Kopfschmerzen? Erschöpfung? Schmerzen in der Brust? Die Versuchung ist groß, schnell das Smartphone zu zücken und Dr. Google zu befragen. 91 Prozent der Deutschen haben das laut einer aktuellen forsa-Umfrage im Auftrag der KKH bereits getan. Gerade Männer in der Lebensmitte nutzen das Internet zunehmend als erste Anlaufstelle bei Gesundheitsfragen. Bequem, schnell und ohne Wartezeit beim Arzt. Doch die digitale Selbstdiagnose birgt Risiken, die gerade in unserer Altersgruppe fatal sein können.
Wenn aus Kopfschmerz ein Hirntumor wird
Die Zahlen sind beeindruckend: Rund ein Drittel aller Befragten recherchiert im Netz zu medizinischen Fragen, um sich einen Arztbesuch zu ersparen, so die KKH Kaufmännische Krankenkasse. 23 Prozent konnten sich nach eigener Aussage dadurch selbst helfen und auf einen Arztbesuch verzichten. 13 Prozent haben sich sogar schon einmal eine Selbstdiagnose gestellt, bei den 16 bis 34 Jährigen ist es sogar jeder Fünfte.

Das Problem dabei: Suchmaschinen unterscheiden nicht zwischen harmlosen und schwerwiegenden Diagnosen. Wer „Kopfschmerz“ und „Schwindel“ eingibt, findet nicht nur harmlose Erklärungen wie Stress oder Migräne, sondern landet schnell bei beängstigenden Ergebnissen wie Multiple Sklerose oder Hirntumor. „Die Informationen im Netz sind von sehr unterschiedlicher Qualität. Nur Expert*innen können die Vielzahl an Ergebnissen fachgerecht deuten und richtig einordnen.“, erklärt KKH Psychologin Isabelle Wenck.
Besonders problematisch wird es, wenn die Recherche zur Obsession wird. In schweren Fällen entwickelt sich eine sogenannte Cyberchondrie, auch Morbus Google genannt. Betroffene surfen viele Stunden am Tag nach passenden Erklärungen für ihre Beschwerden, überdramatisieren ihre Symptome und stellen schlimmstenfalls dramatische Eigendiagnosen. Die Sorge um die eigene Gesundheit wird immer stärker, die Lebensqualität leidet massiv.
Männer mittleren Alters: besonders gefährdet
Für Männer mittleren Alters ist die Situation besonders heikel. In dieser Lebensphase häufen sich tatsächlich gesundheitliche Probleme: erhöhter Blutdruck, erste Herzprobleme, Diabetes Typ 2 oder Prostatabeschwerden werden statistisch wahrscheinlicher. Gleichzeitig ist genau das die Altersgruppe, die traditionell ungern zum Arzt geht. Die Kombination aus realen Gesundheitsrisiken und der Möglichkeit zur schnellen Online-Recherche ist gefährlich.
Hinzu kommt: Hinter gleichen oder ähnlichen Symptomen können viele unterschiedliche Erkrankungen stecken. Brustschmerzen beispielsweise können von harmlosen Verspannungen bis zum Herzinfarkt alles bedeuten.
„Der Gang in die Arztpraxis ist deshalb oftmals ratsamer als reine Internetrecherche“
betont Isabelle Wenck. Eine individuelle Diagnose erfordert medizinische Untersuchungen wie etwa eine Kontrolle der Blutwerte, die nur eine Praxis oder Klinik leisten kann.
Die Informationsflut richtig navigieren
Die gute Nachricht: Nicht jede Online Recherche ist schlecht. „In den meisten Fällen verbessert dies sogar die eigene Gesundheitskompetenz, vorausgesetzt, die Informationen sind seriös und aktuell“, so die KKH Psychologin. Wer sich via Internetrecherche auf einen Arzttermin vorbereitet, kann sich mit seiner Ärztin oder seinem Arzt auf Augenhöhe austauschen und die passenden Fragen stellen. Immerhin gut die Hälfte aller Befragten würde dies tun.

