HomeLEBENPartnerschaftDas Valentinstag-Paradox - Warum wir ihn hassen und trotzdem brauchen

Das Valentinstag-Paradox – Warum wir ihn hassen und trotzdem brauchen

Hand aufs Herz: Wer von uns hat nicht schon die Augen verdreht, wenn ab 1. Februar die ersten Herzchen-Displays in den Supermärkten auftauchen? Valentinstag, dieser kommerzialisierte, aufgeblasene, von Blumenläden und Schokoladenherstellern erfundene Feiertag, da stehen wir natürlich drüber und entlarven die Kommerz-Falle. Und trotzdem stehen wir am 13. Februar um 22 Uhr vor dem Spirituosenregal und überlegen, ob Roséwein jetzt zu kitschig oder zu wenig wäre.

Willkommen im Valentinstag-Paradox. Und willkommen in einer Ehrlichkeit, die wir als Best Ager uns selbst gegenüber eigentlich längst schulden.

Die große Heuchelei

Es gibt eine bestimmte Art, wie Männer über Valentinstag reden, besonders in Gruppen. Spöttisch. Überlegen. „Meine Frau und ich brauchen das nicht, wir zeigen uns das das ganze Jahr über.“ Ja, klar. Und Geburtstage feiert ihr auch nur intern, mit selbst gebackenem Kuchen und einer handgeschriebenen Karte. Das Ding ist: Wer das Valentinstag-Ritual so energisch ablehnt, steckt meistens am tiefsten drin. Denn wer wirklich gar nichts fühlt, muss es auch nicht lautstark erklären.

Die Wahrheit, mit der wir jenseits der 45 umgehen können sollten, lautet: Valentinstag löst bei vielen von uns eine unangenehme Frage aus. Nicht „Was schenke ich ihr?“ – sondern „Wann habe ich meiner Partnerin zuletzt wirklich gezeigt, dass ich sie liebe? Nicht funktional, nicht als Nebenprodukt eines guten Tages, sondern bewusst und mit vollem Fokus?“ Diese Frage ist unbequem. Der Kommerz-Reflex ist bequem. Also schimpfen wir auf Hallmark-Romantik und verstecken das eigentliche Unbehagen dahinter.

Was nach 20 Jahren passiert

In langen Beziehungen passiert etwas Schleichendes. Man hört auf, den anderen zu umwerben. Nicht weil die Liebe weg ist, sondern weil Alltag, Kinder, Jobs, Müdigkeit und das gegenseitige Vertrauen darauf, dass der andere schon weiß, dass man ihn liebt, einen zuverlässigen Weichzeichner über das Beziehungsleben legen. Man ist sich sicher. Das ist das Schöne. Aber Sicherheit ohne gelegentliche Geste verkommt irgendwann zur Gleichgültigkeit, zumindest im Erleben des anderen.

Viele Frauen – und auch viele Männer – sagen in Gesprächen über ihre Partnerschaft irgendwann den Satz: „Ich weiß, dass er mich liebt. Aber ich fühle es nicht mehr so oft.“ Das ist kein Drama. Das ist menschlich. Aber es ist auch kein Naturgesetz, das man einfach hinnehmen muss. Und genau hier kommt der vermeintlich blöde 14. Februar ins Spiel. Nicht als Pflichtveranstaltung, sondern als externer Trigger, der uns daran erinnert, dass gelegentliches Zeigen keine Schwäche ist.

Der Kitsch-Einwand und warum er nur halb stimmt

Okay, nehmen wir den Einwand ernst: Valentinstag ist kommerziell überfrachtet. Stimmt. Wer seiner Partnerin eine industriell gefertigte Herzchen-Dose mit Pralinen aus dem Supermarkt-Aufsteller hinstellt und dabei denkt, er hätte „Valentinstag gemacht“, hat den Punkt verfehlt.

Aber die Lösung ist nicht, gar nichts zu tun. Die Lösung ist, es besser zu machen als die Herzchen-Dose. Das ist die eigentliche Herausforderung des Valentinstags für Männer unserer Generation: Nicht mitschwimmen im rosa Mainstream, aber auch nicht stolz im Trockenen sitzen. Sondern eine eigene Version entwickeln, die zur eigenen Beziehung passt. Wer 20 oder 30 Jahre mit einem Menschen zusammen ist, kennt diesen Menschen. Das ist ein riesiger Vorteil gegenüber jedem frisch Verliebten, der noch Google bemühen muss.

