Es gibt eine Körperfunktion, über die Männer selten reden, die aber eine der aufschlussreichsten Informationsquellen für die eigene Gesundheit ist. Sie findet statt, während du schläfst. Du bekommst sie meist nicht mit. Und sie sagt dir mehr über den Zustand deines Herzens und deiner Gefäße als so mancher Arztbesuch. Die Rede ist von nächtlichen Erektionen und dem, was ihr Ausbleiben bedeuten kann.
Was jede Nacht passiert – oder eben nicht
Ein gesunder Mann hat drei bis fünf Erektionen pro Nacht, jede davon kann zwischen 20 und 40 Minuten dauern. Das ist kein Zufallsprodukt, sondern Biologie in Bestform: Der Körper nutzt den Schlaf als eine Art Wartungsprogramm. Das Schwellkörpergewebe wird mit sauerstoffreichem Blut versorgt, die Gefäße werden trainiert, das System auf Funktionsfähigkeit geprüft. Der Fachbegriff lautet nächtliche penile Tumeszenz und sie ist so verlässlich wie ein Herzschlag.
Das Entscheidende dabei: Diese nächtlichen Erektionen haben nichts mit Erregung, Libido oder Stress zu tun. Sie entstehen autonom, gesteuert vom Nervensystem im Tiefschlaf. Wer also tagsüber Probleme hat und diese auf Leistungsdruck oder Beziehungsstress schiebt, aber nachts normal reagiert, bei dem liegt die Ursache höchstwahrscheinlich im Kopf, nicht im Körper. Wer hingegen auch nachts kaum Aktivität zeigt, sollte hellhörig werden. Denn dann könnte das Problem tiefer liegen. Deutlich tiefer.
Die Antenne des Herzens
Mediziner haben dem Penis einen ungewöhnlichen Beinamen gegeben: die Antenne des Herzens. Der Grund ist ein anatomischer: Die Arterien, die den Schwellkörper mit Blut versorgen, gehören zu den kleinsten im menschlichen Körper. Sie reagieren früher auf Gefäßveränderungen als die größeren Koronararterien, die das Herz versorgen. Vereinfacht gesagt: Was die Herzgefäße noch nicht zeigen, zeigt sich im Penis schon längst.
Zahlreiche Studien belegen diesen Zusammenhang eindeutig: Bei Herzpatienten treten Erektionsstörungen in der Regel fünf bis sieben Jahre vor einem Herzinfarkt oder Schlaganfall auf. Fünf bis sieben Jahre, das ist kein Rauschen im Datenmaterial, das ist ein handfestes Frühwarnsignal. Eines, das die meisten Männer entweder nicht kennen, nicht ernst nehmen oder aus Scham schlicht ignorieren.
Eine Studie der Nanchang University in China zeigte: Männer mit erektiler Dysfunktion hatten ein um 59 Prozent erhöhtes Risiko für eine koronare Herzkrankheit im Vergleich zu Männern ohne Potenzprobleme. Auch das Schlaganfallrisiko war um 34 Prozent erhöht. Die ForscherInnen analysierten dabei Daten von mehr als 150.000 Probanden. Somit sind das keine Randnotizen aus kleinen Labors, das ist gesichertes medizinisches Wissen.