So erkennst du seriöse Gesundheitsinformationen
Das Problem ist die Qualität der Informationen. Laut DKV Report 2025 können 58 Prozent der Menschen nicht einschätzen, ob Gesundheitsquellen im Netz vertrauenswürdig sind. „Viele Menschen haben Schwierigkeiten, in dieser Menge an Suchergebnissen Fachwissen von Meinungen oder Werbung zu unterscheiden“, erklärt Alina Gedde, Digitalexpertin bei ERGO. Besonders problematisch ist die fehlende Transparenz: „Häufig bleibt unklar, welche Qualifikationen die Informationsanbieter haben oder wie sie die Inhalte finanzieren.“
Gesundheitsinformationen stammen idealerweise von medizinischen Fachleuten, die ihre Qualifikationen offenlegen. „Wer eine Seite betreibt und wie die Finanzierung geregelt ist, lässt sich meist im Impressum herausfinden. Informationen, die offensiv für bestimmte Produkte oder Verfahren werben, verdienen besondere Vorsicht“, so Alina Gedde.
Hochwertige Gesundheitsinformationen sind kosten- und barrierefrei zugänglich. Verlässliche Webseiten benennen offen, an wen sich ihre Inhalte richten und mit welcher Absicht sie erstellt wurden. Sie weisen außerdem deutlich darauf hin, dass ihre Informationen keinen Arztbesuch ersetzen können und kommunizieren die Grenzen ihrer Aussagen transparent.
„Ernsthafte Autorinnen und Autoren belegen ihre Inhalte mit nachvollziehbaren Quellen und wissenschaftlichen Studien. Fehlen diese oder bleiben die Quellen unklar, ist Misstrauen angebracht“, erklärt die ERGO Expertin. Gesundheitsinformationen benötigen darüber hinaus ein klares Veröffentlichungs- oder Aktualisierungsdatum, da medizinisches Wissen sich stetig weiterentwickelt. Veraltete Informationen können deshalb fehlerhaft und risikobehaftet sein.
Vorsicht geboten ist immer dann, wenn Angebote fast wundersame Heilungen oder schnelle Erfolge versprechen, insbesondere bei direkten Produktverlinkungen und Werbung.
Influencer mit Stethoskop: Chance oder Risiko?
Im Bereich sozialer Medien wächst die Zahl sogenannter Med-, Fit- und Foodfluencer, die über Gesundheit, Fitness und Ernährung sprechen. Gerade für die jüngeren Best Ager, die auf Instagram oder TikTok unterwegs sind, können diese eine wichtige Informationsquelle sein.

„Während die einen wertvolle und fachlich fundierte Inhalte liefern, fehlt anderen die notwendige Qualifikation“, erklärt Alina Gedde. Werbung erscheint oft als persönliche Empfehlung, was die Trennung von Information und kommerziellen Interessen erschwert.
Um seriöse Influencer zu erkennen, solltest du auf Aussagen zur Ausbildung und Fachkenntnissen achten. Gibt es Hinweise auf medizinische oder ernährungswissenschaftliche Ausbildungen oder Berufserfahrungen, steigt die Glaubwürdigkeit. Auch Transparenz spielt eine große Rolle: Seriöse Influencer legen Quellen offen und machen ihre finanziellen Interessen kenntlich. Weitere Anhaltspunkte bieten Kommentare und Feedback von Nutzern. Eine kritische Auseinandersetzung in den Diskussionen zeigt oft, wie glaubwürdig und verlässlich die Informationen eines Influencers sind.
Der richtige Umgang mit Online Diagnosen
Wer dennoch gern vorab im Netz über Symptomatiken und Behandlungsmöglichkeiten informieren will, sollte auf das Impressum der jeweiligen Internetseiten achten. Stammen die Informationen von seriösen Absendern, etwa einem wissenschaftlichen Institut, oder aus einer fragwürdigen Quelle wie Anbietern mit kommerziellen Interessen?
Außerdem wichtig: Jeder Krankheitsverlauf ist anders. „Der Austausch mit anderen Nutzerinnen und Nutzern kann hilfreich sein, man sollte aber nie von Krankheitsschilderungen und verläufen anderer auf sich selbst schließen“, betont Isabelle Wenck. Was bei einem Mann mit 50 funktioniert hat, muss bei dir nicht zwingend die gleiche Wirkung zeigen.
Rund jeder Siebte fühlt sich durch die eigenen Rechercheergebnisse verunsichert. Das ist ein deutliches Warnsignal. Die große Mehrheit der Befragten würde sich mit Hilfe von Suchmaschinen über Krankheiten schlau machen (77 Prozent), 69 Prozent auf Webseiten von Krankenkassen und anderen Gesundheitsdienstleistern, 38 Prozent via Künstlicher Intelligenz und zehn Prozent via Social Media.

Wann der Gang zum Arzt unumgänglich ist
Bei Unsicherheiten empfiehlt sich das persönliche Gespräch mit medizinischem Fachpersonal, rät die ERGO Expertin. Gerade für Männer mittleren Alters, bei denen das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder andere ernsthafte Erkrankungen statistisch steigt, kann eine verzögerte Behandlung fatal sein.
