeigt, dass das Bedürfnis nach dieser Form der Hilfe universell ist. In Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Norwegen, Spanien, Chile, Kolumbien, Brasilien, Südafrika und Griechenland sind die Angels mittlerweile aktiv. Demnächst soll auch in den USA ein Chapter entstehen. Überall dort treffen sie auf ähnliche Reaktionen: Dankbarkeit, Erleichterung und die stille Freude, wieder gesehen zu werden.

Anerkennung und Auszeichnungen: Die Kraft des Vorbilds

Die Arbeit der Barber Angels blieb nicht unbemerkt. Im September 2024 wurde Gründer Claus Niedermaier mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet – eine Ehrung, die sein langjähriges Engagement und die gesellschaftliche Bedeutung der Organisation würdigt. Bereits 2019 hatte die Bruderschaft den „Grand Prix Humanitaire de France“ erhalten, die höchste Auszeichnung der entsprechenden französischen Vereinigung. Die Verleihung fand im Palais du Luxembourg statt, dem Sitz des Oberhauses des französischen Parlaments – ein symbolträchtiger Ort für eine Bewegung, die auf Menschlichkeit und Solidarität setzt.

Auch politische Persönlichkeiten haben Schirmherrschaften übernommen. Stephan Weil, Ministerpräsident von Niedersachsen, und Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, haben die Arbeit der Barber Angels öffentlich gewürdigt. Die mediale Aufmerksamkeit ist den Mitgliedern wichtig – nicht aus Eitelkeit, sondern weil sie andere inspirieren wollen. Die Philosophie des Vereins ist es, als „Virus“ zu wirken, wie Niedermaier es selbst formuliert: andere Branchen und Berufsgruppen anzustecken, ebenfalls mit ihren Möglichkeiten zu helfen.

Und tatsächlich hat sich das Konzept erweitert. Inzwischen schließen sich nicht nur Friseure den Einsätzen an, sondern auch Frauen und Männern aus den Berufsgruppen der Bäcker, Metzger, Ärzte und andere Handwerker. Sie bringen ihre eigenen Fähigkeiten ein und machen die Aktionen für bedürftige Menschen noch vielfältiger. Ein Bäcker spendet frische Brötchen, ein Arzt bietet medizinische Beratung an, jeder nach seinen Möglichkeiten.

Sinn und Erfüllung im Ehrenamt: Ein Modell für die Generation Best Ager

Die Barber Angels Brotherhood ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie ehrenamtliches Engagement aussehen und welche Erfüllung es bringen kann. Für viele der aktiven Mitglieder, vielfach selbst in der Lebensmitte, ist die Arbeit mit den Barber Angels zu einer festen Größe in ihrem Leben geworden. Sie opfern nicht nur Zeit, sondern investieren sie bewusst in etwas, das über den eigenen Horizont hinausgeht.

Die Lebensphase, in der die Kinder aus dem Haus sind und berufliche Verpflichtungen vielleicht schon etwas nachlassen, bietet Raum für neue Prioritäten. Viele Menschen in diesem Alter suchen nach Möglichkeiten, ihre Erfahrung, ihr Können und ihre Energie sinnvoll einzusetzen. Das Ehrenamt bietet genau das: eine Aufgabe, die gebraucht wird, die Anerkennung bringt und die das eigene Leben bereichert.

Die Barber Angels zeigen, dass es nicht immer die großen Gesten sein müssen. Ein Haarschnitt, ein Gespräch oder ein aufmunterndes Lächeln sind Dinge, die jeder geben kann. Und doch können sie für den Empfänger lebensverändernd sein. Die Mitglieder berichten von tiefen, berührenden Momenten, von Begegnungen, die sie selbst verändert haben. Sie erleben Dankbarkeit in ihrer reinsten Form und spüren, dass sie einen Unterschied machen.

Die Organisation ist dabei durchaus professionell strukturiert. Mitglieder zahlen eine Jahresgebühr von 90 Euro – umgerechnet 7,50 Euro im Monat. Dafür erhalten sie Zugang zur Barber Angels-Ausrüstung, einen Eintrag auf der Website und die Möglichkeit, an Schulungen teilzunehmen. Die Lederkutte mit den Emblemen und Abzeichen – etwa für langjährige Mitgliedschaft – schafft ein Gefühl von Zugehörigkeit und Identität. Man ist Teil von etwas Größerem, einer Bruderschaft, die über Grenzen hinweg verbunden ist.

