Ruhestand. Allein das Wort macht etwas mit uns. Es klingt nach Ende, nach Rückzug, nach dem Moment, an dem das Leben auf Sparflamme geschaltet wird. Dabei könnte man es auch ganz anders sehen und genau das ist der Ansatz von Bertram Kasper. Der Altersstratege, Coach und Podcaster aus Marburg hat das Älterwerden zu seinem Herzensthema gemacht, gerade sein erstes Buch veröffentlicht und war zu Gast im NOT TOO OLD Podcast. Was dabei herauskam, war weniger Ratgeber als ein offenes Gespräch zwischen zwei Männern, die beide wissen: Das Thema brennt. Nur redet kaum jemand ehrlich darüber.
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Fantasie durch Information ersetzen
Bei Bertram begann es mit einem Urlaub in Porto. Er war 58 und nahm sich — wie er es bei jedem Urlaub tut — eine lebensrelevante Frage mit: Was will ich eigentlich mit meiner dritten Lebensphase anfangen? Was dabei hochkam, überraschte ihn selbst: Respekt bis Angst vor dem Älterwerden. Sein Leitspruch lautet „Fantasie durch Information ersetzen“. Also fing er an, Studien zu lesen, Bücher zu konsumieren, sich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Und merkte schnell: Das Alter ist deutlich spannender als sein Ruf. Aus dieser Reise entstand 2021 der Podcast, 2026 das Buch.
Warum Männer sich schwerer tun
Frauen unserer Generation sind krisenerprobter, argumentiert Bertram Kasper, denn sie haben Geburten, Übergänge der Kinder, den sozialen Zusammenhalt der Familie mitgestaltet. Männer haben sich jahrzehntelang über Jobtitel und Status definiert, gehen zu spät zum Arzt und antworten auf „Wie geht’s?“ mit „Muss ja.“ Wer hat einem eigentlich gesagt, dass es immer muss? Der feine Unterschied, den Kasper beschreibt: Irgendwann wechselt man vom Müssen ins Dürfen. Ich darf sein. Wer diesen Übergang schafft, hat das Wesentliche verstanden.
Jubilación statt Ruhestand
Im Spanischen heißt Ruhestand Jubilación und das kommt von „Jubel“. Bertram Kasper spricht lieber von „Gabenzeit“: eine Phase, in der man die eigenen Erfahrungen und Fähigkeiten als Gabe betrachtet und freiwillig, gezielt einsetzt. Das Rheingold-Institut nennt die Babyboomer-Generation „Generation Ich“. Nicht egoistisch gemeint, sondern als Ausdruck von Gestaltungswillen. Was hilft: neue Erzählungen finden, neue Begriffe definieren. Jubel statt Rückzug.

Longevity ohne Selbstoptimierungswahn
Gegen Anti-Aging und das Marketing rund um Longevity positioniert er sich klar. Den Hype um teure Produkte sieht er kritisch, weil die Studienlage vieles davon nicht trägt. Was er stattdessen empfiehlt: die bekannten „Big Five“ — soziale Beziehungen, Bewegung, gutes Essen, Schlaf und Sinn. Und das, was die Longevity-Forschung „Erlebnisdichte“ nennt: das Staunen und die Neugier bewahren. Ein 87-jähriger Freund von ihm blüht beim Anblick kleiner Kinder komplett auf. Das ist nicht Selbstoptimierung, sondern Lebendigkeit.
Endlichkeit als Lehrmeister
Mit elf Jahren verlor Kasper seinen siebenjährigen Bruder. Er leistete Zivildienst im Altenheim, hielt sterbenden Menschen die Hand. Und begleitete schließlich den selbstbestimmten Sterbeprozess seines Vaters. Für ihn waren das zehn intensive, am Ende stimmige Tage, an denen die ganze Familie zusammenkam. Was er daraus gelernt hat: Die Auseinandersetzung mit der Endlichkeit ist keine Zumutung, sondern eine Einladung. Wer weiß, dass die Zeit begrenzt ist, schiebt Herzensprojekte nicht mehr auf. Bertram Kasper trat seine Freistellung anderthalb Jahre früher an als geplant, direkt nach dem Tod des Vaters. Er wollte nicht mehr warten.
Sein Konzept: Freitätigkeit statt Midlife-Crisis. Nicht Freizeit, nicht Flucht, sondern schöpferisches Wirken aus freier Wahl. Die zentrale Frage: Wofür will ich meine Fähigkeiten einsetzen? Für Bertram selbst sind das Podcast, Buch, Ehrenamt im Dorfverein und der tägliche Spaziergang. Kein Marathon mehr, dafür gezieltes Krafttraining, weil stabile Muskeln das sind, was einen im Alter autonom hält.
Was ist genug?
Altersarmut ist real und wird zunehmen, das räumt er ein. Aber jenseits der materiellen Absicherung ist seine wichtigste Frage: Was ist genug? Wie viel braucht man wirklich für ein gutes Leben? Wer sich das früh fragt, trifft andere Entscheidungen. Und entdeckt meistens, dass es erstaunlich wenig ist.
Die Schlussformel des Gesprächs ist keine Liste von To-dos, sondern ein einziger Gedanke: Schau, wie du auf das Älterwerden blickst. Positiv oder als Bedrohung? Diese Haltung hat, das belegen Metastudien, einen messbaren Einfluss auf Qualität und Länge des Lebens. Und: Die Gesellschaft hält uns ab 61 für alt. Wir selbst fühlen uns erst mit 77 so. Dieser Gap ist kein Irrtum, er ist eine Einladung.
Linktipps zu Bertram Kasper
| Website von Bertram Kasper | www.gelassen-aelter-werden.de |
| Podcast | „Gelassen älter werden“ |
| Buch | „Die größte Reise deines Lebens“ (*Affiliate) |
| Bertram bei Instagram | @gelassen_aelter_werden |
| Bertram bei LinkedIn | @ruhestand |