Im schlimmsten Fall verzögert eine reine Online Diagnose die gezielte Behandlung einer ernsten Krankheit. Wer sich mit Brustschmerzen, anhaltendem Schwindel, unerklärlichem Gewichtsverlust oder anderen besorgniserregenden Symptomen herumschlägt, sollte nicht Dr. Google konsultieren, sondern einen echten Arzt.
Das gilt besonders für typische Männergesundheitsthemen: Prostatabeschwerden lassen sich nicht durch Googeln diagnostizieren, sondern erfordern eine Untersuchung. Erektionsstörungen können ein Warnsignal für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein, kein Fall für die Suchmaschine. Und anhaltende Müdigkeit kann von einem simplen Vitamin D Mangel bis zu ernsthaften Erkrankungen reichen.
Das Fazit: Informieren ja, diagnostizieren nein
Dr. Google kann ein hilfreicher erster Schritt sein, um sich grundlegend zu informieren. Wer Fragen rund um Gesundheit hat, kann sich online gut informieren, wenn er Gesundheitsinformationen bewusst prüft, kritisch nachfragt und Fakten checkt. Der Vergleich verschiedener Quellen unterstützt die Einordnung von Informationen.
Die Schlüsselfrage lautet: Nutzt du das Internet zur Vorbereitung auf ein Arztgespräch oder als Ersatz dafür? Im ersten Fall kann die Online Recherche wertvoll sein. Im zweiten Fall wird es gefährlich. Denn eines kann Dr. Google definitiv nicht: eine individuelle Diagnose stellen, die auf deiner persönlichen Krankengeschichte, deinen Blutwerten und einer körperlichen Untersuchung basiert.
Männer zwischen 45 und 65 sollten sich bewusst machen, dass sie in einer Lebensphase sind, in der regelmäßige Gesundheitschecks nicht mehr optional, sondern notwendig sind. Die Informationen aus dem Netz können dabei helfen, die richtigen Fragen zu stellen. Ersetzen können sie den Arztbesuch nicht.
CHECKLISTE: SO NUTZT DU SUCHMASCHINEN UND KI FÜR GESUNDHEITSRECHERCHE RICHTIG
Vor der Suche:
- Überlege dir konkret, was du wissen möchtest: allgemeine Informationen oder eine Diagnose?
- Sei dir bewusst: Suchmaschinen liefern Möglichkeiten, keine Gewissheiten
- Setze dir ein Zeitlimit für die Recherche (maximal 30 Minuten)
Während der Suche:
- Prüfe das Impressum: Wer steht hinter der Information?
- Achte auf Qualifikationen: Sind Ärzt*innen oder medizinische Fachleute beteiligt?
- Kontrolliere das Datum: Sind die Informationen aktuell?
- Suche nach Quellen: Werden wissenschaftliche Studien zitiert?
- Misstraue Wunderheilungen und Produktwerbung
- Nutze mehrere seriöse Quellen zum Vergleich
- Vermeide Foren und Social Media für ernsthafte Symptome
Bei KI-Chatbots beachten:
- KI kann Informationen zusammenfassen, aber keine Diagnose stellen
- Frage nach Quellen für die genannten Informationen
- Sei skeptisch bei sehr spezifischen Diagnosevorschlägen
- Nutze KI eher für allgemeine Gesundheitsfragen
Nach der Suche:
- Notiere dir Fragen für das Arztgespräch
- Gehe zum Arzt bei: anhaltenden Beschwerden, Schmerzen in der Brust, unerklärlichem Gewichtsverlust, Blut im Stuhl oder Urin, anhaltender Erschöpfung
- Vertraue deinem Bauchgefühl: Wenn etwas nicht stimmt, lass es abklären
Warnzeichen für Cyberchondrie:
- Du verbringst täglich mehrere Stunden mit Gesundheitsrecherchen
- Jede Recherche macht dich ängstlicher statt informierter
- Du meidest den Arztbesuch aus Angst vor der Bestätigung deiner Befürchtungen
- Deine Lebensqualität leidet unter den Gesundheitssorgen
Vertrauenswürdige Quellen:
- Webseiten von Krankenkassen
- Gesundheitsportale öffentlich rechtlicher Sender
- Patienteninformationen medizinischer Fachgesellschaften
- Institute wie das Robert Koch Institut oder die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
- Universitätskliniken und Gesundheitsämter