Konkret: Was wirklich funktioniert

Ein paar Ideen jenseits von Rosen und Pralinenschachteln. Keine Garantien, aber bewährte Ansätze für Männer, die lieber selbst denken als Vorlagen ausfüllen:

Der Brief. Nicht WhatsApp, nicht E-Mail. Ein handgeschriebener Brief. Nicht lang, nicht literarisch, aber ehrlich. Was schätzt du an ihr? Was hat sie in den letzten Jahren für euch, für dich getan, das du vielleicht nie laut gesagt hast? Klingt einfach. Ist es nicht. Aber der Effekt ist unverhältnismäßig groß. Frauen bewahren solche Briefe auf. Jahrelang.

Das Erlebnis statt das Ding. Keine weiteren Gegenstände, die irgendwo stehen müssen. Sondern Zeit: ein Konzert einer Band, die sie liebt und du maximal tolerierst. Ein Wochenende in einer Stadt, die sie schon immer sehen wollte. Ein Kochkurs für zwei. Das Signal dahinter: Ich investiere Zeit in das, was dir wichtig ist.

Digital Detox. Ein Abend, an dem das Handy wegbleibt. Nicht demonstrativ, nicht als Ansage, sondern einfach weg. Kochen, reden, Wein trinken, nichts scrollen. Klingt banal? Versuche es. In der Praxis ist es für viele Paare eine Ausnahme geworden, nicht die Regel.

Der Rückblick. Alte Fotos heraussuchen. Ein Album anlegen, analog oder digital. Den Moment wiederfinden, in dem man das erste Mal wusste: Das ist sie. Nostalgie hat einen schlechten Ruf, dabei ist gemeinsame Geschichte das wertvollste Kapital einer langen Beziehung.

Das ehrliche Gespräch. Nicht über die Beziehungsprobleme, sondern über die Zukunft. Was wollt ihr noch zusammen erleben? Wohin wollt ihr reisen? Was habt ihr zu lange aufgeschoben? Manchmal ist der romantischste Moment nicht die Kerze auf dem Tisch, sondern das Gespräch, das zeigt: Ich denke mit dir zusammen in die Zukunft.

Und wenn man Single ist?

Valentinstag als Single jenseits der 45 ist eine eigene Disziplin. Gesellschaftlich wird man an diesem Tag auf eine Art unsichtbar gemacht, die eigentlich absurd ist. Als ob das Datum irgendetwas über den Wert eines Menschen aussagen würde. Tut es nicht.

Wer gerade allein ist, darf den 14. Februar schlicht ignorieren, das ist vollkommen legitim. Oder er nutzt ihn anders: als Anlass, alte Freundschaften aufzufrischen, sich selbst etwas Gutes zu tun, oder – wenn man offen für Neues ist – tatsächlich auf Dating-Plattformen aktiv zu werden. Valentinstag ist dort statistisch einer der aktivsten Tage des Jahres. Die Konkurrenz schläft nicht, aber die Gelegenheit tut es auch nicht.

Das eigentliche Argument

Am Ende läuft das Valentinstag-Paradox auf eine einzige Frage hinaus: Brauchen wir wirklich einen externen Anlass, um dem Menschen, mit dem wir unser Leben teilen, zu zeigen, dass er uns wichtig ist? Nein, natürlich nicht. Aber offensichtlich passiert es ohne Anlass auch nicht so oft, wie es sollte.

Männer unserer Generation sind gut darin, Dinge zu erledigen. Wir lösen Probleme, wir organisieren, wir funktionieren. Was wir seltener üben: bewusst innezuhalten und zu sagen – nicht aus Pflicht, sondern aus echter Überzeugung –, dass das hier, diese Person, dieses gemeinsame Leben, das Beste ist, was uns passiert ist.

Wenn der Valentinstag am 14. Februar dafür ein Vehikel sein kann, trotz Herzchen, trotz Schoko-Displays, trotz allem, dann ist er vielleicht doch nicht so überflüssig, wie wir beim Augenrollen im Supermarkt dachten.

Also: Rosen oder kein Rosen? Das ist eure Entscheidung. Aber irgendwas tun, das ist keine Frage mehr.

Kai Bösel
Kai Bösel
Kai Bösel (Jg. 1971) lebt als Patchwork-Papa mit der Familie in Hamburg. Neben NOT TOO OLD betreibt er auch das Väter-Magazin Daddylicious. Außerdem ist er Experte für Influencer-Marketing. Bisher hat er bereits fünf eigene Unternehmen gegründet, schreibt für diverse Print- und Online-Magazine, tritt als Speaker und Moderator auf und betreibt zu diesem Magazin auch einen Podcast. Nach Feierabend entspannt er beim Laufen oder Golf.

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