Die Suche nach dem eigenen Engagement

Nicht jeder kann oder will Friseur werden, nicht jeder fühlt sich zur Arbeit mit obdachlosen Menschen berufen. Doch die Geschichte der Barber Angels kann als Inspiration dienen, den eigenen Weg im Ehrenamt zu finden. Die Vielfalt der Möglichkeiten ist enorm. Ob als Sporttrainer für Jugendliche, als Lesepate in Schulen, als Helfer in der Tafel, als Betreuer in Tierheimen oder als Mentor für Start-ups – überall werden Menschen gebraucht, die bereit sind, Zeit und Engagement zu investieren.

Die Frage ist nicht, ob man helfen kann, sondern wo und wie. Jeder bringt andere Talente, Interessen und Lebenserfahrungen mit. Der eine ist handwerklich geschickt, die andere hat ein Gespür für Menschen, der nächste versteht etwas von Technik oder Organisation. All diese Fähigkeiten sind wertvoll und werden gebraucht. Das Ehrenamt ist nicht nur ein Geben, sondern auch ein Nehmen, denn man erhält neue Perspektiven, lernt Menschen kennen, die man sonst nie getroffen hätte, und erfährt eine Form von Sinnhaftigkeit, die im Alltag oft zu kurz kommt.

Die Barber Angels Brotherhood macht deutlich, dass es nicht um Mitleid oder Almosen geht, sondern um Respekt und Würde. Die Gäste werden nicht bemitleidet, sondern gesehen. Sie werden nicht von oben herab behandelt, sondern auf Augenhöhe. Diese Haltung ist das Fundament jeder guten ehrenamtlichen Arbeit, egal in welchem Bereich.

Ein Jubiläum, das nach vorne blickt

Neun Jahre Barber Angels Brotherhood sind neun Jahre gelebte Menschlichkeit. Gründer Claus Niedermaier blickt mit Stolz und Demut auf das, was entstanden ist. Seine ursprüngliche Idee hat sich verselbstständigt, ist über ihn hinausgewachsen und hat ein Eigenleben entwickelt. Die Barber Angels stehen heute für eine Bewegung, die zeigt, dass kleine Taten große Wirkung haben können, wenn sie mit Herz und Konsequenz umgesetzt werden.

Die Organisation sucht weiterhin nach helfenden Händen. Nicht nur Friseure und Friseurinnen werden gebraucht, sondern auch Menschen, die bei der Organisation der Einsätze helfen, die Fotografieren, die Kontakte zu sozialen Einrichtungen pflegen oder die Öffentlichkeitsarbeit unterstützen. Wer sich einbringen möchte, findet auf der Website der Barber Angels alle notwendigen Informationen.

Auch finanzielle Unterstützung wird benötigt, um Einsatzmaterial wie Pflegeprodukte, Ausrüstung und Organisationskosten zu decken. Die Barber Angels Brotherhood ist als gemeinnütziger Verein anerkannt und kann Spendenbescheinigungen ausstellen. Jeder Beitrag hilft dabei, die Einsätze weiterhin durchführen zu können und noch mehr Menschen zu erreichen.

Die Botschaft der Barber Angels ist einfach und kraftvoll: Menschen verdienen es, gesehen, respektiert und wertgeschätzt zu werden, unabhängig von ihrer Lebenssituation. Neun Jahre nach ihrer Gründung hat die Organisation bewiesen, dass diese Botschaft Grenzen überwindet und Herzen öffnet. Sie ist ein Beispiel dafür, dass jeder Einzelne etwas bewirken kann und dass das Ehrenamt nicht nur eine Aufgabe ist, sondern eine Bereicherung für alle Beteiligten.

Vielleicht ist die Geschichte der Barber Angels Brotherhood auch eine Einladung an diejenigen, die nach einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung suchen. Die Frage ist nicht, ob es möglich ist, etwas zu verändern. Die Frage ist nur: Wo fange ich an?

Weitere Infos gibt es auch auf Facebook und Instagram.

Kai Bösel
Kai Bösel
Kai Bösel (Jg. 1971) lebt als Patchwork-Papa mit der Familie in Hamburg. Neben NOT TOO OLD betreibt er auch das Väter-Magazin Daddylicious. Außerdem ist er Experte für Influencer-Marketing. Bisher hat er bereits fünf eigene Unternehmen gegründet, schreibt für diverse Print- und Online-Magazine, tritt als Speaker und Moderator auf und betreibt zu diesem Magazin auch einen Podcast. Nach Feierabend entspannt er beim Laufen oder Golf.

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