Der Nächste bitte – Boom der Video-Sprechstunde

Es ist bewiesen, dass Männer seltener einen Arzt aufsuchen als Frauen. Für Frauen hat die Gesundheit in erster Linie mit Wohlbefinden zu tun, für Männer zählt insbesondere ihre Funktionsfähigkeit. Das könnte eine der Erklärungen sein, warum es durch Corona mehr männliche Todesfälle gibt. Männer geben meist Zeitmangel als Grund an, keinen Arzt zu konsultieren. Die Video-Sprechstunde könnte Mittel zum Zweck sein, ermöglicht sie doch einen schnellen ersten Kontakt mit dem Spezialisten. Ohne Wartezeit und ohne Kontakt-Risiko.

Männer wachsen nicht selten mit der historisch bedingten Wahrnehmung auf, besonders hart und schmerzunempfindlich zu sein. Dieses Leitbild hat sich zwar längst überholt, ist aber unterbewusst durchaus noch vorhanden. So kommt es, dass der Besuch beim Arzt oft erst die letzte Instanz
Historisch besehen definierten sich Männer früher als das „harte“, „schmerzunempfindiche“ und darum besonders leistungsfähige Geschlecht. Ein überkommenes Leitbild, das sich bei vielen Männern jedoch – zumindest unterbewusst – bis heute zu halten scheint.

Statistik zur Gesundheit von Männern

Wie die „Stiftung Männergesundheit“ anhand von Fakten aufzeigt, gibt es keinen Grund für Entwarnung. Männer sterben im Durchschnitt fünf Jahre früher als Frauen, erleiden deutlich häufiger einen Herzinfarkt oder Schlaganfall und leiden ebenfalls häufiger unter Übergewicht und Bluthochdruch. Trotzdem nehmen sie deutlich seltener notwendige Vorsorge-Untersuchungen und Gesundheits-Checks wahr. Nicht jeder Arztbesuch kann über das Smartphone erfolgen. Aber die Video-Sprechstunde ist ein wichtiger technischer Fortschritt.

Die Video-Sprechstunde ermöglicht einen schnellen und unkomplizierten ersten Austausch mit dem Arzt
© National Cancer Institute (Unsplash)

Meine erste Video-Sprechstunde

Ich selbst hatte bereits die erste „user experience“. Meine achtjährige Tochter war krank. Bedingt durch Corona sollten aber nur Notfälle direkt in die Praxis kommen. Wir wurden daher aufgefordert, uns eine App zu installieren, in diesem Fall „Mein Kinder- und Jugendarzt“. Kurz danach klingelte uns der behandelnde Arzt an, verschaffte sich einen optischen Eindruck und frage die Symptome ab. Aufgrund dieser Erkenntnisse bestellte er uns dann doch noch in die Praxis. Trotzdem war es ein wertvoller erster Austausch ohne großen Zeitaufwand von Zuhause aus.

Entwicklung der Tele-Medizin

Durch eine Videosprechstunde spart sich nicht nur der Patient lange Anfahrtswege und Wartezeiten. Auch die Mediziner können ihren Praxisalltag besser planen und volle Wartezimmer vermeiden. Dadurch werden sie auch zeitlich flexibler, weil sie nicht an Sprechstunden gebunden sind. Eine Befragung der Stiftung Gesundheit zeigt, dass gut zwei Drittel der Ärzte bereits eine Video-Sprechstunde anbieten, über 90 Prozent von ihnen diese aber erst während der Pandemie eingerichtet haben. Abrechnen können die Ärzte diese Leistung bereits seit 2017.

Schwerpunkte

Klar, alles geht nicht. Der Urologe wird euch per Video wenig helfen können, wenn es nicht nur um die Schilderung von Beschwerden geht. Am intensivsten wird der digitale Austausch für die Psychotherapie genutzt. Aber auch die Hausärzte und Spezialisten nutzen verstärkt die Kamera. Nach den Psychiatern und Psy­chotherapeuten sind nicht operativ tätige Fach­ärzte und Allgemeinmediziner die häufigsten Anwender. Ab 2022 soll dann auch das elektronische Rezept folgen. So wäre eine vollständig digitale Behandlungskette durch den Arzt möglich.

Unser Tipp

Bei gesundheitlichen Beschwerden sollte, gerade auch in Zeiten von Corona, ein Arzt hinzugezogen werden. Akute und anhaltende Beschwerden sollten nicht aufgrund von einer möglichen Ansteckung oder der Kontaktvermeidung aufgeschoben werden. Wir wissen ja alle, dass zu spät erkannte Krankheiten zum Teil schwerwiegende Folgen haben können. Daher ist die Vorsorge und der rechtzeitige Besuch beim Arzt sehr wichtig. Fragt am besten in der Praxis eures behandelnden Arztes an, ob eine Video-Sprechstunde angeboten wird. Es gibt verschiedene Betreiber von Apps auf dem Markt. Angst braucht man vor der Technik nicht haben, ein Smartphone reicht für das Gespräch. Und die Krankenkassenkarte. Sollte ein Rezept ausgestellt werden, wird es per Post versendet.

Passt auf euch auf und bleibt gesund!

Titelbild © Andrey_Popov (Shutterstock)

Kai Bösel
Kai Bösel (Jg. 1971) lebt als Patchwork-Papa mit der Familie in Hamburg. Neben NOT TOO OLD betreibt er auch das Väter-Magazin Daddylicious. Außerdem ist er Experte für Influencer-Marketing. Bisher hat er bereits fünf eigene Unternehmen gegründet, schreibt für diverse Print- und Online-Magazine, tritt als Speaker und Moderator auf und betreibt zu diesem Magazin auch einen Podcast. Nach Feierabend entspannt er beim Laufen oder Golf.

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