HomeKÖRPERGeistMidlife, Stress und stille Krisen: Zeit, über mentale Gesundheit zu sprechen

Midlife, Stress und stille Krisen: Zeit, über mentale Gesundheit zu sprechen

Männer gelten als stark. Als diejenigen, die durchhalten, die nicht klagen, die weitermachen. Generationen haben uns beigebracht: Ein Mann hat sich und alles drumrum im Griff, zeigt keine Schwäche, bleibt rational. Gerade wir Best Ager in der Lebensmitte sind mit diesem Rollenbild aufgewachsen. Doch genau dieses tradierte Bild wird vielen zum Verhängnis.

Wenn du dir selbst sagst: „Mir geht’s doch gut“, „So schlimm ist es nicht“ oder „Anderen geht es schlechter“, dann bist du nicht allein. Viele Männer in unserer Altersgruppe haben verinnerlicht, dass mentale Belastungen nicht thematisiert werden, schon gar nicht öffentlich. Das Problem dabei: Seelische Probleme verschwinden nicht, nur weil wir nicht über sie sprechen. Im Gegenteil.

Die Statistik des Statistischen Bundesamts zeigt eine erschreckende Realität: 71,5 Prozent der Suizide in Deutschland werden von Männern begangen, die meisten davon im Alter zwischen 55 und 65. Diese Zahl sollte uns allen zu denken geben. Sie zeigt, dass viele erst viel zu spät erkennen, dass es ihnen nicht gut geht und noch später, dass sie Unterstützung brauchen.

Die Lebensmitte: Eine unterschätzte Belastungsphase

Gerade zwischen 45 und 65 Jahren türmen sich oft besondere Herausforderungen auf. Es ist die Phase, in der viele Themen gleichzeitig auf dich einprasseln:

Beruflicher Druck: Du stehst möglicherweise auf dem Höhepunkt deiner Karriere mit all der Verantwortung, die das bedeutet. Oder du fragst dich: „War das jetzt alles?“ Die jüngeren Kollegen drängen nach und manchmal hast du das Gefühl, dass die besten Jahre beruflich bereits hinter dir liegen.

Familiäre Veränderungen: Die Kinder werden erwachsen und verlassen das Haus. Das „Empty Nest Syndrom“ ist real. Gleichzeitig werden die eigenen Eltern gebrechlicher und benötigen vielleicht Pflege. Die Sandwich-Generation steht unter besonderem Druck.

Körperliche Veränderungen: Der Körper funktioniert nicht mehr wie mit 30. Graue Haare, nachlassende Fitness, vielleicht erste gesundheitliche Probleme. All das macht die eigene Endlichkeit spürbarer. Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung steigt der Anteil diagnostizierter Depressionen bei Männern zwischen 45 und 65 Jahren auf 8,5 Prozent, deutlich höher als in jüngeren Jahren.

Finanzielle Belastungen: Hauskredite, Ausbildung der Kinder, möglicherweise die Pflege der Eltern: die finanzielle Verantwortung erreicht oft in dieser Lebensphase ihren Höhepunkt.

Die sogenannte Midlife-Crisis ist keine Modeerscheinung, sondern beschreibt eine reale psychische Belastung, die zwischen 40 und 55 Jahren besonders häufig auftritt. Sie kann sich in verschiedenen Formen zeigen: innere Unruhe, Gereiztheit, Unzufriedenheit mit dem Erreichten oder das Gefühl, dass die besten Jahre vorbei sind.

Warum Männer schweigen – und warum das gefährlich ist

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Selbst bei digitalen, anonymen Unterstützungsangeboten wie der Gesundheits-App My7steps liegt der Männeranteil bei nur rund 30 Prozent der Nutzer. Noch problematischer: 51 Prozent dieser Männer entscheiden sich gegen begleitende Gespräche, obwohl die Möglichkeit besteht.

„Die Dunkelziffer der Betroffenen ist hoch. Selbst wenn es einfach und kostenlos möglich wäre, möchten viele Männer nicht über ihre Krise sprechen“

erklärt Dr. Ralph Grobecker, Geschäftsführer von My7steps. „Rollenbilder, Scham, Unsicherheit oder die Auffassung, dass mentale Gesundheit ein sehr privates Thema ist, tragen erheblich dazu bei.“

Ein weiterer Aspekt macht die Sache komplizierter: Männer zeigen oft andere Symptome als Frauen. Statt klassischer depressiver Verstimmung äußert sich die Belastung häufig durch Gereiztheit, Aggressivität oder ein erhöhtes Risikoverhalten. Das macht es schwerer, die eigene psychische Belastung zu erkennen und für das Umfeld, angemessen darauf zu reagieren.

Laut Informationen des Männergesundheitsportals werden bei Männern Depressionen nur halb so oft diagnostiziert wie bei Frauen. Das liegt nicht daran, dass Männer seltener betroffen sind, sondern daran, dass sie seltener zum Arzt gehen und ihre seelischen Probleme eher verdecken. Sie schildern lieber körperliche Symptome – Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen – als zuzugeben, dass die Psyche leidet.

Fünf kleine Schritte für mehr Wohlbefinden

Die gute Nachricht: Du musst nicht erst in einer massiven Krise stecken, um auf deine mentale Gesundheit zu achten. Tatsächlich ist es sogar besser, früher anzufangen. Hier sind fünf Ansätze, die dir helfen können:

1. Selbstcheck: Wie geht es dir wirklich?

Nimm dir regelmäßig Zeit für einen ehrlichen Selbstcheck. Treten Müdigkeit, Gereiztheit oder Antriebslosigkeit häufiger auf? Haben sich dein Schlaf, dein Alkoholkonsum oder deine Motivation verändert? Ein anonymer Online-Selbsttest kann ein erster Anhaltspunkt sein, um die eigene Verfassung ohne Druck besser einzuschätzen. Ohne dass du dich sofort verpflichtest, professionelle Hilfe zu suchen.

