Seit über 30 Jahren ist er im Musikgeschäft und immer noch hungrig. Als Gitarrist, Produzent und Bandleader der Soulounge hat Sven Bünger Karrieren von Stars wie Roger Cicero, Ayo und Johannes Oerding mitgeprägt, ohne je selbst im Rampenlicht zu stehen. Der ehemalige Dorfpunk aus der Lübecker Bucht verkörpert das Leben in der „zweiten Reihe“: erfolgreich, ohne Star zu sein. In Folge 66 unseres Podcasts erzählt er von einem Leben für die Musik.
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Gerade in der Musikbranche gibt es Menschen, die jahrzehntelang relevant bleiben, ohne jemals wirklich im Rampenlicht zu stehen. Sven Bünger ist so einer. Mit 57 Jahren blickt er auf über drei Jahrzehnte Musikgeschäft zurück: als Gitarrist, als Produzent für Acts wie Johannes Oerding, Madsen und Ulrich Tukur und vor allem als Gründer und Bandleader der Soulounge, einem Projekt, das 2026 sein 25-jähriges Jubiläum feiert.
Im NOT TOO OLD Podcast erzählt er von seinem Weg vom Dorfpunk zum Soul-Macher, vom harten Geschäft hinter den Kulissen und davon, warum Älterwerden im Musikbusiness kein Nachteil sein muss.
London Calling
Die Geschichte beginnt 1980 in einem Pastorat in Stockelsdorf bei Lübeck. Der 13-jährige Sven hört, wie London Calling von The Clash aus den Boxen dröhnt. „Das werde ich nie vergessen“, erinnert er sich. „Auf einmal war meine Welt in Farbe und nicht mehr schwarz-weiß.“
Später besuchte er ein Konzert mit Bands, deren Mitglieder später zum Beispiel bei den Goldenen Zitronen landen sollten. Leute schubsten sich, spuckten sich an, tanzten Pogo. Für einen Teenager aus einem Dorf zwischen Lübeck und Timmendorf war das eine Offenbarung. Am nächsten Tag holte er sich von seinem Vater ein Jacket, schnitt Löcher rein und war Punker.
„In dieser Zeit“, erzählt Sven, „war es so, dass jeder Punker sofort ein Instrument spielte und eine Band gründete. Du musstest gar kein Instrument können.“ Seine erste Band hieß „Ausbruch“ und so begann seine musikalische Reise.
Die Message des Punk war klar: gegen das Establishment, gegen die Erwartungen der Eltern, gegen Einfamilienhaus und Steuerberater-Karriere. Aber bei Sven ging es nie um den reinen Lifestyle. „Für mich war das eher so: Lass uns einen Proberaum haben, Musik aufnehmen, einen Song schreiben.“ Die Rebellion hatte ein Ziel: Musik machen.

Vom Punk zum Soul
Nach dem Punk kam der Blues. Alte Platten, Jimi Hendrix, Rhythm & Blues. Diese musikalische Entwicklung führte ihn über Lübeck nach Berlin und schließlich nach Hamburg, wo er bis heute lebt.
Der Wendepunkt kam 2001. Zusammen mit Bela Brauckmann von den Cultured Pearls gründete Sven die Soulounge. Es war die Zeit des Neo-Soul: D’Angelo, Erykah Badu, Lauryn Hill prägten das Genre. „Wir wollten organische Soul-Musik machen, handgespielt, mit echter Leidenschaft“, sagt Sven.
Das Konzept war genial und ungewöhnlich zugleich: Eine feste Band, aber ständig wechselnde Gastsängerinnen und -sänger. „Es war gar nicht so geplant“, gibt Sven zu. „Wir hatten einfach Freunde, die singen konnten, und haben die eingeladen.“
Diese Einladungen sollten Karrieren prägen. Roger Cicero, bevor er mit deutschsprachigem Jazz die Charts eroberte. Joy Ogunmakin, die als Ayo weltbekannt wurde. Miss Platnum, Johannes Oerding, sie alle standen auf der Soulounge-Bühne, bevor sie also Solisten Stars wurden.
„Ich hatte ein Händchen dafür“, sagt Sven bescheiden. „Aber es war nicht so, dass ich da irgendwie Leute entdeckt habe. Die waren einfach gut, und ich habe ihnen eine Bühne gegeben.“
Die erste Ära: 200 Konzerte
Von 2001 bis 2010 lief die Soul Lounge auf Hochtouren. Etwa 200 Konzerte, darunter das legendäre Jazzfest Montreux und ein Support-Gig für James Brown. Die Stammclubs waren das Quasimodo in Berlin und der Schlachthof (heute Knust) in Hamburg.
Aber der Druck wurde zu viel. 2010 löste sich die Band auf. Sven spricht nicht viel darüber, aber man spürt: Es war keine leichte Entscheidung. „Wir waren einfach erschöpft. Und irgendwann war es Zeit für etwas Neues.“
Der New Yorker Moment: Die Wiedergeburt 2017
Sieben Jahre später saß Sven in einem kleinen Club in New York. Eine Soul-Band spielte, die Menschen tanzten, die Energie war elektrisierend. „Da habe ich gedacht: Das will ich wieder.“
Zurück in Hamburg organisierte er Jam-Sessions, lud Gäste ein und plötzlich wurde ihm klar: „Das Konzept hatte ich ja schon mal entwickelt!“ 2017 reaktivierte er die Soulounge mit neuen Musikern: Markus Kuczewski an den Keyboards (übrigens auch aus Lübeck), Tobias Held am Schlagzeug, Tim Kirschke am Bass.
