Welcher Tag wäre heute, wenn dein Leben eine Woche wäre?
Henri überlegt kurz. Freitag, sagt er. Und damit ist eigentlich alles gesagt. Oder vielleicht doch nicht?
„Wir Freitagsmänner – Wer wird denn gleich alt werden?“ von Hans-Gerd Raeth, soeben in zweiter Auflage beim dtv Verlag erschienen, ist einer jener Romane, bei dem man nach dem ersten Kapitel das Gefühl hat, der Autor hätte einen Einblick in das eigene Leben und hätte daraus eine Geschichte gemacht, erschreckend ehrlich und schonungslos. Der Protagonist Henri ist ein Mittfünfziger, arbeitet in einem Verlag, hat eine Ex-Frau, erwachsene Kinder und einen besten Freund, der plötzlich mit Koffer vor seiner Tür steht und aufs Schlafsofa zieht. Willkommen in der zweiten Halbzeit des Lebens.
Tinder mit 50-something: Mut zur Peinlichkeit
Los geht’s mit einem Tinder-Date. Henri, frisch und noch etwas unbeholfen ins digitale Liebesleben eingetaucht, trifft auf eine 49-Jährige. Was folgt, ist herrlich verkorkst, menschlich und zum Fremdschämen komisch — kurzum: erkennbar echt. Raeth beschreibt diese erste Szene mit einem Gespür für die kleinen, präzisen Demütigungen des modernen Datings. Wer selbst mal versucht hat, mit Mitte 50 ein Profilfoto auszuwählen, das weder wie ein Bewerbungs- noch wie ein Fahndungsfoto aussieht, weiß, was ich meine.
Kleiner Hinweis am Rande, der vor allem Leser*innen unseres Online-Magazins beim Genuss des Buches nicht entgehen dürfte: Raeth lässt seinen Protagonisten einen nur wenig angebissenen veganen Hotdog mit demonstrativem Schwung in den Müll entsorgen und tut auch an anderen Stellen die pflanzliche Kost eher als etwas wunderlich ab. Die Szene ist offensichtlich humoristisch gemeint und soll wahrscheinlich ein Schmunzeln erzeugen. Wer sich – wie ich – selbst vegetarisch ernährt und die Diskussionen dazu verfolgt, darf dabei aber auch die Augen rollen. Beides ist erlaubt.
Männer & Midlife
Henri ist kein Superheld. Er bewegt sich zu wenig, trinkt etwas zu viel, und sein Körper schickt erste unübersehbare Signale. Eine besorgniserregende Diagnose zwingt ihn, über etwas nachzudenken, über das Männer unserer Generation traditionell am liebsten gar nicht nachdenken: den Tod. Oder genauer: die eigene Endlichkeit. Die Lebensmitte ist nun mal der Zeitpunkt, an dem man zum ersten Mal nicht mehr nur theoretisch weiß, dass das alles hier irgendwann vorbei ist.
Dazu gesellt sich ein Kapitel, das allein schon den Kauf des Buches rechtfertigt: Raeth klärt uns über die männlichen Wechseljahre auf — im Fachjargon Andropause oder, besonders für Partys geeignet, Klimakterium virile. Dass dieses Thema mit Witz und ohne Zeigefinger behandelt wird, ist auf jeden Fall der richtige Zugang. Denn ja, auch wir Männer haben Hormone.

Felix zieht ein. Mit Sofa.
Sein bester Freund Felix ist das, was man früher einen „Schönschwimmer“ nannte: zu viel Geld, zu viel Zeit, jeden Tag Rennrad — aber nicht aus Begeisterung, sondern weil der Arzt es empfohlen hat. Jetzt steckt Felix in einer Ehekrise und quartiert sich bei Henri ein, komplett mit eigenem Schlafsofa. Männerfreundschaft, wie sie leibt und lebt: Kein großes Gerede, einfach präsent sein bis kurz vor die Aufdringlichkeit. Und jeden Tag Rennrad fahren.
