Forever Young – Warum es eine gute Idee ist, immer ein großer Junge zu bleiben.

Ich bin 57 Jahre jung und bleibe jung, dafür sorgen unter anderem meine Kinder Josh (13) und Holly (10). Ich genieße es, wenn sie meinen Style regelmäßig anerkennend mit den Worten: „Hey Dad, du siehst echt fresh aus“ kommentieren. Aufatmen, alles richtig gemacht. Immerhin habe ich immer den Supergau im Hinterkopf, als sich meine Frau zu Kindergartentagen unseres Juniors gehörig in die Nesseln setzte. Damals lief ein älterer Herr mit einem kleinen Jungen an der Hand fröhlich in die kunterbunte Tagesstätte. Meine Gattin raunte der Betreuerin anerkennend zu: „Ist doch nett, dass sich der Opa so um den Kleinen kümmert.“ Die Dame machte ein Zitronengesicht und flüsterte zurück: „Frau Behrendt, das ist der Vater.“ Schluck. Ich muss meine Frau aber in Schutz nehmen, der besagte Herr, locker jenseits der 60, kleidete sich so, wie man sich einen typischen Großvater vorstellte: Bequeme Schuhe satt Sneaker, feine Bundfaltenhose statt Jeans, ein gemusterter Pullunder statt Rugby-Shirt. Mein eigener Opa väterlicherseits wurde dagegen immer für deutlich jünger gehalten. Er ging stets hoch erhobenen Hauptes in das beste Bekleidungsgeschäft am Platz und sagte: „Zeigen sie mir was für Leute, die halb so alt sind wie ich“. Lässig schritt er dann mit einer sportlichen Hose, einem Polo-Shirt und Timberlands an den Füßen wieder raus. Meine Großmutter kommentierte seine Fashion-Trips stets mit einem spitzbübischen Grinsen: „Ich brauche keinen feschen jungen Mann als Lover, ich habe ja schon einen zu Hause.“ Herrlich die beiden, für mich echte Vorbilder für Lebensfreude und Lässigkeit auch im fortgeschrittenen Alter. Daher liegt es sicher auch in meinen Genen, dass ich irgendwann beschlossen habe, niemals alt zu werden. „Forever Young“ von Alphaville war meine Hymne in den 80ern und ich höre sie noch immer gerne.

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Ein Schlüssel für das Geheimnis der ewigen Jugend ist aus meiner Sicht, den Kontakt zur Kindheit und Jugend niemals abreißen zu lassen. „Positive Anker von früher“, hat mir mal ein kluger Psychologe erklärt „sind ein wunderbarer Trick, um sich blitzartig in eine gute Stimmung zu bringen.“ Ich habe ihn sofort verstanden. Vor vielen Jahren begann der NLP-Coach Bertold Ulsamer, den mein früherer Agenturchef zwecks maximaler Motivation für unsere Führungs-Crew verpflichtet hatte, seine Sessions immer mit dem gleichen Satz: „Denkt an einen Moment, an dem ihr euch einmal sehr wohl gefühlt habt.“ Ich landete dann auf dem Boden im Sylter Hotel-Konferenzraum immer sofort in meiner Kindheit. Die war, zunächst in Rio de Janeiro/Brasilien und später in Otterndorf an der Nordseeküste, extrem glücklich. Meine Eltern ließen uns viele Freiheiten. Wir durften bauen, spielen, Fantasiewelten erschaffen und aufräumen mussten wir abends nie. Meine Helden hießen Winnetou und Old Shatterhand, Mr. Spock und Captain Kirk vom Raumschiff Enterprise. Ab 1977 war mein Idol Han Solo, der von Harrison Ford verkörperte Star-Wars-Rebell, den nicht nur Prinzessin Leia anschmachtete. Meine Heroen von damals stehen seit vielen Jahren als lebensgroße Pappfiguren in meinen wechselnden Büros hinter meinem Schreibtisch. Sie erinnern mich jeden Tag daran, mutig zu sein und es immer zu bleiben.