Die neue Soulounge ist anders, aber der Vibe ist der alte. „Wir arbeiten gerade an neuen eigenen Songs, stark vom Funk der 80er-Jahre beeinflusst“, erzählt Sven. Neben alten Bekannten wie Nora Becker, Sarajane und Phil Siemers stehen auch neue Talente am Mikrofon: Cat Ray, Moritz Cruit, Robin Damn, Jules, Lara Linn.
Seit Mai 2025 spielt die Soul Lounge regelmäßig im Kent Club in Hamburg. „Soul-Musik ist auch Tanzmusik, ist auch Funk, wo man einfach abfeiert und Spaß hat und ein bisschen groovt. Und für die älteren Leute gibt es ja nicht mehr so viele Diskotheken, wo man ständig irgendwie abdancen kann. Da ist das eben auch eine Möglichkeit.“

Produzent fürs Geld, Soulounge fürs Herz
Geld verdient Sven nicht mit der Soulounge, sondern als Produzent. Seine Produktions-Credits lesen sich beeindruckend: Johannes Oerdings Platin-Album „Alles brennt“, Madsen, Tonbandgerät, Auletta. Aber auch etablierte Künstler wie Ulrich Tukur, Mary Roos, Yvonne Catterfeld, Anna Depenbusch.
„Zum Glück habe ich als Produzent ein kommerzielles Empfinden und Spaß daran“, sagt er. „Aber es macht mir auch Spaß, diese Reflektiertheit aufzugeben.“ Die Soulounge ist seine künstlerische Freiheit, sein Ort, an dem er einfach Musik machen kann, ohne an Charts oder Verkaufszahlen zu denken.
Die Aufgabenteilung ist klar: Als Produzent Geld verdienen, als Künstler die Seele behalten. „Ich kann mir auch leisten, große Aufträge abzulehnen, wenn ich keine Lust drauf habe. Das ist ein Luxus, den ich mir erarbeitet habe.“
Älterwerden: Mit 57 entspannter als je zuvor
Das Älterwerden im Musikbusiness sieht er gelassen. „Klar, die körperlichen Veränderungen spüre ich. Die Regeneration dauert länger, die Spritzigkeit lässt nach. Aber mental bin ich stärker als je zuvor.“
Sein zweites Soloalbum trägt den Titel „Nie zu spät für eine glückliche Kindheit“, ein Lebensmotto. „Es geht darum, sich nicht von Erwartungen einengen zu lassen. Ich kann immer noch neue Sachen machen, neue Bands gründen, neue Songs schreiben.“
Die Musikszene hat sich massiv verändert seit 2001. TikTok, Algorithmen, Playlists statt Plattenläden. „Man muss sich schon anpassen“, gibt Sven zu. „Aber ich bleibe auch, wie ich bin. Ich mache Musik, die mir gefällt, und hoffe, dass andere sie auch mögen.“
Politisches Engagement: Das Projekt WIR
Neben der Musik engagiert sich Sven politisch. Mit dem Projekt „WIR“ nutzt er Rio Reisers Song „Wann“ als Aufruf zum demokratischen Engagement. „Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier? Wie, wenn ohne Liebe? Wer, wenn nicht wir?“
„Ich bin kein Vorzeigeexemplar von politischem Engagement“, sagt er bescheiden. „Aber ich bemühe mich. Und das Wir-Projekt war ein Zeichen meiner Bemühungen.“
Auf Instagram können Chöre, Musikgruppen und Einzelpersonen eigene Versionen des Songs hochladen. „Ich will Menschen zum Handeln bewegen, zum Nachdenken anregen. Musik kann das.“
Die zweite Reihe: Andere strahlen lassen
Am Ende unseres Gesprächs wird klar: Sven Bünger ist kein Mann fürs Rampenlicht. Er ist der Mann, der anderen hilft zu strahlen. Der Produzent, der Johannes Oerding den Weg ebnete. Der Bandleader, der Roger Cicero eine Bühne gab. Der Gitarrist, der lieber im Hintergrund groovt, als vorne zu posieren.
Als ich ihn nach seinem Lieblingssong frage, zögert er lange. Zu viele Erinnerungen, zu viele Emotionen. Dann entscheidet er sich: „Die Arie von den Goldberg-Variationen, gespielt von Víkingur Ólafsson. Wenn man viel Ruhe hat, dann hört man sich alle 30 Variationen durch. Eineinhalb Stunden.“
Es ist eine ungewöhnliche Antwort von einem Soul-Musiker. Aber sie passt zu Sven Bünger: Ein Mann, der nie das Erwartbare macht, der seinen eigenen Weg geht und dabei anderen den Weg weist.
2026 feiert die Soul Lounge ihr 25-jähriges Jubiläum. Ein Vierteljahrhundert Soul, Funk und Leidenschaft. Und Sven Bünger? Der macht einfach weiter. Weil er es kann. Weil er es will. Und weil die Musik kein Verfallsdatum kennt.
Links zu Sven Bünger
| Website von Sven Bünger | www.chefproduction.de |
| Website der Soulounge | www.soulounge.com |
| Sven bei Instagram | @svenbuenger |
| Projekt WIR bei Instagram | @wir.jetzt |
| Sven bei Facebook | @sven.buenger.7 |
| Sven bei youTube | @Buengerskanal |
