Ollie und Orthopäde – Skateboarding mit über 40

Unser Gastautor Björn war in seiner Jugend viele Stunden auf dem Rollbrett unterwegs. Nun hat er das Skateboarding wieder für sich entdeckt. Es ist aber nicht ganz so wie beim Rad fahren. Man verlernt es zwar nicht, muss die Skills aber wieder wecken. Hier ist sein Beitrag.

Verdammt! Das schmerzt! Auf meiner persönlichen Schmerzskala ist das eine Acht. Ich liege noch immer auf einem asphaltierten Radweg. Langsam, ganz langsam pegel-pocht sich die Pein auf eine Sechs runter. Ich wurde gerade unangenehm daran erinnert, wie hart Asphalt ist, wenn der menschliche Körper ungebremst mit ihm kollidiert.

Ich stand soeben – nach 18 Jahren – wieder auf dem Skateboard. Eigentlich wollte ich nur entspannt um den sommerlichen See rollen. Ganz ohne Tricks. Ohne Treppen runterspringen, wie damals als Teenager. Dabei hatte ich mich auf die Situation im örtlichen Skateshop gut vorbereitet. Habe mir große, weiche Rollen auf mein 90er-Jahre Skateboard montieren lassen, damit mich kein Kieselstein aufhalten kann. Um die richtigen Rollen aussuchen zu können, scannte der Verkäufer meine 173 Zentimeter Körpergröße und schätzte mit zugekniffenem Auge: „90 Kilo, oder?“. Ich war empört. Dann peinlich berührt. Wahrscheinlich hatte er recht. Ich stand schon länger auf keiner Waage mehr.

Diese (wahrscheinlich) 90 Kilo rauschten nun also in Zeitlupe gen Asphalt. Schuld war ein auf dem Radweg liegender Zweig. Ein winziger Zweig! Der reichte aus, um einen Reflex zu triggern: Ollie drüber machen! Jener Skateboard-Sprung, der die Grundlage jeden weiteren Tricks ist. Auf die Muskelerinnerung vertrauend, verlief das Ganze enttäuschend. Muskel-Erinnerung – so die Theorie – befähigt Menschen, Aktionen, die sie früher häufig gemacht haben, auch nach Jahren abzurufen. In der Praxis schien die Erinnerung doch arg verblast. Ich selbst hob ab. Das Board blieb am Boden. Mein rechter Ellenbogen kam zuerst auf. Dann der Rest. Zwei Stunden später die Gewissheit: Radiusköpfchen gebrochen. Klingt putzig. Tatsächlich sind es fünf Kilogramm Gips und sechs Wochen lernen, wie all das, was man mit rechts tut, wohl mit links zu bewerkstelligen ist.

Gastautor Björn Seum hat das Skateboarding noch drauf

Jeder Anfang ist schwer

Das ist vier Jahre her. Wahrscheinlich denken Sie jetzt, dass ich doch wohl nicht so dämlich sein kann, es wieder zu versuchen. Doch! Und soll ich Ihnen etwas verraten? Es war eine der besten Entscheidungen des Corona-Jahres 2020.

Vier Jahre stand das Board ungeachtet in der Ecke. Dann kam Corona. Und mit Corona mehr Zeit. Kontaktsport verboten. Der Sommer aber herrlich warm – California Feeling. Eine Mischung aus Algorithmen, die mir Skate-Videos in die YouTube-Timeline spülten und die Erkenntnis, dass es im 21. Jahrhundert viele Skateparks gibt, ließen mich das Board wieder in die Hände nehmen. Diesmal wollte ich es richtig angehen. Ich wollte Skateboarding wieder lernen.

