Abenteuer Neuanfang – eine Familie zieht nach Schweden

Den Buchautor und Lehrer Arne Ulbricht haben wir schon vorgestellt. Unter anderem mit dem Roman Schilksee 1990, einer dringenden Leseempfehlung für alle Vertreter der Gen X. Außerdem hat er mit Luna ein tolles Vorlese- und Lesebuch für Kinder geschrieben und betreibt mit seiner Tochter unter DaddyLu einen youTube-Kanal. Im letzten Jahr hat er mit der Familie die Auswanderung von Wuppertal nach Göteborg in Schweden beschlossen und uns in seinem Gastbeitrag daran teilhaben lassen. Heute meldet er sich mit einem Update aus dem Norden.

„Na dann bis bald“; sagte meine Frau, als sie Ende Oktober ins Taxi stieg.

Am 1. November fing sie an, in Göteborg zu arbeiten, wir (meine Kinder, 13 und 17, und ich) würden Anfang Dezember Richtung Schweden nachkommen. Nach dem vorläufigen Abschied von meiner Frau begann für uns ein Reigen endgültiger Abschiede. Von Freundinnen und Freunden. Von unseren Schulen – am letzten Schultag weinte ich vor meiner etwas verdutzten siebenten Klasse hemmungslos. Vom Ballett- und Taekwondo-Verein. Von Wuppertal, wo wir elf Jahre lang gelebt hatten. Von unserer Wohnung, in der wir am letzten Abend Pizza aßen und auf Isomatten schliefen. 

Waren wir wehmütig? Jein. Einerseits hatten wir uns viel aufgebaut. Andererseits freuten wir uns auf unsere neue Heimat. Außerdem hatten die Kinder immer gewusst, dass „so etwas“ passieren könnte: Mein Sohn ist Hamburger, meine Tochter Berlinerin, und dass meine Frau, bei uns die Hauptverdienerin, unglücklich auf der Arbeit war, war kein Geheimnis.

Hatten wir Angst? Nein, aber aufgeregt, das waren wir! Schließlich würden meine Kinder eine englischsprachige Schule besuchen, ich würde eine neue Stelle an einer neuen Schule finden müssen, und wir sprachen kein Schwedisch.

Der Umzug

Die Fahrt in unser neues Leben war der Knaller: Im leeren ICE fuhren wir nach Kiel, und auf der riesigen Fähre waren coronabedingt nur LKW-Fahrer, insgesamt nicht mehr als fünfzig. Es war wie auf einem Geisterschiff, fast schon surreal. Ein Taxi brachte uns am folgenden Morgen mitten ins Zentrum Göteborgs, wo das Umzugsunternehmen bereits Schränke in die Wohnung schleppte. Meine Frau … sah uns … und begann zu weinen. Ungefähr eine Sekunde später standen wir wie ein Menschenknäuel in unserem neuen Zuhause und ließen uns einige Minuten lang nicht los. Einige Tage hielt die Euphorie an, die mit folgendem Satz meiner Frau endete:

„Mein … E-Bike ist gestohlen worden!“ Dass es neu war, war das eine Problem. Das andere Problem war, dass es abgeschlossen aus dem Hof geklaut worden war – wir haben dann eine Zeit lang jeden Tag nach unseren anderen Rädern geschaut.

Bei Arne Ulbricht dreht sich auch in Schweden Vieles um Bücher und Lesen

Tja, und ich selbst fiel ziemlich bald in ein tiefes Loch. Leicht naiv und optimistisch, wie ich immer war und bin, hatte ich gedacht: Jobsuche in Schweden? Kein Problem! Ich bin ja schließlich EU-Bürger und spreche solides Englisch. Denkste! „Du kannst hier nicht einfach als Lehrer arbeiten“, erklärte mir ein Schweizer Schuldirektor, denn: „Erstmal musst du deine Zeugnisse alle ins Schwedische übersetzen lassen. Und eingestellt wirst du nur, wenn du das Sprachniveau C1 nachweisen kannst.“

Für alle Nichtlehrer: C1 = fluently = fließend. „Und es kann gut sein, dass du an der Uni noch Nachprüfungen machen musst. Auf Schwedisch. Musste ich auch, ha ha ha!“ Ha ha ha. Ich hätte kotzen können.

Wie heißt das auf Schwedisch?

Und damit wären wir beim nächsten Problem: Als ich selbstbewusst zum ersten Mal auf Schwedisch zwei Waffeln bestellen wollte, bekam ich nicht etwa zwei Waffeln, sondern wurde gefragt: „Can you say that in English?“ Schwedisch ist dem Deutschen sehr ähnlich, stimmt. Aber das heißt nicht, dass man diese Sprache schnell fließend zu sprechen (und auszusprechen) lernt.