2. Gedanken und Gefühle ausdrücken

Es muss nicht immer das große Gespräch sein. Manchmal hilft es schon, Sorgen oder Gedanken für sich selbst zu notieren. Ein Tagebuch kann ein wertvolles Werkzeug sein. Oder such dir eine Person, der du vertraust, zum Beispiel ein Freund, ein Familienmitglied oder ein Therapeut oder eine Therapeutin. Bereits das Aussprechen belastender Gefühle kann entlastend wirken und Raum schaffen, um innere Spannungen abzubauen.

3. Negative Gedanken bewusst hinterfragen

Kennst du dieses Chaos im Kopf und Gedanken wie: „Ich bin nicht mehr gut genug“, „Es geht sowieso nur noch bergab“, „Ich habe meine besten Jahre hinter mir“. Solche negativen Denkmuster sind typisch für die Lebensmitte. Aber sie sind nicht die Wahrheit. Es ist hilfreich, diese Gedanken bewusst wahrzunehmen und zu reflektieren. Das Hinterfragen und Umlenken kann die emotionale Belastung verringern und neue Perspektiven eröffnen.

4. Raum für Erholung und Selbstfürsorge schaffen

Mentale Gesundheit braucht Zeit und Pflege, ähnlich wie körperliche Fitness. Pausen einlegen, Bewegung an der frischen Luft, bewusstes Abschalten und die Pflege sozialer Kontakte tragen dazu bei, die innere Balance zu erhalten. Studien zeigen, dass Menschen mit starken sozialen Bindungen resilienter sind und schwierige Zeiten besser überstehen.

5. Flexible Unterstützung in Anspruch nehmen

Wenn du merkst, dass die Belastung zu groß wird, zögere nicht, Unterstützung zu suchen. Digitale Angebote wie My7steps ermöglichen niedrigschwellige, anonyme und schnelle Hilfe ohne lange Wartezeiten. Die App ist bei vielen Krankenkassen bereits ohne Rezept verfügbar und bietet psychologische Unterstützung für Menschen mit leichten bis mittelschweren psychischen Beschwerden.

Wann digitale Hilfe passt und wann nicht

Es ist wichtig zu verstehen, dass nicht jede Form der Unterstützung für jede Situation geeignet ist. Digitale Angebote wie My7steps sind speziell für bestimmte Situationen konzipiert:

My7steps ist richtig bei:

  • Stress und belastenden Lebenssituationen
  • Persönlichen Problemen und Konflikten
  • Psychischen Belastungen mit Symptomen von Depression, Angst oder Überforderung
  • Als Überbrückung, während du auf einen Langzeit-Therapieplatz wartest
  • Als begleitende oder vorbeugende psychologische Maßnahme

My7steps ist nicht geeignet bei:

  • Einem akuten Notfall
  • Einer diagnostizierten schweren psychischen Erkrankung
  • Ernsthaften Suizidabsichten

In solchen Fällen ist sofortige professionelle Hilfe notwendig: die Telefonseelsorge (0800 111 0 111), der ärztliche Bereitschaftsdienst (116 117) oder die Notaufnahme einer Klinik.

Der erste Schritt ist der schwerste

Vielleicht denkst du jetzt: „Das betrifft mich nicht.“ Oder: „So schlimm ist es bei mir nicht.“ Aber genau mit dieser Haltung fängt das Problem an. Mentale Gesundheit ist kein Luxus, den man sich leistet, wenn alles bereits zusammenbricht. Sie ist eine kontinuierliche Pflege, die genauso wichtig ist wie die körperliche Gesundheit.

In unserer Generation wurde uns beigebracht, die Zähne zusammenzubeißen und weiterzumachen. Aber Stärke zeigt sich nicht darin, alles allein durchzustehen. Wahre Stärke liegt darin, zu erkennen, wann man Hilfe braucht und sie sich dann auch zu holen.

Die Statistiken sind eindeutig: Männer leiden, aber sie leiden oft im Stillen. Das muss nicht so sein. Es ist nie zu spät und nie zu früh, auf die eigene mentale Gesundheit zu achten. Ob du nun in einer akuten Krise steckst oder einfach merkst, dass es dir „nicht mehr so gut“ geht wie früher: Es gibt Wege, Unterstützung zu finden.

Du hast dein halbes Leben gemeistert, Herausforderungen bewältigt, Krisen überstanden. Jetzt ist es Zeit, das gleiche Augenmerk auf deine Seele zu richten, das du auf deinen Körper, deine Karriere oder deine Familie richtest. Denn eines ist sicher: Die zweite Hälfte des Lebens kann genauso erfüllend sein wie die erste. Wenn wir lernen, auch auf unsere mentale Gesundheit zu achten.

Kai Bösel
Kai Bösel
Kai Bösel (Jg. 1971) lebt als Patchwork-Papa mit der Familie in Hamburg. Neben NOT TOO OLD betreibt er auch das Väter-Magazin Daddylicious. Außerdem ist er Experte für Influencer-Marketing. Bisher hat er bereits fünf eigene Unternehmen gegründet, schreibt für diverse Print- und Online-Magazine, tritt als Speaker und Moderator auf und betreibt zu diesem Magazin auch einen Podcast. Nach Feierabend entspannt er beim Laufen oder Golf.

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