Der erste Ausflug zum Skatepark war ermutigend. Bei fast 40 Grad im Schatten rollten neben mir nur ein paar Kids mit diesen Tretrollern (Stunt-Scooter genannt) im Park herum. Die Kerlchen sind erstaunlich kontaktfreudig. Und so fragte mich ein 10-Jähriger: „Kannst du gut Skateboardfahren?“. Wahrheitsgemäß antwortete ich: „Konnte ich mal. Aber jetzt bin ich alt.“ Es kam zu folgendem Dialog:

So alt bist du doch gar nicht.“

Doch, 42.“

Oh. Können Sie gut Skateboardfahren?“

Der Ur-Skater Jay Adams sagte mal: „You don’t quit skating because you get old… You get old because you quit skating”. Recht hat er. Und ich bemerkte bei ernsthaften Ollie-Versuchen nach nunmehr 22 Jahren: Ja. Ich bin wirklich etwas zu schwer. Es kam zur ersten positiven Auswirkung des Wiedereinstiegs: Endlich hatte ich eine intrinsische Motivation, Gewicht zu verlieren. Es ist erstaunlich, wie leicht es sein kann, leichter zu werden. Plötzlich passten mir wieder Anzüge, die ich längst aussortiert hatte.

Skate with Style

Der Middle-Aged-Skater als Wirtschaftsfaktor

Als ich 1998 mit dem Skateboarding aufhörte, war es ein Sport für junge Leute. Skater in den 30ern – das waren gealterte Profis aus Kalifornien. Oder Menschen, die in ihrer Lebensplanung noch nicht sonderlich weit gekommen waren und dann verbale Schelte von Brigitte-Autorinnen bekamen. Der Corona-Sommer 2020 hat die Ausgangslage geändert. Skate-Brands haben die Middle Aged-Skater als Zielgruppe ausgemacht. Männer, die ihr Hobby aus den 80ern und 90ern wiederentdeckt haben. Alleine oder gemeinsam mit ihren Kindern. Marken wie Santa Cruz, Vision oder Powell Peralta veröffentlichen regelmäßig Neuauflagen ihrer ikonischen Profiboards aus den 80er und 90er Jahren. Die Profimodelle der einstigen Bones Brigade wie Mike McGill, Tony Hawk und Steve Caballero sind im Handumdrehen ausverkauft.

Die wenigsten Hobby-Veteranen skaten diese Boards wirklich. Sie dienen mehr dazu, einen Lebensabschnitt zu rekonstruieren, der für die meisten für Freiheit, Spaß und Leichtigkeit steht. Es existieren etliche Social Media-Profile, die sich voll und ganz der Sammelleidenschaft verschrieben haben. Dass solche Neuauflagen nicht nur mit Brettern (Decks) funktionieren, zeigt sich daran, dass längst eingestellte Marken gänzlich neu belebt werden. Ein Beispiel dafür ist New Deal Skateboards. Die 1990 von Paul Schmitt, Andy Howell und Steve Douglas gegründete Marke brachte nicht nur Neuauflagen der gesamten Board-Collection von 1990 bis 1992 raus, sondern auch die hauseigene, für die 90er Jahre typische Baggy-Collection. Gleichzeitig veröffentlichte New Deal die drei einst nur auf VHS erhältlichen Promo-Videos „New Deal Promo“, „Useless Wooden Toys“ und „1281“ nun kostenlos. Es sind genau diese einstigen VHS-Videos, die nun alle digitalisiert auf YouTube zu sehen sind, die in „Dad Skatern“ unglaubliche Emotionen auslösen können. Es sind nur Geräuschfragmente, Musikstücke, Bildschnipsel, die den heute Mittvierziger wieder 13 Jahre alt sein lassen.

Social Media als Zeitmaschine

Als ich selbst bei einem allabendlichen YouTube-Deep Dive bei Powell Peraltas „Ban This“ aus dem Jahr 1989 hängen blieb, schaute ich nach fast zwei Jahrzehnten wieder den Part von Paulo Diaz, Rudy John Johnson, Gabriel Rodriguez und Guy Mariano. Rückblickend sind diese knapp fünf Minuten wohl jene, die mein Bild von Skateboarding maßgeblich prägten und dazu führten, dass ich überhaupt mit diesem Sport anfing.