Ich bewarb mich auf alle Vertretungsstellen, auf die sich sogar Studenten bewerben können, aber ich bekam eine Absage nach der anderen. VERDAMMT!!! Ich bin 48 Jahre alt, und es reicht doch, dass ich noch immer Absagen für Bücher bekomme. Jetzt auch als Lehrer?

Der Januar in Schweden war schwierig für mich: Meine Frau arbeitete, verdiente brav Geld für die ganze Familie und überwies mir Geld für den Supermarkt. Meine Kinder lernten auf Distanz und manchmal auch in der Schule und kamen erstaunlich gut zurecht. Meine Tochter, typisch, war die Erste, die eine echte Freundin gefunden hatte. Für die drei ging das Leben also weiter: Schule, Arbeit, Freunde! Und für mich? Für mich nicht. Dass ich mehr unter der Situation litt, als ich jemals erwartet hätte, war vielleicht auch so ein Männerding. Wenig Geld zu verdienen, das ist okay. Aber gar kein Geld zu verdienen … das ist einfach hart! (Vielleicht denken Frauen in einer solchen Situation anders. Aber vielleicht auch nicht.)

Pandemie in Schweden

Dann wurde es besser. Es gab keinen Schlüsselmoment – einen Job habe ich noch immer nicht. Vielleicht lag es daran, dass ich mich irgendwann mit Schweden verabredete, mit denen ich Deutsch und Schwedisch sprach und merkte, wie spannend diese Treffen waren. Und vor allem: Ich verliebte mich immer mehr in diese herrliche Stadt. Mit den riesigen Parks. Mit den Kanälen und dem Fluss, der Götälv, die fast so breit wie die Elbe ist und nach wenigen Kilometern in den Kattegatt (und nicht in die Ostsee, wie ich fäschlicherweise gedacht hatte) mündet. Mit den Schären, auf die man mit zum öffentlichen Nahverkehr gehörenden Fähren fahren kann. Mit den Theatern und der am Fluss gelegenen Oper, die geschlossen haben.

Aber – endlich geht es auch um das Thema Nummer 1 – abgesehen davon merkt man wenig davon, dass sich die ganze Welt im Ausnahmezustand befindet. Anfangs konnte ich nur den Kopf schütteln über dieses Volk, das von Masken wenig hält und gern in Cafés und Kneipen sitzt und sich die Lust am Leben nicht nehmen lässt – trotz apokalyptischer Zahlen. (In Göteborg Inzidenz 330.) Längst bin ich mir nicht mehr so sicher, für welches Extrem ich mich entscheiden würde, hätte ich die Wahl. Hier in Schweden sieht man die Menschen lächeln und lachen, Kinder sind bis zur sechsten Klasse durchgehend in der Schule gewesen… ist das so falsch?

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Inzwischen bin ich hier angekommen. Ich arbeite an mehreren Büchern gleichzeitig – das war immer mein Traum, dafür wirklich Zeit zu haben. (Und wenn ich dann doch Geld damit verdiene, hätte ich auch ein anderes Problem gelöst.) Und dann ist das passiert, worauf ich immer gehofft hatte – ich bin hier im fremden Land wieder wichtig für die Kinder! (Dieses Wichtigsein hört ja oft auf, wenn die Kinder in die Pubertät kommen.)

„Papa, wollen wir nicht Videos drehen und unser Schweden auf YouTube vorstellen?“

Das fragte mich meine Tochter, mit der ich früher Lotti Karotti gespielt habe. Ja, ich wollte. Inzwischen sind acht Videos entstanden, und es werden noch einige folgen, die auf unserem Kanal DaddyLu zu sehen sind.

Wie es weitergeht? Keine Ahnung. Aber momentan hoffe ich darauf, dass es weitergeht!!! Denn mit fast fünfzig einen derart radikalen Neuanfang zu wagen, ist tatsächlich das Abenteuer geworden, mit dem ich gerechnet und auf das ich gehofft habe. Und dass nicht alles klappt, gehört ja irgendwie dazu.

Arne Ulbricht
Arne Ulbrichthttps://arne-ulbricht.de/
Arne Ulbricht (Jg. 1972) ist ein Schriftsteller und hat bereits diverse Sachbücher und Romane für Kinder und Erwachsene verfasst. Der gebürtige Kieler hat nach dem Staatsexamen an Gymnasien unterrichtet und sich als Lehrer in Teilzeit um seine beiden Kinder gekümmert. Mit seinen Ansichten zur Digitalisierung hat Arne Ulbricht bereits für Aufmerksamkeit und kritische Diskussionen gesorgt.

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