Eine aktuelle Querschnittstudie mit 796 Männern legt sogar nahe, dass in rund sechs von zehn Fällen gleichzeitig zur Erektionsstörung eine messbare Herzschwäche vorliegt, oft noch ohne jede sonstige Symptomatik. Betroffene fühlen sich subjektiv gesund. Sie haben keine Brustschmerzen, keine Atemnot, keinen Leistungsknick. Nur eben dieses eine, scheinbar intime Problem, das viele für sich behalten.
Die stille Mehrheit der Betroffenen
Schätzungen zufolge ist etwa jeder zweite Mann zwischen 40 und 70 Jahren von Erektionsstörungen betroffen. Das ist eine bemerkenswert hohe Zahl und gleichzeitig eine, die sich in der öffentlichen Wahrnehmung kaum widerspiegelt. Denn das Thema bleibt, trotz aller gesellschaftlichen Offenheit in anderen Bereichen, eines der letzten echten Tabuthemen unter Männern.
>> Podcast-Tipp: Dr. Laura Wiemer zu erektiler Dysfunktion <<
Die Konsequenz ist fatal: Statt zum Arzt zu gehen, wird die blaue Pille bestellt, oft sogar anonym, oft ohne Rezept, manchmal sogar aus dubiosen Internetquellen. Rund 1,5 Millionen Packungen sogenannter PDE-5-Hemmer gehen jedes Jahr über die Tresen deutscher Apotheken. Die Dunkelziffer illegal beschaffter Mittel liegt einem aktuellen Bericht zufolge noch um ein Vielfaches höher. Viagra gehört damit nach wie vor zu den am häufigsten gefälschten Arzneimitteln in Europa.
Das Problem dabei ist nicht allein die Qualität der gefälschten Präparate. Das Problem ist, was diese Männer damit tun: Sie behandeln ein Symptom, ohne die Ursache zu kennen. Bis zu 70 Prozent der Männer mit gesicherter koronarer Herzkrankheit hatten bereits vor ihrer Herzkatheteruntersuchung Erektionsstörungen. Ein Potenzmittel hätte keinen von ihnen davor bewahrt.
Was die Nacht verrät – messbar, diskret, ohne Arztbesuch
Genau hier setzt ein neues Medizinprodukt an, das 2025 seine offizielle Zertifizierung erhalten hat. 2N8 (gesprochen „TwoNight“) ist eine textile Sensormanschette, die vor dem Schlafen über den Penis gestreift wird und die nächtlichen Erektionen automatisch aufzeichnet. Ein kleines Steuermodul überträgt die Daten auf eine Smartphone-App, die ohne Registrierung und vollständig anonym funktioniert. Am Morgen sieht der Nutzer in Echtzeit, was in der Nacht passiert ist: Anzahl, Dauer und Qualität der Erektionen und damit einen direkten Einblick in die Funktion seines Gefäßsystems.

Das Münchner Startup 2N8life, das das Gerät entwickelt hat, verfolgt dabei einen klar präventiven Ansatz: Wer morgens in der App sieht, dass sein Körper nachts normal reagiert, bekommt Gewissheit und oft auch das Selbstbewusstsein zurück. Wer hingegen schwache oder ausbleibende Messungen sieht, hat erstmals eine konkrete Grundlage für das Gespräch mit dem Hausarzt oder Kardiologen. Nicht als Diagnose, aber als Wegweiser.
Denn das Gerät richtet sich ausdrücklich nicht an Männer, die eine Diagnose ersetzen wollen, sondern an solche, die überhaupt erst einmal verstehen wollen, ob sie ein Problem haben. Und wenn ja, welche Art. Die Unterscheidung zwischen psychisch und körperlich bedingter erektiler Dysfunktion ist dabei nicht trivial: Sie entscheidet darüber, ob jemand eine Psychotherapie braucht, ein Gespräch mit dem Partner oder einen Termin beim Internisten.
2N8 ist seit 2025 offiziell als Medizinprodukt zugelassen, vollständig in Deutschland entwickelt und hergestellt, und damit das weltweit erste zertifizierte Gerät dieser Art für den Heimgebrauch.
Was du jetzt tun kannst
Die gute Nachricht: Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen helfen dabei, das individuelle Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu senken, sodass Herzinfarkt und Schlaganfall vermieden werden können. Wer Erektionsstörungen früh ernst nimmt, hat damit einen diagnostischen Hebel in der Hand, den viele andere Männer nicht nutzen. Schlicht, weil sie nicht wissen, dass es ihn gibt.

Die Risikofaktoren, die sowohl Erektionsprobleme als auch Herzerkrankungen begünstigen, sind dabei bekannt und beeinflussbar: Bluthochdruck, erhöhte Blutfette, Diabetes, Übergewicht, Bewegungsmangel, Rauchen. Wer an einem oder mehreren dieser Faktoren arbeitet, tut etwas für seine sexuelle Gesundheit und gleichzeitig für sein Herz.
Ein letzter Gedanke, der sich lohnt: Du gehst zum Check-up für dein Auto, du lässt dein Fahrrad vor der Sommertour durchchecken, du buchst den Zahnarzt zweimal im Jahr. Dein Herz – das einzige Organ, das keine Pause kennt – verdient mindestens dasselbe. Und manchmal fängt die Diagnose damit an, genauer hinzuhören. Auch nachts.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.