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Guy Mariano – in Ban This – wie ich – elf oder zwölf Jahre alt – war jener Skater, in dem ich mich ebenfalls wiedererkannte. Kleiner als die anderen, schmächtig, aber mächtig motiviert. Die für den Video-Part verwendete Musik von Skatemaster Tate, die wir über Jahrzehnte vergeblich auf CD suchten, da sie exklusiv für das Video produziert wurde, die Location, der geniale Bild-Schnitt Stacy Peraltas – alles in diesen fünf Minuten stimmte für mich und war der Inbegriff des Straßen-Skatens.

Umso erstaunter war ich, als ich entdeckte, dass Colin Kennedy 2016 eine Dokumentation über genau diese vier „L.A. Boys“ drehte. Kennedy ließ die Jungs unter anderem an den originalen Drehorten die Tricks von damals nachskaten. Eine einzige emotionale Zeitreise über eine Skateboarding-Szene, die ich mehrere Hundert Male als Teenager angeschaut hatte. Noch emotionaler wurde es, als ich erfuhr, dass Gabriel Rodriguez 2019 mit gerade einmal 46 Jahren verstarb. Es sind die Momente, in denen auch dem Dad-Skater bewusst wird, dass die Zeit nicht stehen bleibt und auch Idole nicht unsterblich sind.

Skateboarding ist wie Fahrrad fahren - man verlernt es nie, tut sich aber häufiger weh
© Ussama Azam (Unsplash)

Wieder 13 sein

Neben YouTube sind auch Musik Streaming-Dienste für mich heute eine wertvolle Quelle, um wieder in der Zeit zurück zu reisen und mir ein Stück Energie von damals ins Heute zu holen. Gerade Skate-Videos waren musikalische Trendsetter. Das Zusammenspiel aus Skateboarding und Musik, kann auch heute ganze Genres versöhnen. Neben Punk, Rap und HipHop schaffen es verschiedenste Stücke in meine eigens angelegte Playlist „Music to skate to“. Damals war es fast unmöglich alle Tracks zu identifizieren, die in den Videos verwendet wurde. Heute sind sie dank Shazam, Amazon Music oder Spotify binnen Sekunden demaskiert.  

Das Bild, das sich dadurch im Jahr 2021 in Skatepark ergibt, ist hoch interessant: Da skaten 50-Jährige Wiedereinsteiger mit ihren Kindern zusammen mit 42-jährigen Skateanfängerinnen nebst Halb-Profis und shreddenden 80er Jahre-Punks. Der Skatepark ist voll mit Menschen unterschiedlicher ethnischer, soziodemografischer und weltanschaulichem Hintergrund, unterschiedlichem Geschlecht und Alter. 

Die Entscheidung, das Skateboard mit 42 Jahren wieder in mein Leben zu integrieren, hatte etliche positive Auswirkungen auf mich. Das Gefühl der Freiheit, das jeder Skater hat, produziert eine Menge Endorphine. Ich habe, seit ich wieder begonnen habe, rund zehn Kilogramm Gewicht verloren und fühle mich jünger. Ich habe etliche neue Freunde kennengelernt und sehe Straßen, Treppen und Bordsteine wieder mit den Augen eines Teenagers. Und: Ich freue mich – trotz Pandemie – auf die Olympischen Spiele. Denn Skateboarding ist in diesem Jahr erstmals Teil der Wettkämpfe. Welch interessanter Zufall.

Björn Seum
Björn Seum
Björn Seum (Jg. 1977) ist gebürtiger Hesse in der Ruhrpott-Diaspora. Er ist PR-Manager beim Essener IT-Dienstleister und Software-Hersteller DextraData und lebt mit seiner Frau in Bochum. Als Fußball-Freund verfolgt er die Spiele von Eintracht Frankfurt möglichst live und steht neben dem Skateboard auch mal in der Kurve des VfL Bochum. Nach Feierabend ist er Hobby-DJ, Möchtegern-Athlet und Teilzeit-Läufer.

3 KOMMENTARE

  1. Jaja Björn, das waren schöne Zeiten damals an der Grundschule. Weiß noch genau, wie du Stunden-Tagelang an der Mauer gestanden bist und den Ollie geübt hast.
    Egal, wie lange es dauert, ich gebe erst auf, wenn ich diesen scheiß Sprung kann.
    Schöner Artikel.
    Grüße aus Hessen,

    Jens

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