Überhaupt ist „Wir Freitagsmänner“ ein stilles Plädoyer dafür, wie wichtig und wie unterschätzt tiefe Männerfreundschaften sind. Nicht die lockeren Freundschaften aus dem Gym, aus der Kneipe oder aus dem Stadion. Sondern die echten, die mit ihrem Schlafsofa anklingeln.
Im Büro regiert der junge Controller
Natürlich bleibt auch der Job nicht verschont. Henris Antagonist im Verlag ist ein Controller, fast halb so alt wie er, mit dem Fingerspitzengefühl eines Taschenrechners. Dessen Welt sind Einsparmaßnahmen, Zahlen und Effizienz. Raeth trifft hier einen Nerv, der bei so manchem NOT TOO OLD-Leser noch zucken dürfte: das Gefühl, jahrzehntelange Erfahrung gegen frisch erworbene Excel-Skills zu verteidigen. Henri kämpft, mit wechselndem Erfolg.
Therapie, Tränen und zwei Dates in zwei Tagen
Zur Therapeutin geht Henri eigentlich nur, weil er sie attraktiv findet. Das ist einerseits nicht besonders vorbildlich, andererseits schmerzhaft ehrlich und führt zu einem der schönsten Momente des Romans: Die Frage, an welchem Wochentag man wäre, wenn das eigene Leben nur sieben Tage hätte, landet wie ein freundlicher Schlag ins Gesicht. Freitag. Das Wochenende des Lebens liegt noch vor uns. Es wäre schön, es nicht zu verschlafen.
Das Liebesleben ist indes alles andere als eingeschlafen: Zwei Dates in zwei Tagen mit zwei verschiedenen Frauen, darunter eine Ex und eine neue Bekanntschaft. Für einen „mittelalten Kerl“, wie Raeth ihn liebevoll nennt, eine beachtliche Bilanz. Und irgendwo dabei ist auch noch ein Hund, der bekanntlich der treueste aller Begleiter und der in diesem Buch ein im wahrsten Sinne verbindendes Tierchen ist.
Freitag ist nicht das Ende, es ist der Anfang des Wochenendes
Was „Wir Freitagsmänner“ am Ende auszeichnet, ist sein Ton: warmherzig ohne kitschig zu sein, ehrlich ohne deprimierend zu werden. Raeth lässt Henri loslassen — die Ehe, den Groll, das Bild, das man sich im Laufe der Jahre von sich selbst gemacht hat — und schaut dann neugierig, was übrig bleibt. Die Antwort ist überraschend ermutigend.
Als Hörbuch wird „Die Freitagsmänner“ übrigens gelesen von Christoph Maria Herbst, dessen Stimme allem, was sie anfasst, eine eigene Magie verleiht. Wer das Buch also lieber hört als liest, wird hier auf jeden Fall seinen Spaß haben.
Fazit: Ein Roman, der sich anfühlt wie ein langes Gespräch mit einem alten Freund. Bei einem Bier zu viel, einem Lachen zu laut und am Ende der Erkenntnis, dass Freitag eigentlich der schönste Tag der Woche ist. Und übrigens war für mich auch das Buchcover einer der lässigsten Titel, die mein Bücherregal jemals gesehen hat.
Wir haben es nicht weglegen können. Ihr sicherlich auch nicht.

Autor Hans-Gerd Raeth
Jahrgang 1965, studierte Philosophie, Germanistik und Psychologie.
Er lebt als freier Autor und Drehbuchautor mit seiner Familie in
Berlin und wundert sich schon länger, dass auch in seinem Leben längst Freitag ist.
Web: www.hansrath.de
Eckdaten zum Buch
- Titel: Wir Freitagsmänner
- Verlag: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co.KG
- Preis: 23,00 Euro
- Seiten: 288
- ISBN: 978-3-423-28545-2
- Erscheinungstermin: 26. Februar 2026