Damals, in den 60er und 70er Jahren gab es noch kein Playmobil, mein Bruder und ich spielten mit den Kunststoff-Spritzgussfiguren der schottischen Firma Timpo Toys. Mit den kleinen farbenprächtig gestalteten Figuren, deren winzige Colts, Messer und Tomahawks regelmäßig von unserer Mutter aufgesaugt wurden, stellten wir die besten Szenen aus den damals populären Karl May Filmen mit Pierre Brice und Lex Barker im Garten unseres Elternhauses nach. Wir gruben ein großes Loch, legten es mit einer Plane aus, unser Silbersee. Der Grand Canyon, eine Wüste und die Prärie kamen dazu. Unsere Eltern ließen uns machen, auch wenn manche Blume bei unserem Arbeitseifer ihr Leben ließ. Mit der Super-8-Kamera meines Onkel Eberhard drehten wir unsere eigenen Western, die auf jeder Familienfeier auch nach Jahrzehnten noch ein Hit sind. Nach Drehschluß fuhren wir damals glücklich auf unseren Bonanza-Rädern zum Café Brüning im Ortskern und gönnten uns ein Eis. Eine herrliche Zeit. Ich wurde älter und meine Mutter verschenkte unsere Spielzeuge an den örtlichen Kindergarten. Im Jahr 2007 wurde mein Sohn geboren. Dieses Ereignis hat mich in Überschallgeschwindigkeit wieder in meine Kindheit zurückkatapultiert. Ich wollte meinem Jungen all die Dinge zeigen, mit denen ich damals gespielt hatte. Ich surfte auf Ebay und bekam Schnappatmung: Alles, was ich damals als Junge hatte, gab es dort. Meine Lieblings-Matchboxautos, die Hörspielkassetten der 3 Fragezeichen und auch meine geliebten Cowboy- und Indianerfiguren von Timpo Toys. Die Firma war zwar seit 1980 pleite, aber Sammler aus aller Welt kauften und verkauften nun die Figuren. Es gab sogar ungeöffnete Originalpackungen von damals, die in Kellern von ehemaligen Spielzeugläden gefunden wurden. Ich kaufte ein – wie im Rausch. Vor allem Teile, die ich damals gar nicht besaß, sondern von denen ich einst nur geträumt hatte. Das große Wild West Fort, die vierspännige Overland-Postkutsche, die Südstaaten-Soldaten der letzten Generation. Es gab nur einen kleinen Unterschied zu damals: Für die Figuren, die früher 50 Pfennige im Schreibwarenladen Schramm an der Hauptstraße gekostet hatten, musste man jetzt – je nach Seltenheit – manchmal weit über 100 Euro bezahlen. Ganze Packungen oder seltene Kutschen kosteten noch mehr. Egal, ich gönnte sie mir. Als sie per Post ins Haus kamen, da war das wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl machte sich bei mir breit. Ich rüstete einen Raum im Keller mit Vitrinen und Regalen aus und dort baute ich sie wieder auf – meine glückliche Kindheit. Als meine Frau den Raum sah, der an ein Spielzeuggeschäft der 70er Jahre erinnerte, war sie kurz sprachlos. Aber sie ließ mich gewähren. „Andere Männer machen schlimmere Sachen, daher sind deine Männchen okay“, meinte sie augenzwinkernd. Inzwischen spricht sie vom „heiligen Gral“, wenn sie mit Freunden über meine Glücksoase spricht.

Unsere Kinder lieben es übrigens sehr, mit mir in dem Raum zu sein, dort wo es keinen Handyempfang gibt und wo die Welt irgendwie noch sehr in Ordnung ist. Jeden Morgen, bevor ich ins Büro fahre, tauche ich kurz ab in meine Vergangenheit. Eine kleine Lichtschranke sorgt beim Betreten des Zimmers dafür, dass dann die berühmte Winnetou-Melodie aus der alten Stereo-Anlage erklingt. Mich bringt sie in Sekunden zurück in die 70er Jahre. In den Wilden Westen hinterm Deich in Otterndorf. Dort, wo mein Bruder im von meiner Mutter genähten hellen Wildlederanzug den Old Shatterhand gab, während ich in einem mit Kartoffeldruck verzierten Indianeranzug Winnetou nacheiferte. Meine Silberbüchse war ein altes Staubsauerrohr. Legendär. Noch etwas habe ich mir kürzlich selbst geschenkt, um eine weitere Kerbe in den Baum meiner ewigen Jugend zu ritzen: Ein Bonanza-Rad. Genauso orange, wie das, das ich damals hatte. Es wurde von einem Typen, der sich „Crazy D.“ nennt, montiert. Aus den Originalteilen von damals, die er auf einem vergessenen Speicher bei Osnabrück entdeckte. Die „Last Edition“ dieser Gefährte ist ein niemals endender Kindheitstraum. Als meine Kinder und ich mit dem chromblitzenden Teil – standesgemäß ausgestattet mit Easy-Rider-Lenker, Bananensattel und Fuchsschwanz – am Kölner Rheinufer entlang cruisten, blieben die Leute stehen. Fotos wollten sie machen und manche bettelten gar darum, sich einmal auf das Gefährt draufsetzen zu dürfen. So viele blitzende Augen bei erwachsenen Männern jenseits der 50 habe ich lange nicht gesehen. „Ich glaube, du bist irgendwie noch ein Junge“, sagte meine kleine Tochter Holly. Der leicht vorwurfsvolle Unterton in ihrer Stimme wurde zum Glück vom Song „Forever Young“ von Alphaville, der laut in meinem Herzen wummerte, übertönt.

Mehr Infos zu Frank findet Ihr auf seiner Website.

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Frank Behrendt (Jg. 1963) gehört zu den bekanntesten Kommunikationsberatern in Deutschland. Der Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München war Top-Manager in der Musikindustrie, beim Fernsehen und in großen Agenturen. Seit 2017 ist er als Senior Advisor in der Serviceplan-Gruppe tätig. Sein Buch „Liebe dein Leben und NICHT deinen Job“ avancierte direkt nach Veröffentlichung zum Wirtschafts-Bestseller. In seinem zweiten Buch „Die Winnetou-Strategie – werde zum Häuptling deines Lebens“ befasste er sich mit modernem Leadership. Sein neuestes Buch „Von Kindern lernen“ hat er gemeinsam mit seinem früheren Coach Dr. Bertold Ulsamer geschrieben. Es zeigt Wege auf, warum uns kindliche Perspektiven gelassener, glücklicher und erfolgreicher machen.

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